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Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst

Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst
Margarethe und Heinrichs Schmidts Nachschlagewerk zur christlichen Bildersprache erschien erstmals 1981; seitdem wurde es ständig überarbeitet und erweitert. Nun erscheint die zweite Paperbackauflage, ein handliches und reich bebildertes Taschenbuch, das man ggfs. auch ins Museum oder auf Kunstreise mitnehmen kann. In denkbar schlichter und somit benutzerfreundlicher Gliederung hat man schnell nachgeschlagen, was es etwa mit der Darstellung eines Pelikans an einem Kirchenpfeiler auf sich hat. Das Ehepaar Schmidt, das jahrelang Kunstreisen geleitet hat, widmet sich drei großen Themenkreisen christlicher Symbolik: den Tieren inklusive der Fabeltiere, den Engeln und der Muttergottes. Erläuterungen zur Quellenlage, zur Geschichte des Symbols bzw. im Falle der Muttergottes ihre verschiedenen Erscheinungsformen leiten die Abschnitte ein; dann folgen jeweils die Prototypen der Darstellungen bzw. die einzelnen Tiere oder Engelkategorien. Zum Einhorn, Sinnbild der Keuschheit, aber auch der Wildheit und Gewalttätigkeit, lesen wir bei Hiob 39, dass niemand es sich dienstbar machen könne. Der mittelalterliche Symboliker Albertus Magnus vereint beide Aspekte des Fabeltiers: Seine Wildheit stünde für den Zorn Christi, seine Zähmung im Schoß einer Jungfrau für seine Menschwerdung.
Spannend liest sich die Wandlung des Engelbildes von der Spätantike bis zur Neuzeit: In der Bibel haben nur Cherubim und Seraphim Flügel, auch die spätantike Kunst kennt nur männliche flügellose Engel, von den heidnischen Genien und Göttinnen mit Flügeln grenzt sie sich bewusst ab. Aber seit dem 5. Jahrhundert dürfen auch die Engel Flügel tragen, außerdem einen Nimbus über dem Haupt. In der Frührenaissance wird die Muttergottes von Engeln begleitet, die man als Mädchenengel bezeichnen kann, denn sie musizieren, tragen schöne farbige Gewänder, schmücken sich mit Blumen und haben prächtiges Haar, kurz: Die Strenge der Männerengel weicht paradiesischer Freude. Im 15. Jahrhundert entstehen die zierlichen Kinderengel, die sich in Gruppen um das Jesuskind herum aufhalten, mit ihm spielen und ihm vorsingen. Schlussendlich sind die nackten drolligen Putti - stets Knaben! - aus Barock und Rokoko nicht wegzudenken; als körperlose Flügelwesen, nur aus Kinderköpfchen und Flügel bestehend, bevölkern sie ganze Gemäldehimmel.
Die Erzengel hingegen bleiben das, was sie waren: ehrfurchtgebietende Wesen und "wahre Engelfürsten". Drei kennt man aus der Bibel: Michael, Gabriel und Raphael, der vierte aus den außerkanonischen Büchern des Esra und Henoch heißt Uriel. Alle vier haben ihre spezifischen Aufgaben, ja Zuständigkeitsbereiche, fast wie heidnische Götter ...
Nun zur Gottesmutter, Maria lactans und Mater dolorosa, Maria auf der Mondsichel und Himmelskönigin, Maria im Rosenhag und Schutzmantel-Madonna. Zu Marias tatsächlichem Aussehen kennt man eine Legende: Kein geringerer als der Evangelist Lukas soll es gewesen sein, der Maria mit dem Jesusknaben höchstpersönlich gemalt habe. Die Geschichte kennt Varianten: Eine davon ist, dass Maria vom Himmel herab ein von Lukas gemaltes Porträt quasi abgesegnet habe. Kaiserin Eudoxia schließlich, Frau des Theodosius d.J., habe ein Marienbild von der Hand des Evangelisten in Jerusalem erworben und es ihrer Tochter Pulcheria geschenkt. Man glaubte, dass es sich bei diesem Bild um die Hodigitria-Ikone in der Hodegon-Kirche in Konstantinopel handele. Leider ist das Original zerstört; aber die Verbindung "Evangelist Lukas - Porträt der Muttergottes" bleibt bestehen. Insgesamt 7000 Gnadenbilder sind es, die seit dem 14. Jahrhundert dem Evangelisten zugeschrieben werden, byzantinisch wirkende Marienbilder, die als besonders wirkmächtig gelten ... Der Glaube versetzt bekanntlich Berge.
Die beiden Autoren verstehen es, eine immense und wertvolle Faktensammlung in faszinierende kleine Geschichten der Frömmigkeit und der Gestaltungsfreude zu verwandeln und die christliche Bildersprache somit dem Vergessen zu entreißen. Absolut lesenswert!

21.06.2018
Daniela Maria Ziegler
Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst. Ein Führer zum Verständnis der Tier-, Engel- und Mariensymbolik. Schmidt, Margarethe; Schmidt, Heinrich. 336 S. 89 Abb. 19 x 12 cm. Kt. C.H. Beck Verlag, München 2018. EUR 16,95.
ISBN 978-3-406-71829-8   [C. H. Beck]
 
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