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40 Jahre Fluxus und die Folgen

Was ist Fluxus? Auf diese Frage kann kaum jemand Antwort geben, auch eingeschworene Fluxisten nicht. Wo Fluxus ist, ist einfacher zu beantworten: Immer wieder in Wiesbaden. Die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden wurde auch im Spätsommer des Jahres 2002 zum Zentrum der internationalen Fluxus-Bewegung. Denn angefangen hat alles hier, im Vortragssaal des Museums.
1962 war Wiesbaden Schauplatz der Geburt von Fluxus - als Gr√ľndungsakt gelten bis heute die von dem amerikanischen, in Wiesbaden stationierten Offizier George Maciunas organisierten "Fluxus Festspiele Neuester Musik", vor allem die ber√ľhmte Nummer mit dem Steinway-Fl√ľgel: F√ľnf M√§nner, George Maciunas, Dick Higgins, Wolf Vostell, Benjamin Patterson und Emmet Williams zers√§gten in ebenjenem Vortragssaal das Musikinstrument und maltr√§tierten es mit H√§mmern - ein symbolischer Akt von Antikunst, der eine rebellische Haltung zum Ausdruck bringen sollte: die gemeinsame Dekonstruktion einer langen musikalischen Tradition als Neubeginn, eine respektlose Neudefinition des Kunstbegriffs.
Die Errungenschaften der gleichzeitig in Japan, Amerika und Europa operierenden Fluxus-Bewegung sind vor allem ihr explizit "multimedialer" Ansatz - zu einer Zeit, in welcher der Begriff als Gl√ľcksversprechen galt: Elemente aus Musik, Performance, Kunst, Literatur und Theater verschmolzen unter der √Ągide der Fluxisten in der Tradition von Duchamp und den Dadaisten zum Gesamtkunstwerk. Ansonsten sagt Fluxus nicht mehr als "flie√üen" - permanente Bewegung. Doch dieser Gedanke ver√§nderte den Werkbegriff der Kunst: Seit Fluxus kann ein Kunstwerk auch nur einen einzigen, kurzen Augenblick strahlen - Fluxus ist keine Museumskunst, sondern Minutenkunst.
Fluxist konnte jeder sein: Es gab keine feste Gruppe, doch viele f√ľhlten sich zugeh√∂rig: Vor allem Joseph Beuys kommentierte den Wiesbadener Museumsskandal als bedeutendes Ereignis. Einen ganzen "Kunstsommer Wiesbaden 2002 - 40 Jahre: Fluxus und die Folgen" haben die Kuratoren Ren√© Block und Regina B√§rthel zu Ehren des vierzigj√§hrigen Jubil√§ums im Auftrag des Kulturamtes der Stadt zusammengestellt. Jetzt (warum erst zwei Jahre danach?) ist der Katalog fertig.
Die Wiesbadener Ausstellung und jetzt das Katalogbuch zeigt vor allem, wie zentrale Ideen der Fluxisten heute neue Aktualit√§t gewinnen, wie Kurator Ren√© Block vor zwei Jahren meinte: "In den vergangenen 40 Jahren hat Fluxus die verschiedensten Einsch√§tzungen und Interpretationen erfahren: Von der Geringsch√§tzung als unseliges Chaos √ľber den Vorwurf der puren Provokation bis hin zur √úberh√∂hung als einzig m√∂gliche Kunstform. Sicher ist, dass Fluxus sich √ľber die Jahre hinweg als eine bis heute jung gebliebene Anschauung erwiesen hat. Fluxus als Geisteshaltung."
Einen gedanklichen Gesamtraum zu schaffen war das Anliegen der Kuratoren - kaum ein Ort in der Wiesbadener Innenstadt, an dem nicht eine Plakatwand eine Fluxus-Parole zitierte. Im "Projektraum Stadtmuseum" rekonstruierte der Fluxus-Veteran Emmett Williams mit privaten Dokumenten, Briefen, Plakaten und Brosch√ľren schlie√ülich das historische Fluxus-Netzwerk.
Doch was Fluxus ist, das weiß auch zwei Jahre nach der Ausstellung noch niemand. Nach den Eröffnungsfeierlichkeiten und der Festrede des Documenta-Leiters Okwui Enwezor zog eine Menschengruppe mit scheppernden Bierdosen durch die sonntäglich ruhige hessische Landeshauptstadt. Auch sie behaupteten Fluxisten zu sein, schrieen "Nichts" zu wollen und machten dabei einen Riesenlärm. Doch will Fluxus wirklich "Nichts"? Ein Fluxus-Film von Terry Fox arbeitet mit sparsamsten Mitteln - und schärft die Sinne: Fox' 1974 entstandene "Children's Tapes" sind ein Kleinod des Underground-Films. Sie zeigen auf wenigen Minuten Schwarzweißfilm, wie spannend es sein kann, mit Streichhölzern, Gabeln und Löffeln ein selbstvergessenes Spiel zu beginnen und ganz nebenbei fundamentale physikalische Gesetze zu demonstrieren: Ein Löffel liegt auf einer Gabel, schaukelt sich immer mehr in Rage - und der Film ist zu Ende, als der Löffel auch wirklich fällt.
Das im Verlag "Edition 6065" erschienene Katalogbuch "Kunstsommer Wiesbaden 2002. 40 Jahre: Fluxus und die Folgen" f√ľhrt die gro√üe Vielfalt an Ausstellungen und Aktionen in einem Band zusammen, erg√§nzt um einige weiterf√ľhrende Texte von Ren√© Block, Martin Glaser, Frank Gertich, Ulrike Groos, Regina B√§rthel und Barbara Steiner. Eine ausf√ľhrliches Verzeichnis stellt alle beteiligten K√ľnstler vor. Doch die Frage, warum der Katalog erst heute erscheint, sei schon erlaubt. W√§hrend der Ausstellungszeit h√§tte es deutlich mehr Spa√ü gemacht, darin zu lesen.
28.5.2004
Marc Peschke
Bärthel, Regina: 40 Jahre: Fluxus und die Folgen. Kunstsommer Wiesbaden 2002. 240 S., 300 fb. Abb. 26 cm. Edition 6065, Wiesbaden 2004 Pb EUR 18,50
ISBN 3-9808639-3-X
 
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