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Schütteln Sie den Vasari … Kunsthistorische Profile

Unter KunsthistorikerInnen genießt Martin Warnke seit langem einen – schon fast auffälligen – Sonderstatus. Sein Name steht nicht wie bei anderen seines Faches für ein bestimmtes Forschungsprogramm oder etwa für eine eigene Methode. Kultstatus genießt dagegen sein 1985 erschienenes Buch Hofkünstler. Zur Vorgeschichte des modernen Künstlers. In diesem unternahm er es als Erster seiner Zunft, die komplexen widersprüchlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen von Künstlern unter den besonderen Bedingungen absolutistischer Höfe zu erforschen. Warnke, der sich als „junger Wilder“ auf dem Kunsthistorikertag 1970 äußerst unbeliebt gemacht hatte, indem er die systematische Verstrickung von Fachkollegen in der NS Zeit direkt angeprangert hatte, hat sich im Laufe seines Lebens einen unabhängigen Schreibstil- und Denkstil erarbeitet, den man als eine ebenso elegante wie auch avancierte Form der Ideologiekritik beschreiben könnte. In dem sehr instruktiven Interview, das Matthias Bormuth mit Martin Warnke führte, heißt es bezeichnenderweise: „Das Moment des Entdecken-Könnens muss für den Leser bewahrt bleiben.“ (S. 59) Warnke hat vermutlich sehr bewusst keine eigene kunstwissenschaftliche Methode etablieren wollen, sondern eher umgekehrt demonstriert, wie Betrachter auf unterschiedliche „Bildwirklichkeiten“ – so der Titel eines 2005 erschienenen kleinen Bandes mit drei Vorträgen – reagierten und reagieren. Kunst, ihre Objekte und Träger offenbaren in Warnkes Verständnis immer eine relative und kritische Autonomie, die sich der Gesellschaft dort „verpflichtet fühlt, wo sie sich gleichzeitig verweigert.“ (ebda., Rückseite)
Der jetzt im Wallstein Verlag veröffentlichte kleine, fein gemachte Band versammelt Warnkes seit den letzten vier Jahrzenten veröffentlichten anspruchsvolle Profile von Kunsthistorikern, die wie keine anderen das Fach tief geprägt haben – unter ihnen Vasari, Jacob Burckhardt, Heinrich Wölfflin, Hans Sedlmayr, Aby Warburg, Heinrich Klotz und Werner Hofmann. Alle Texte erweisen sich dabei nicht nur als äußerst präzise Charakterisierungen von einzigartigen geistigen Innenwelten. Es sind „Profile“, die gerade nicht wie heute vielfach üblich, indirekt zur Nobilitierung ihres Autors beitragen und damit deren zeitgenössische „Correctness“ demonstrieren. Wohl auch gegen den herrschenden Zeitgeist, der sich heute in einer grenzenlos entfesselten Feier digitaler Kreativität abzeichnet, liest sich Warnkes Bestimmung der Aktivitäten, die den Künstler heute immer noch auszeichnen, ebenso wohltuend unaufgeregt wie sachlich-funktional aber auch zeitbedingt: „Der Künstler muss sich immer, seien die Auftraggeber Staat, Gesellschaft, Kirche oder Markt, im Werk Freiheitsräume schaffen oder bewahren. Er muss das Spannungsverhältnis zwischen den verschiedenen Erwartungen leben. Die kritische Kunstgeschichte hat die Aufgabe das Werk in diesen Bedingtheiten zu sehen.“ (S. 39) In der heutigen Zeit, in der ständig neue Begriffs-Superlative und dekonstruierende Formen von Übertreibung und Unterwanderungen propagiert werden, könnte man diese Demonstration besonnener Selbstreflexion fast schon als Aufruf zur Ernüchterung nach geistigen Höhenflügen bewerten. Am Ende gilt, was für Warnke auch selbst am Anfang stand „Ein gutes wissenschaftliches Buch hat eine Frage, eine These, die sich oft recht einfach ausnimmt.“ (S. 175)

23.10.2017
Michael Kröger
Warnke, Martin. Schütteln Sie den Vasari … Kunsthistorische Profile. Hrsg.: Bormuth, Matthias 228 S. 12 x 21 cm. Gb. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. EUR 18,90
ISBN 978-3-8353-3170-9
 
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