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documenta – Politik und Kunst

Die documenta in Kassel ist mit ihrem Fünfjahresrhythmus zu einer Institution geworden, deren ungebrochener Erfolg gerade darauf beruht, sich immer wieder neu zu definieren. Ihre daher wechselhafte Geschichte wurde vor über 20 Jahren erstmals von Harald Kimpel geschrieben und hat mit dem documenta-Archiv eine eigene Institution für ihre Historisierung, auch wenn die Geschichte munter fortgeschrieben wird. Das Deutsche Historische Museum in Berlin widmete sich also keinem Desiderat und ohne den milden Zwang eines Jubiläums dieser Kulturinstitution, die 2022 zum fünfzehnten Mal stattfinden wird. Aber eine erneute Befragung der Geschichte dieser Aufsehen erregenden Ausstellungen kann nach so langer Zeit nicht schaden, wobei man sich auf die ersten zehn Ausgaben beschränkte. Die Betonung der Berliner Ausstellung liegt auf der Politik und dies ist nicht nur unter dem Aspekt der Kunstpolitik zu verstehen. Schon die erste documenta 1955, die als Begleitveranstaltung zur dritten Bundesgartenschau in der noch jungen Bundesrepublik initiiert wurde, war als politisches Statement gedacht. Das am „Zonenrand“ gelegene Kassel sollte zum Fenster der Kultur in einer freien Gesellschaft fungieren und wurde entsprechend finanziell gefördert. Diese Zielrichtung traf auch für die beiden folgenden Ausstellungen zu, bei denen nach der Rehabilitation der Moderne die gegenstandslose und dann vor allem die US-amerikanische Kunst im Fokus standen. Das sind keine neuen Erkenntnisse. Im Vorfeld von Ausstellung und Katalog sorgte in den Feuilletons allerdings die Entdeckung für Furore, dass der Spiritus Rector, der Kunsthistoriker Werner Haftmann ein rücksichtsloses Rädchen in der Mordmaschine des nationalsozialistischen Militärs war. Dass man ihn als SA-Mann nur als einen skrupellosen Karrieristen charakterisieren kann, ist seit längerem bekannt, dass er dann auch NSDAP-Mitglied wurde, sobald dies wieder möglich war, rundet das Bild ab. In eben dieses Bild passt es, dass er im Krieg in Italien keinen inneren Widerstand gegen das verbrecherische Regime entwickelt hat. Die Kunsthistorikerin und ehemalige Kunstkritikerin Julia Voss kann nun nachweisen, dass Haftmann für die erste documenta jüdische Künstler und Emigranten von der Liste gestrichen hat. Doch verbreitet dies die Moralinsäure des Besserwissens der Nachgeborenen, wenn nun die Bilder von Rudolf Levy mit dem Label „nicht auf der documenta gezeigt“ abgedruckt werden. Soll dies der documenta 1 zur Schande gereichen? Auch wenn Voss zeigen kann, dass Haftmann Levy in seinem Florentiner Exil, aus dem heraus der Künstler deportiert und ermordet wurde, räumlich nahe war und der Künstler von einer ersten Auswahlliste für die documenta gestrichen wurde, muss die Frage erlaubt sein, was seine Kunst auf der ersten documenta hätte beitragen können? Vielleicht war man sich einfach einig, dass z. B. Marc Chagall der für diese Ausstellung wichtigere Künstler war.
Die Berichterstattung über Haftmann überschlug sich mit der Publikation neuer Quellen durch den Kölner Historiker Carlo Gentile zu Haftmanns Kriegsdienst. Für das Berliner Projekt kam dies zu spät und verschob den Fokus stärker auf die erste documenta, als dies in Ausstellung und Katalog der Fall ist. Damit zeigt sich aber auch, dass die Publikationsstrategie, einzelne Personen in Porträts hervorzuheben, für die Bewertung einer Zeit nicht ausreicht, um nicht zu sagen, dass sie kontraproduktiv ist. Man hätte das Gemisch des Personals einmal wirklich ausführlicher vorstellen sollen. Arnold Bode, der Kasselaner Initiator der Ausstellung ist wohl das typische Beispiel für die so genannte innere Emigration eines SPDlers. Andere Mitglieder wie der Museumsmann Kurt Martin war in die Organisation des Kunstraubs in Frankreich involviert, der Hitlerjugendoffizier Hein