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Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur

Werbestrategen, Kunsttheoretiker, Philosophen, PolitikerInnen (vorzugsweise die Mitglieder von Grundwertekommissionen oder ganz aktuell besonders Mitglieder der AfD), Manager aber nicht zuletzt auch Künstler wie etwa das Berliner Zentrum für Politische Schönheit, Kommunikationsforscher – alle beschwören heute jede/r auf besondere Weise bestimmte oder unbestimmte Werte, ohne die Gesellschaften offenbar auf lange Sicht nicht erfolgreich überleben können. Wie aber funktionieren gerade heute Werte, die der Soziologe Niklas Luhmann einmal als „Ballons“ umschrieben hat, „deren Hüllen man aufbewahrt, um sie bei Gelegenheit aufzublasen“. Werte sind, das lernt man während der – manchmal etwas anstrengenden – Lektüre in Wolfgang Ullrichs neuestem Band, so etwas wie universell verwendbare kommunikative Beschleuniger, moderne „Motivationstreiber“ (W. Ullrich) in den Erzählungen unserer Gegenwart, die immer wieder leicht verändert nacherzählt werden und so dem einzelnen Individuum zu dem Genuss einer moralischen wie auch kreativen Steigerung seiner Selbst(wahrnehmung) verhelfen. Wer als Konsument etwa ein Körperpflegeprodukt erwirbt, das eine „Pflege mit gutem Gewissen“ verspricht, weiß nicht unbedingt, was es heute bedeutet, zwischen einem Wert, der Gutes verspricht und Werk, an dem man jetzt selbstbewusst und stolz Anteil nimmt, nur noch graduell zu unterscheiden. „Wer sich zu Werten bekannt, kann das eigene Selbstbewusstsein in mehreren Dimensionen steigern.“ (9)
Die Diskussion um Werte existiert bekanntlich nicht in einem zeitlos-humanen, luftleeren gesellschaftlichen Raum. Gerade das kontroverse, den Streit fördernde Denken mit umstrittenen Werten gehört heute zum Kern der politischen Kultur einer Gesellschaft. Es ist – längst und immer wieder neu – an der Zeit sich der eigenen Werte zu vergewissern. Wolfgang Ullrich, der seit Jahren nicht nur als Kunsttheoretiker, sondern auch als Kunstsoziologe, -philosoph und Konsumforscher den Geisteswissenschaften immer wieder neue erweiterte Perspektiven und verblüffend andere Denkwege erschlossen hat, formuliert in seinem Band eine „Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“. Ausgehend von aktuellen Werterfahrungen, wie sie sich gerade in der Konsumwelt abzeichnet – gewinnt Ullrich seinem Thema immer neue, teilweise fast selbstverständlich erscheinende Selbst-Beschreibungen ( „Wer Werte umsetzt, unterwirft sich nicht übergeordneten Normen, sondern erfährt im Gegenteil einen Gestaltungsspielraum. Es geht darum eine spezifische Vorstellung von ´gutem Leben` differenziert und stark auszubilden ….“, S.22 )“ ) wie auch subtile Gegenwartsdiagnosen (Werte „werden zum Ansporn und Rohstoff für Menschen, die sich sowohl als unverwechselbar wie auch als integer, sowohl als Selbstbestimmt wie auch als verantwortungsbewusst, sowohl originell wie auch als engagiert erleben wollen“ S. 24f.)
Gleichzeitig versucht Ullrich im Verlauf seiner Argumentation die unsichtbare kollektive „Moralkulisse“, die gerade Gutmenschen oder wertkonservative Mitglieder der Gesellschaft wie beispielsweise die AfD, beständig beschwören, überhaupt transparent werden zu lassen. Wenn, wie heute zu beobachten, die ständige inflationäre Rede von Werten dazu instrumentalisiert wird, den Menschen zu schmeicheln, sich selbst als positiv, perfekt, kreativ und überlegen zu fühlen, dann verführt dieses permanent wohlwollende Selbstverliebtheit notwendigerweise zu einer aktuell veränderten Selbsterfahrung. Die Lust am guten Gewissen wächst ins Maßlose und findet immer neue Anschlüsse: der eine kauft Fair-Trade-Produkte (oder verkauft seinen mit manipulierter Software ausgestatteten Diesel-PKW), der nächste beschwört die deutsche Heimat und die noch ungeborenen Kinder deutscher Frauen, wieder andere realisieren politisch korrekte Kunstaktionen, bei der die Teilnehmer automatisch als moralisch Überlegene angesprochen werden.
