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Die Moderne und ihre Sammler

"Die gegenw√§rtige Malerei, ich meine damit die franz√∂sische Malerei von Manet bis Maurice Denis und van Gogh, ist f√ľr mich eines der Dinge, die mir das Leben √ľberhaupt versch√∂nen", schreibt Hugo von Hofmannsthal 1905 an Maximilian Harden und umrei√üt damit eine affirmative Haltung zur zeitgen√∂ssischen franz√∂sischen Kunst, wie sie durchaus im deutschen Gro√üb√ľrgertum der damaligen Jahrhundertwende anzutreffen war. Diametral steht ihr das Urteil des Malers Carl Vinnen entgegen, der - anl√§sslich der Erwerbung von van Goghs "Mohnfeld" f√ľr die Bremer Kunsthalle - seinen "Protest deutscher K√ľnstler" ausl√∂ste (1911). Vinnen sah hier eine von Kunsth√§ndlern, Intellektuellen und "Snobs" manipulierte Bevorteilung franz√∂sischer Kunst, der gegen√ľber die deutsche Malerei ins Hintertreffen geriete.
Die beiden Haltungen verdeutlichen die Bandbreite √∂ffentlicher Meinung, die das vermehrte Auftauchen moderner franz√∂sischer Kunst im Zeitraum von 1890 bis 1914 in Deutschland ausl√∂ste. Dieses Auftauchen ist unterschiedlichen Personengruppen zu verdanken, die sich mit intellektuellem und finanziellem Engagement gegen die wilhelminische Auffassung von Kaiser, Reich und Kunst wandten. Im einleitenden Essay des vorliegenden Bandes (1-9) benennt Wilhelm Gaethgens die Kr√§fte, die eine Etablierung impressionistischer und postimpressionistischer Malerei bis hin zu den Fauves und Picasso erm√∂glicht hatten: engagierte Museumsdirektoren wie Hugo von Tschudi in M√ľnchen, Karl Ernst Osthaus in Hagen oder Alfred Lichtwark in Hamburg, die mit ihrer Sammlungst√§tigkeit der Avantgarde museale Pforten √∂ffneten; Kritiker und Kunstschriftsteller wie Emil Heilbut, Julius Meier-Graefe oder Harry Graf Kessler, die gegen die Konventionen anschrieben und gerade in den angespannten Jahrzehnten des Kaiserreichs zu einem kulturellen Verst√§ndnis des franz√∂sischen Nachbarn beitrugen; und schlie√ülich die Sammler. Im Gegensatz zu den Kunsthistorikern, deren Rolle exemplarisch beschrieben ist - erinnert sei an die Ausstellung "Manet bis van Gogh. Hugo von Tschudi und der Kampf um die Moderne" - ist ihr Wirken bislang weitgehend unbekannt oder nur vereinzelt bearbeitet. Mit 15 Sammlerbiographien versucht der von Andrea Pophanken und Felix Billeter in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Forum f√ľr Kunstgeschichte herausgegebene Band die Forschungsl√ľcke zu schlie√üen.
Der Versuch ist gelungen. Erstmals stellt ein Band in einem umfassenden Ma√üe deutsche Privatsammlungen franz√∂sischer Kunst der Moderne dar. In der weitgehend einheitlichen L√§nge der Beitr√§ge spiegelt sich die Gleichbehandlung der Sammlungen, wodurch eine Objektivierung sichergestellt ist. Der zumeist identische inhaltliche Aufbau der Einzelbeitr√§ge kristallisiert die biographischen Lebensumst√§nde der Sammler, die jeweilige Motivation des Sammelns und die topographischen Orte der Sammlungen als prim√§re Vergleichspunkte heraus. Fast in jedem Fall aber sto√üen die Autoren an die Grenzen des Erforschbaren: Prim√§rquellen √ľber den Erwerb der Bilder oder Kataloge der Sammlungen fehlen oftmals, so dass die Rekonstruktion zur Flei√üarbeit ger√§t. Vielfach ist man auf zeitgen√∂ssische Beitr√§ge in Kunstzeitschriften angewiesen, in denen die Sammler und ihre Bilder vertreten waren. Im Falle von Harry Graf Kessler, Kurt von Mutzenbecher, Eberhard von Bodenhausen, Otto Gerstenberg, Leopold Biermann, Johann Georg Wolde und Gottlieb F. Reber findet sich ein rekonstruierter Katalog jeweils im Anhang. F√ľr die anderen Sammlungen (Eduard Arnhold; Emil Heilbut; Alfred Walter Heymel; Adolf Rothermundt, Oscar Schmitz; August von der Heydt; Carl und Thea Sternheim; Eberhard Koehler; Otto Krebs; Max Silberberg; Alfred Cassirer) wurde entweder auf √§ltere Literatur verwiesen oder eine Rekonstruktion war nicht m√∂glich.