Stünke führte 1944 Kinder in den Krieg und 1955 eine Avantgardegalerie in Köln. Er wird hier wieder lediglich für die 1968 kritisierte Verquickung von Kunsthandel und Ausstellungsleitung vorgeführt und allein im Interview mit Rudolf Zwirner, mit dem zusammen er den Kunstmarkt Köln gründete, klingt an, dass es in dieser Generation eine Sprechverweigerung zur „Vorgeschichte“ gab. In dieser Riege – es wären noch einige andere aufzuzählen – verkörpert sich die Mischung von Aufatmen nach der Diktatur und Verdrängen ihrer Verbrechen, die mit der Lebenslüge von der „Stunde Null“, der Ausgrenzung der Opfer und der Resozialisierung der Täter den erfolgreichen Wiederaufbau der westdeutschen Bundesrepublik möglich machte. Muss deswegen nun Werner Haftmanns epochales Buch „Malerei im 20. Jahrhunderts“ in den Giftschrank gestellt werden?
Auch Beiträge wie der von Julia Friedrich zum möglichen Weiterleben nationalsozialistischer Ideologie in den frühen Ausstellungen oder der von Lars Bang Larsen zur Konstruktion einer „westlichen“ Kultur als Gegensatz zum Sozialismus im Warschauer Pakt argumentieren von der Höhe einer moralischen Überlegenheit herab. Die nur paraphrasierend zitierten Texte aus den documenta-Katalogen drehen Autoren wie Haftmann das Wort im Munde herum. Aber ist die Verstrickung in die Zeitgeschichte ein Makel der Institution documenta? Gerade diese Beiträge haben ihrerseits den Geschmack einer Ideologisierung. So wird man diesen Katalog eines Tages auch als Ausdruck einer Geisteshaltung im Jahre 2021 lesen können. Da geben die eingestreuten Porträts wichtiger Protagonisten – es waren bis zur 10. documenta fast ausschließlich Männer – und noch mehr die Interviews mit Zeitzeugen von Gerhard Richter, der als DDR-Student zur documenta reiste, bis zu Catherine David, die „ihre“ documenta reflektiert, ein facettenreicheres und damit spannenderes Bild der sehr unterschiedlichen Ausstellungen.
Der Katalog ist nicht chronologisch, sondern thematisch aufgebaut, was einiges an Wiederholungen produziert. Dem Nachleben des Nationalsozialismus ist der erste Teil gewidmet, den Konstrukten eines kulturellen „Westen“ und „Osten“ die beiden folgenden. Das abschließende Kapitel wirft Schlaglichter auf die Struktur des Publikums, die Vermittlungsarbeit, die Finanzierung und das Verhältnis zum Kunstmarkt. Damit sind natürlich große Themenfelder angeschnitten und entsprechend impressionistisch muss vieles bleiben. Zehn documentas sprengen eigentlich eine Ausstellung und ein Buch. Eines ist sicher: Die Auseinandersetzung mit der Geschichte dieser Ausstellungen bleibt spannend. Sie sind eben der Schlüssel für das jeweilige zeitgebundene Kunstverständnis. Oder politisch korrekt: Für die Machtverhältnisse des jeweils agierenden Personals und seiner Diskurse. In Zeitungskritiken der Berliner Ausstellung wurde bemängelt, dass die Kunstwerke zu – schlecht präsentierten – Versatzstücken werden. Im Buch ist dies besser gelungen. Es scheint sich einmal wieder das Klischee zu bewahrheiten, dass kulturhistorische Ausstellungen dazu neigen, ausgestellte Kataloge zu sein. Die einzelnen Essays wechseln sich mit Bildstrecken der Exponate und knappen Kommentaren ab. So ist trotz aller hier geäußerter inhaltlicher Kritik eine handliche und ansprechende Dokumentation zur Geschichte der documenta zwischen 1955 und 1997 entstanden, die den aktuellen Wissenstand präsentiert. Der ungebrochene Erfolg dieser Ausstellungsreihe hat sie zum Mythos werden lassen und den wird jede weitere Generation wieder neu auf den Prüfstand stellen.

04.08.2021
Andreas Strobl
documenta. Politik u. Kunst. Hrsg.: Gross, Raphael; Bang Larsen, Lars; Blume, Dorlis; Pooth, Alexia; Voss, Julia; Wierling, Dorothee. Deutsch. 328 S. 223 fb. Abb. 24 x 17 cm. Prestel Verlag, München 2021 EUR 36,00. CHF 47,90
ISBN 978-3-7913-7919-7
 
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