KunstbuchAnzeiger - Kunst, Architektur, Fotografie, Design Anzeige Verlag Langewiesche K√∂nigstein | Blaue B√ľcher
[Home] [Kunst] [Rezensionen] [Druckansicht]
Themen
Recherche
Service

[zurŁck]

Souvenir - Die Erinnerung in Dingen

Innovativ geht es zu in den Kulturwissenschaften. Vor einigen Jahren wurde der "iconic turn" propagiert, alsbald von Karl Schl√∂gels "spatial turn" erweitert und nun noch ein "material turn", der kommt aus den amerikanischen Kulturwissenschaften und soll zu einer Forschungsrichtung der "material culture" ausgebaut werden. Am Subjekt setzt die inzwischen weitverzweigte Erinnerungsforschung an. In der Ausstellung "Der Souvenir - Erinnerung in Dingen von der Reliquie zum Andenken", geteilt zwischen dem Museum f√ľr Angewandte Kunst und dem f√ľr Kommunikation, beide in Frankfurt/Main, sollen beide Str√§nge, Dingkultur und Erinnerungskultur zusammengef√ľhrt werden.

Die Welt ist voller Dinge und somit kann jedes Ding, sofern es emotional oder kognitiv besetzt wird, zum Souvenir, einem Andenken, werden. Ob es sinnvoll ist, als Hommage, so die Ausstellungsmacher, an "die philologische Unterscheidung der französischen Urformen "le souvenir" und "le rappel", den im Deutschen gebräuchlichen Artikel ins Maskulin zu setzen, wäre eine eigene Abhandlung wert. Beabsichtigt ist von den Kuratoren, den passiven Charakter, der "le souvenir" mitgegeben ist, zu betonen.
Die Kuratoren stehen mit diesem Zuschnitt vor einer gewaltigen Herausforderung und es verwundert daher nicht, dass dem Unternehmen eine sechsj√§hrige Planungsphase vorausging. Zur Ausstellung in den beiden Frankfurter Museen erschien ein umfangreicher Katalog zum recht vagen Ph√§nomen Souvenir. Die Kuratoren entschlossen sich zu einer Gliederung nach Themen. So gibt es eine Abteilung zum religi√∂sen, zum banalen oder zum digitalen Souvenir, insgesamt 11 Stationen. Begriff und Sache, Ein- und Ausgrenzung, m√∂gliche Formen des Andenkens entwickeln sich √ľber die gesamte Text- und Bildstrecke. Beschworen wird in der Einleitung zwar ein goldener Faden, allein der Leser sollte einen von Ariadne dabei haben, da er sich sonst verlaufen k√∂nnte. Erkenntnistheoretisch einleuchtend, der Verzicht auf die Universalie Souvenir. Denkt man an den Adressaten, sei es der Leser oder Ausstellungsbesucher, so wirkt die Methode, auf ein systematisches Kapitel zum Erinnerungsvorgang zu verzichten, etwas problematisch. Zwar findet sich im ersten Beitrag von G√ľnter Oesterle eine Auseinandersetzung zur individuellen und kollektiven Erinnerung, zur individuellen und kommerziellen Aneignung des Dings, Ideengeschichtliches wird aber kaum geboten, Psychologisches steht weiter hinten im Katalog und ein fundamentaler Unterschied, so die unbeschwerte und traumatische/schmerzliche Erinnerung, erfolgt ab Seite 244 am Beispiel der "Erinnerungsst√ľcke des Holocaust". Damit ist die Dimension schmerzlicher Erinnerung aber keineswegs auch nur ann√§hernd beschrieben, das ist seit Friedrich Nietzsche bekannt. Er hatte Erinnerung an den Schmerz gebunden, erinnert wird, was uns schmerzt und das ist ein weites Feld. Anstatt einer Systematik weitete man das Feld auch noch geographisch aus. Neben chinesischen stehen niederl√§ndische und franz√∂sische Erinnerungen bzw. Andenken. Dies tr√§gt wenig dazu bei, das Ph√§nomen ein wenig griffiger zu gestalten, das sich, das erf√§hrt man auf Seite 47, einer formalen und inhaltlichen Kategorisierung entzieht. So ganz wird der Leser die vorge-nommene Einteilung nach Themen nicht nachvollziehen k√∂nnen. So folgt dem Text von Oesterle ein Beitrag zu neurophysiologischen und psychologischen Aspekten, um dann un-vermittelt Souvenirs der Franz√∂sischen Revolution zu pr√§sentieren, die eigentlich in den ab Seite 159 verhandelten Kontext der Umstellung von der Repr√§sentationslogik auf die Identit√§tslogik geh√∂ren. Nach Rolf Reichardts franz√∂sischen Souvenirs werden religi√∂se Erinnerungsst√ľcke und Reiseandenken vorgestellt, um dann, nun wieder im Quersprung im 18. Jahrhundert zu landen. Bedeutsam ist dieser Einschnitt deshalb, weil mit der "Herausbildung einer neuen Gef√ľhlskultur", so die Autorinnen Anna Ananieva und Christiane Holm, eine "grundlegende Z√§sur in der Geschichte des Souvenirs" stattfindet, es wird Gegenstand des Nachdenkens, personaler Identit√§t, gekennzeichnet durch "Intermedialit√§t, Narrativit√§t, Performativit√§t, Fiktionalit√§t und eine spezifische Poesie von Verh√ľllen und Enth√ľllen strukturiert."

