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Die Zukunft der Kunst

Kunstcode - im Maschinenraum der Gesellschaft

Eine der inspirierendsten Kunst-Mythen handelt bekanntlich von Pygmalion, der eine lebensgroße Skulptur aus Elfenbein schnitzt, eine Frauenfigur, die sich irgendwann aus geformter Materie in einen lebendigen Menschen verwandelt, in den sich ihr Schöpfer unsterblich verliebt. Der Pygmalion-Effekt hat seitdem Geschichte geschrieben. Heute gilt der antike Mythos auch als Beispiel für die Kraft der menschlichen Erwartung, etwas Übermenschliches zu erschaffen, was den menschlichen Blicken gleichzeitig zugänglich bleibt und in Wahrheit doch unverständlich ist. An die Stelle von Pygmalion, der einst das Unmögliche erschuf, ist heute der Traum von der kreativen Maschine getreten - wie Hanno Rauterberg passgenau die heutige Transformation aller Lebensbereiche durch die Digitalisierung beschreibt und versucht ihre Effekte auf die Kunstentwicklung zu prognostizieren. Ein zentraler Effekt in dieser sich gerade vor unseren Augen ereignenden historischen Umwälzung betrifft die Kreativität, die einerseits von Maschinen in atemberaubender Weise versucht wird künstlich nachzuahmen - und andererseits den KünstlerInnen unter den Menschen zeigt, dass und in welchem Ausmaß es heute nicht mehr darum geht die Originalität von Kunst zu steigern. "Im Traum von der kreativen Maschine gewinnt die Maschine ein Bild ihrer selbst - und wir ein anderes Bild von ihr und von uns." In dieser komplexen Formel steckt im Grunde die These, die einerseits in ihrer Ambivalenz erscheint und andererseits in ihrer für das menschliche Verständnis von Kunst charakteristischen Paradoxie gedeutet wird. "Es gibt noch längst keine künstliche Intelligenz, die tatsächlich wüsste, was Kunst ist. Andererseits ergeht es den meistens Menschen nicht anders." Dass heute Maschinen von der permanenten Anwendung und Ausbeutung von (menschlicher und maschinell erzeugter) Kreativität träumen, ist, wie Rauterberg im Laufe seiner Untersuchung nachweist, nur ein schön gefärbter Ausdruck dessen, wie heute die spätkapitalistische westliche Welt tickt, die in ihren neoliberalen Ausformungen alle und alles dem Diktat der kreativen Selbstoptimierung geopfert hat. Das klug geschriebene und den Stand der Digitalisierung in der (westlichen!) Welt sehr präzise zusammenfassende Taschenbuch ist vor allem darum sehr inspirierend zu lesen, weil es Fragen zur Diskussion stellt, die nicht durch einfache Thesen vorschnell beantwortet werden können: Rauterbergs smarte Metapher der kreativen Maschine ist heute Alptraum und Bild, Code und Inspiration zugleich: "Weil sie kein Ich besitzt bleibt sie offen für alles und das Gegenteil: Ihre Form ist das Ungeformte." Man könnte auch sagen: der Traum der kreativen Maschine liegt darin, die Menschen an die Entwöhnung von ihrer Freiheit zu gewöhnen. Im Unterschied zum freiheitslosen Kontrollregime etwa in China haben sich die Menschen westlicher Demokratien inzwischen damit abgefunden, dass sie einerseits die Kreativität vergöttern und gleichzeitig nicht wahrhaben wollen, in welchem Ausmaß sie zu tendenziell unmündigen Partnern der großen Maschine geworden sind. Ganz im Sinne der gottähnlich gewordenen Maschine hinterlässt die Lektüre dieses kleinen Bandes ebenso erschreckende wie inspirierende Ein- und Aussichten: "Die Zukunft der Kunst liegt in der kreativen Maschine, weil sie eine menschliche Maschine sein wird, auch dann, wenn sich der Mensch selbst gottähnlich in eine unsterbliche Selbstschöpfung verwandelt hat. Je weiter sich der Mensch maschinisiert, desto tröstlicher wird der Gedanke, Maschinen könnten etwas von Kunst verstehen." Dass Rauterberg am Ende des Bandes die naheliegende Unterscheidung zwischen menschlicher Glaubenskraft und den technischen Aspekten eines künftigen digitalen Kunstcodes nicht weiterverfolgt, ist nur ein sehr geringer Mangel dieses ansonsten sehr gelungenen, und dazu noch gut lesbaren Bandes.

06.05.2021
Michael Kröger
Die Kunst der Zukunft. Über den Traum von der kreativen Maschine. Rauterberg, Hanno. 2021. 195 S. 18 x 11 cm. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. EUR 16,00. CHF 23,50
ISBN 978-3-518-12775-9
 
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