Das dichte Netz von Informationen, das der Sammelband bietet, vermag zu begeistern und legt zugleich eine Schw√§che blo√ü. Es ist ein gro√ües Verdienst des Bandes, die Vielschichtigkeit der Sammlungen, aber auch des Sammelns aufzuzeigen. Andrea Pophanken und Felix Billeter nennen in ihrem einleitenden Beitrag (11-21), der sich als Zusammenschau der daran anschlie√üenden Einzeluntersuchungen sieht, einige Leitmotive des Buches, die sich aus der Gesamtlekt√ľre ergeben. Eine wertvolle Gesamtschau zum Sammeln vor dem Ersten Weltkrieg, zum Zusammenhang von Bildungsb√ľrgertum und Geschmacksbildung und zum Zusammenwirken von Museen und Sammlern findet sich auch, versteckt und daher unerwartet, im Beitrag von Sabine Beneke zur Sammlung Alfred Cassirer (327-345). Doch sieht man davon ab, fehlt eine Zusammenschau anderer wichtiger Aspekte, die dem Verst√§ndnis des Gesamtph√§nomens f√∂rderlich w√§ren. Neben Sabine Benekes Ausf√ľhrungen finden sich kaum weiterreichende √úberlegungen zu Wesen und Selbstverst√§ndnis der Sammler. Dabei b√∂te das Material die M√∂glichkeit, in einem Res√ľmee ein Psychogramm des Sammelns zusammenzustellen, wie dies Emil Waldmann bereits 1920 getan hat. Karitative und bildungsb√ľrgerliche, √§sthetische und eigenn√ľtzige Motive lie√üen sich zu Gruppen zusammenfassen. Immer wieder scheint die Rolle der Zeitschriften auf, die nicht nur neue √§sthetische Anschauungen propagierten wie "Kunst und K√ľnstler" oder "Pan", in dessen Planetensystem wichtige Sammler und Kritiker kreisten (z. B. Harry Graf Kessler oder Kurt von Mutzenbecher), sondern auch durch die Portr√§ts einzelner Sammlungen zu Multiplikatoren wurden. Immer wieder sprechen die Autoren die Rolle einzelner K√ľnstler an, die zu Vermittlern neuer franz√∂sischer Kunst wurden wie Franz Marc bei Koehler oder Henry van de Velde bei Harry Graf Kessler, der nicht nur wiederholt als Architekt f√ľr den inszenatorischen Rahmen der Sammlungen sorgte, sondern direkte Kontakte vermittelte. Und immer wieder scheint die Rolle von pers√∂nlichen Freundschaften oder gesellschaftlichen Zirkeln auf, die f√ľr die Weitergabe von Ideen und, ganz konkret, Kunstwerken sorgten. Leitmotivisch durchziehen die Namen der wichtigen Kunstschriftsteller Richard Muther und vor allem Julius Meier-Graefe die Beitr√§ge. Ihre Rolle ist sattsam erforscht und muss nicht eigens noch einmal herausgestellt werden. Leitmotivisch finden sich aber auch die Namen der bedeutenden deutschen und franz√∂sischen Galerien (z. B. Arnold-Gutbier, Bernheim, Cassirer, Durand Ruel, Flechtheim, Kahnweiler, Rosenberg, Schuffenecker, Thannhauser oder Vollard) wieder, in denen die Sammler kauften. Hier w√§re ein eigenst√§ndiger Beitrag oder auch nur eine tabellarische √úbersicht im Anhang hilfreich gewesen, um den jeweiligen Kundenkreis bzw. die √úberschneidungen mit anderen Galeristen aufzuzeigen. Die Rolle des Kunsthandels bei der Verbreitung der Moderne ist seit einigen Jahren Forschungsgegenstand. Der hier angezeigte Band verr√§t immer wieder, wie das Zusammentreffen von Sammlern in den Galerien und der geistige Austausch, der in diesem Zusammenhang stattfand, die Sammlungen selbst beeinflussten. Die Rolle der H√§ndler, die sich auf einen engen Kreis begrenzen lassen, ist betr√§chtlich. Sie definieren gleicherma√üen die "land marks" der Moderne, die in die deutschen Sammlungen gelangten. Vereinzelt kaufen die Sammler zwar auch direkt in den franz√∂sischen Ateliers und sind gerade der Pariser Kunstszene freundschaftlich verbunden. Doch der Regelfall ist der der Zusammenarbeit mit den gro√üen Kunsthandlungen in Deutschland und Paris. Schlie√ülich w√§re auch ein √úberblick zum Rahmen der Pr√§sentation von Sammlungen sinnvoll. Keineswegs handelte es sich um Kollektionen, die nur das einsame Sammlerherz erfreuten, wie die Sammlung Krebs. Sammler konzipierten, unter Beteiligung namhafter Innenarchitekten, ensemblehafte Interieurs f√ľr ihre Werke wie Harry Graf Kessler oder Kurt von Mutzenbecher, machten sie der √Ėffentlichkeit zug√§nglich wie Eduard Arnhold oder Otto Gerstenberg, nutzten die Werke f√ľr didaktische Zwecke in ihrer Doppelrolle als Sammler und Lehrer oder Kritiker wie Emil Heilbut oder Eberhard von Bodenhausen. Erst die Gesamtlekt√ľre des Bandes erschlie√üt diese √úberlegungen zur G√§nze.
Eine Ahnung dessen, was sich einstmals in diesen deutschen Sammlungen befand und durch freiwillige oder unfreiwillige Verk√§ufe in Museen gelangte, im Krieg zerst√∂rt wurde oder √ľber den Kunsthandel in unbekannte H√§nde kam, vermitteln die 16 Farbtafeln und 86 Schwarzwei√üabbildungen des Bandes in durchgehend hoher Qualit√§t. Sorgf√§ltig lektoriert, bietet der Band inhaltlich und optisch eine Bereicherung. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Publikationen zu diesem Forschungsfeld folgen, zumal die als Anhang zusammengestellten Kataloge einzelner Sammlungen nicht nur √ľberaus wertvolle Informationen bieten, sondern Ansto√ü zu weiteren Quellenforschungen geben k√∂nnten.
10.1.2004
Matthias Hamann
Die Moderne und ihre Sammler. Französische Kunst in deutschem Privatbesitz vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Hrsg.: Pophanken, Andrea /Billeter, Felix. 400 S., 100 Abb. 24 cm. (Passagen. Pariser Schriften z. Kunstgesch. 3) Akademie Vlg, Berlin 2001. Gb iSch EUR 49,80
ISBN 3-05-003546-3
 
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