Mit einem Intermezzo zum Sammler und Wissenschaftler Mario Praz erfolgt der Link zum Arrangement der Objekte. Abgesetzt vom Sammler, der sich an rein √§sthetischen Qualit√§ten orientiert, sammelte Praz vor allem Dinge aus dem Empire, die f√ľr ihn einen Erinnerungswert an andere Menschen, Dinge, Ereignisse hatten. Einzelne Beitr√§ge widmen sich noch der Reflexion der Andenken in Literatur und Kunst, sprechen √ľber die Adressaten der Erinnerungsst√ľcke und deren Erwerb. Etwas widerspr√ľchlich behandelt wird 'der Souvenir' in den Beitr√§gen von Volker Fischer zur Ph√§nomenologie zeitgen√∂ssischer Erinnerungskultur und Helmut Gold zum digitalen Souvenir. Was immer noch nicht klar wird, deckt sich der hier verwendete Begriff Souvenir mit Dingen bzw., wie es bei Helmut Gold anklingt, mit dreidimensionalen Gegenst√§nden. Alle Autoren mogeln sich daran ein wenig vorbei. So spricht G√ľnter Oesterle von einer "Affinit√§t von Ding und Erinnerung", f√ľr Volker Fischer geh√∂ren Andenken "√ľberwiegend" zur Dingkultur und Helmut Gold verweist auf virtuelle Medien und so l√§√üt sich hinzuf√ľgen, die Literatur kennt zahlreiche Beispiele, dass Ger√ľche und Ger√§usche Erinnerungen evozieren. Mit einigem Recht k√∂nnte man ebenfalls von Souvenirs sprechen. Die M√∂glichkeiten lie√üen sich √ľberdies erweitern.

Betritt man die Abteilung "Traumatische Erinnerung - Erinnerungsst√ľcke an den Holocaust - eine unvollendete Vergangenheit", so wird man vom Text der Autorin, Sabine Runde, stellvertretende Direktorin des Museums f√ľr Angewandte Kunst, entt√§uscht, zumal Ausstellung und Katalog in Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich f√ľr Erinnerungskultur der Justus-Liebig-Universit√§t Gie√üen zustande kamen und das Vorhaben eine lange Vorlaufzeit von sechs Jahren hatte. Es darf, auch weil es sich dabei um ein menschlich und politisch sensibles Thema handelt, erwartet werden, dass die Autorin sich zumindest mit den Termini, um das politische System zu kennzeichnen, vertraut gemacht hat und hier einheitlich vorgeht. Das ist jedoch nicht der Fall, Nazizeit, pardon, das ist Jargon, hinter den Begriffen Faschismus und Nationalsozialismus stehen ganz unterschiedliche wissenschaftliche Konzeptionen und der Nationalsozialismus ist schon deshalb keine "Variante, die Adolf Hitler, der Diktator, vorgab", weil es nur, im Unterschied zu den Faschismen, einen Nationalsozialismus gab. Auch die Rede von der "unglaublichen Struktur" der Vernichtungslager wirkt genauso hilflos wie die Rede von der "Unverdaulichkeit der Schuld". Moralische Entr√ľstungen und Aufr√ľstungen sind fehl am Platz, werden, wie "perfide", aber durchg√§ngig verwendet, von der Ausschlu√ülogik der Nationalsozialisten und den Bedingungen in den Lagern erf√§hrt man nichts. Hier h√§tte ein Blick auf Wolfgang Sofskys Publikationen weiter helfen k√∂nnen. Auch problematisch und l√§ngst gekl√§rt, methodisch ist eine Vergleichbarkeit von totalit√§ren Systemen legitim, ohne das die "Alleinstellung" dieses politischen Systems, Begriff der Autorin, gef√§hrdet ist. Das sind Debatten von vorgestern und das Resultat "Alleinstellung" beruht methodisch seinerseits auf einem Vergleich. Was bereits hier sichtbar wird, setzt sich fort. Die Autorin ist nicht auf dem Stand der Forschung, wichtige Werke zum behandelten Zusammenhang fehlen und was zur Erinnerung und Subjektkonstitution von Opfern gesagt wird ist stark erg√§nzungsbed√ľrftig. In politischen Zusammenh√§ngen gedacht, der Text w√ľrde eine Debatte ausl√∂sen. Man fragt, wo blieb die Betreuung durch den Gie√üener Sonderforschungsbereich?

Der Katalog zeigt vor allem eines, die Forschung zum privaten Andenken steht am Anfang. Allenfalls Schneisen konnten die Textbeitr√§ge schlagen, zu viele Fragezeichen bleiben zur√ľck.
17.11.2006
Sigrid Gaisreiter
Souvenir. Die Erinnerung in Dingen. Von der Reliquie zum Andenken. Beitr. v. Beyer, Andreas /Fischer, Volker /Gold, Helmut/Linhart, Eva /Oesterle, G√ľnter /Schneider, Ulrich. Hrsg. v. Schneider, Ulrich. 400 S., 300 Abb. 28 x21 cm. Wienand, K√∂ln 2006. Pb. EUR 39,90
ISBN 3-87909-892-1
 
© 2003 Verlag Langewiesche [Impressum] [Nutzungsbedingungen]