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Piet Mondrian. Eine Retrospektive

Pieter Cornelis Mondrians (1872-1944) SpĂ€twerk, sein Spiel mit FlĂ€chen und den drei Grundfarben, ist ungemein populĂ€r als Verkaufsstrategie, als ideale Verpackung von alltĂ€glichen Artikeln, so als Markenzeichen einer Haarpflegeserie. Es trifft Mondrian, wie andere KĂŒnstler auch, deren Kunst als Dekor vernutzt wird. Mondrian also populĂ€r? Keinesfalls, denn einem breiteren Publikum sind weder Mondrians Ästhetik, noch sein FrĂŒhwerk bekannt. Die vorliegende Publikation, ein Katalogbuch zur Ausstellung in der Albertina in Wien (10.3.-19.6.2005), macht es möglich, den ganzen Mondrian zu entdecken. Wie viele vor und nach ihm, begann Mondrian naturalistisch und realistisch, setzte sich mit den Strömungen des Pointillismus und des Jugendstils auseinander. Schon in dieser Periode seines Werks zeigt sich Mondrians Auseinandersetzung mit dem VerhĂ€ltnis von Vertikale und Horizontale, die sein gesamtes spĂ€teres Werk dominieren sollte. Klaus Albrecht Schröder, dem Direktor der Albertina, ist ein großer Wurf gelungen. Anhand wichtiger Werke lĂ€ĂŸt sich Mondrians Weg in die Abstraktion nachvollziehen. Schröder prĂ€sentiert Mondrians formale Entwicklung als lange Linien der AllmĂ€hlichkeit. Die Auswahl der Bilder, GemĂ€lde und Zeichnungen aus ĂŒber 30 Museen der Welt zusammengetragen, ist in der Mischung aus Bekanntem und Unbekanntem und SchlĂŒsselwerken geglĂŒckt. Dem Katalog beigegeben wird eine ausfĂŒhrliche Bio- und Bibliographie. Hans Janssen, der bereits Arbeiten ĂŒber Mondrian vorgelegt hat und die TextbeitrĂ€ge im Katalog verfaßt hat, gelingt das KunststĂŒck kenntnisreicher Kommentierung der Bilder in der BeschrĂ€nkung aufs Wesentliche, ohne sich in der Fachsprache zu verlieren. Hier liegt eine geglĂŒckte, selten zu beobachtende Popularisierung vor. Überzeugend etwa der Vergleich der Werke Stilleben mit Ingwertopf von 1911 und Stilleben mit Ingwertopf von 1912. Im Laboratorium der Moderne, Paris, dorthin ĂŒbersiedelte Mondrian, gelingt ihm die entscheidende stilistische Weiterentwicklung durch seine Auseinandersetzung mit dem Kubismus von Picasso und Braque, dafĂŒr sind beide Bilder beredter Beleg. Den letzten Schritt in die konstruktive Abstraktion vollzog der KĂŒnstler 1916, angeregt durch die Begegnung mit Bart van der Leck, einem der spĂ€teren GrĂŒndungsmitglieder des 1917 gegrĂŒndeten De Stijls, der dem deutschen Bauhaus nahe steht. Mondrian löst sich vom GegenstĂ€ndlichen und geht damit ĂŒber Picasso hinaus, der in seinen abstrahierenden Arbeiten letztlich gegenstĂ€ndlich blieb. Mondrians Ästhetik kreist um den Begriff Harmonie, den Ausgleich von GegensĂ€tzen. Er sucht sie formal durch eine Äquilibristik der Beziehungen zwischen Linien, Farben und FlĂ€chen zu erreichen und sieht Kunst vor die Aufgabe gestellt, sich nicht nach der Ă€ußeren Erscheinung, sondern nach deren Wesen zu richten. Die materielle OberflĂ€che fasst Mondrian als bloß Ă€ußere und durch den Lauf der Zeit sich verĂ€ndernde Schicht, unter der sich, essentialistisch gedacht, das Bleibende, die Substanz verbirgt. Dieses Wesen zu ergrĂŒnden ist Mondrians Programm, das er strukturalistisch deutet, wenn er sagt, dass die „natĂŒrlichen Formen auf ihre konstanten Formelemente zurĂŒckzufĂŒhren“ seien und die natĂŒrlichen Farben auf ihre Grundfarben. Aus den elementaren Prinzipien bildnerischer Gestaltung, wie waagerecht/senkrecht, groß/klein, hell/dunkel und den PrimĂ€rfarben sowie Weiss schöpft Mondrian. Von der De Stijl-Bewegung und Theo van Doesburg, einem weiteren Mitglied von De Stijls trennte sich Mondrian 1925 wegen Ă€sthetischer Meinungsverschiedenheiten. Mondrian, der in der ruhigen Aufteilung der BildflĂ€chen durch Waagerechte und Lotrechte Harmonie sah, verbannte Kurven und Diagonale, der sich van Doesburg verpflichtet sah und die Mondrian als Dynamisierung ablehnte. Mit den ab den 30er Jahren entstandenen reduktionistischen und koloristisch auf die Grundfarben beschrĂ€nkten Bildern, die von schwarzen Linien umschlossen werden, wird Mondrian, ohne dass es den Begriff Minimal Art bereits gibt, zu deren BegrĂŒnder. Janssen schreibt, Mondrian spielte „die rhythmischen Möglichkeiten der Linienstruktur gegen die Wirkung einer einzigen Farbe“ aus. GrĂŒn war bei Mondrian verboten. Dan Flavin antwortet in seiner Hommage an Mondrian mit der Lichtinstallation greens crossing green. Eine Hommage an Mondrian ist auch vorliegendes Buch. Dessen Harmonie liegt im Gleichgewicht der Beziehungen zwischen klugen Texten, prĂ€gnanter Auswahl der Bilder und sorgfĂ€ltiger Ausstattung, und das im Sinne Mondrians auf „klarste und stĂ€rkste Weise".

8.12.2005


Sigrid Gaisreiter
Piet Mondrian. Eine Retrospektive. 224 S., 140 fb. Abb. 29 x 24 cm. Gb Prestel, MĂŒnchen 2005. EUR 49,95
ISBN 3-7913-3361-5
 
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