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Die Beschämung der Philister. Wie die Kunst sich der Kritik entledigte.

Texte zeitgen√∂ssischer Kunstkritik lesen sich oft wie groteske Produkte entfesselter Prosa. Hemmungslos werden Schw√§lle rhetorischen Unfugs √ľber den Leser ausgesch√ľttet. Statt einer kritischen Analyse oder einer sachlichen Beschreibung eines Werks liefert die Kunstkritik oft poetisch verehrendes, lyrisches Geschw√§tz. Je n√§her die Publikationen den Institutionen der Kunstwelt stehen, desto gr√∂√üer die Wahrscheinlichkeit, da√ü man darin auf enthusiastische Erlebnisaufs√§tze st√∂√üt. Nicht Dilettanten kreieren erheiternde Produkte, sondern renommierteste Vertreter der Zunft.
F√ľr Christian Demand ist die Kunstkritik seit langem eine tragikomische Veranstaltung. Er liefert nicht nur zahlreiche Beispiele kurioser Kunstbewertung, sondern geht der Frage nach, wozu diese √∂ffentliche Rede √ľber die Kunst dient und welche Funktionen ihre charakteristische Form erf√ľllt. Anders als Hans Platschek, der ein lnteressenkartell von Kritik und Kunsthandel vermutete, sieht Demand als Ursache f√ľr den weitgehend affirmativen Charakter heutiger Kunstkritik die Tendenz zur quasireligi√∂sen Verkl√§rung, die √úberzeugung, da√ü Kunst ein h√∂chstes, unanfechtbares Heiligtum darstellt. Diese Auffassung entzieht den Bereich der Kunst rationaler Kritik und bef√∂rdert stattdessen das mystifizierende Raunen der √§sthetisch Beseelten. Sie entm√ľndigt das Publikum, schafft ein Milieu geistiger Selbstzufriedenheit und erodiert die Grenzen zwischen Bekenntnis und wissenschaftlicher Analyse. Problematisch wird diese Form der √∂ffentlichen Hymnik vor allem dann, wenn sie Allgemeing√ľltigkeit beansprucht und all diejenigen des Philistertums bezichtigt, die nicht in das Hohelied einstimmen.
Demand schildert die Genese dieses mythischen Kunstglaubens und verfolgt die Entwicklung des Kunstkritikers vom urteilenden, die Perspektive des Publikums einnehmenden Betrachters, zum √∂ffentlichkeitsfernen Sprachrohr des K√ľnstlers.
Die Arbeit ist als Beitrag der Kunstphilosophie konzipiert, dessen Leitidee war, dem Kunstdiskurs und seinen Mechanismen einmal mit dem Abstand gegen√ľberzutreten, den er selbst seinem Gegenstand gegen√ľber weitgehend vermissen l√§√üt. Christian Demand nimmt seine Leser auf einen ausgesprochen unterhaltsamen Gang durch die Kunstgeschichte der vergangenen 200 Jahre mit.
¬ĽNirgendwo sonst im Kulturbetrieb wird so viel abstruser Unsinn geschrieben wie in der bildenden Kunst, nirgendwo sonst ist auch die Bereitschaft so gro√ü, die Selbstausk√ľnfte der Produzierenden, Verkaufenden und Pr√§sentierenden als letztes Wort hinzunehmen.¬ę

Christian Demand, Jahrgang 1960, studierte Philosophie. Er ist Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks und lehrt an der Universit√§t f√ľr Angewandte Kunst in Wien. Au√üerdem ver√∂ffentlicht er regelm√§√üig Beitr√§ge zu Kunst und √§sthetischer Theorie in Zeitschriften und im Rundfunk.
4.6.2004
vdr
Demand, Christian: Die Beschämung der Philister. Wie die Kunst sich der Kritik entledigte. 200 S. 20 cm. Pb., Zu Klampen, Springe, 2003. EUR 19,80
ISBN 3-934920-32-2
 
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