Deutlicher als in früheren Arbeiten artikuliert Ullrich dabei auch die Widersprüche der globalen politischer Gegenwart: besonders das Auseinanderdriften zwischen Armen und Reichen. Wer reicher ist, der könne es sich leisten, durch den Erwerb eines guten Gewissens sein Selbstwertgefühl zu steigern, während Ärmere weniger Chancen hätten ein „Wertebewusstsein“ zu entwickeln. Spannend und inspirierend wird es in Ullrichs (stellenweise fast persönlich anmutenden) Bekenntnisschrift immer dann, wenn die Dimensionen seiner Argumente quasi gegen Unendlich laufen. So etwa , wenn er moralisches Handeln einfordert, das „genauso einzigartig wie ein Kunstwerk“ in Erscheinung tritt und dabei die Paradoxie einer subtilen Umkehrung von Kants kategorischem Imperativ ins Feld führt: „Gerade wenn das Verhalten nicht auf andere Situationen übertragbar , nicht verallgemeinerbar ist, kann es in ausgezeichneter Weise als moralisch empfunden werden.“ (S. 77) So wie heute Wohlstandgesellschaft ein starkes Bewusstsein für ein ständig gesteigertes „expressives Wertedesign“ vermittelt, das wie unter einer historischen Zeitlupe ständige unterschiedliche Werte kommuniziert, so wachsen heute auch die gleichzeitig möglich gewordenen Optionen, in dieser Welt aus Werten auch eigenständig Handlungsweisen zu generieren, in denen selbst die eigene moralisch abgesicherte Erkenntnislust auf Dauer nicht zu kurz kommen muss. Bilden, wie Ullrich einmal schrieb, Kunstwerke das Potenzial zur eigenen mythischen Überhöhung, bei der gerade Sammler in die Rolle eines Priesters schlüpfen (Die Zeit, 8. September 2016, S. 46), so generieren Werte heute eine abstrakte Option in den Stand einer sachlich verhandelten, profanen Form von Gnade zu gelangen: den selbst erkannten Spagat zwischen kreativer Selbsterfahrung und moralischer Selbstbewertung zu wagen – und dann auch selbstbewusst, länger und möglichst unverwechselbar durchzuhalten.
Wahre Meisterwerte ist so im doppelten Sinne ein aktuelles Bekenntnis zur richtigen Zeit. Nach der letzten Bundestagswahl wissen wir: der große Konsens ist dahin – jetzt werden wir uns streiten müssen, vor allem über die Kultur und Geschichte von Werten. Vielleicht wird es demnächst heißen: Werte ohne Streit sind ab sofort ebenso wenig zu haben wie eine Kunst ohne eine, ihre Gegenwart bewertende Moral. Oder, mit Worten Niklas Luhmanns, noch klarerer formuliert: „Moral nimmt (…) polemogene Züge an: sie entsteht aus Konflikten und feuert Konflikte an.“
Nach der Lektüre des Buches stellt man leicht verwundert fest, dass ein bekannter Topos eigenartigerweise fehlt. Einen aus der Ökonomie bekannten Wert hat der Autor bewusst (?) links liegen gelassen – den Wert bei Karl Marx, der als Gespenst einer unheimlichen Transformation jeglicher Warenproduktion bis heute nichts an Aktualität verloren hat: “Der Wert verwandelt jedes Arbeitsprodukt in eine gesellschaftliche Hieroglyphe. Später suchen die Menschen den Sinn der Hieroglyphe zu entziffern, hinter das Geheimnis ihres eigenen gesellschaftlichen Produkts zu kommen, denn die Bestimmung der Gebrauchsgegenstände als Werte ist ihr gesellschaftliches Produkt so gut wie die Sprache.“ (MEW, Berlin 1975, Bd. 23, S. 88) – eine abgründige Passage, die Wolfgang Ullrich sicher genauso zur tieferen Interpretation provoziert hätte wie auch diese Reflexion: der „Gebrauchswert wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts“ (MEW, Berlin 1975, Bd. 23, S. 70)

05.10. 2017
Michael Kröger
Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur. Ullrich, Wolfgang. 176 S. 22 x 14 cm. Engl. Br. Wagenbach Verlag, Berlin 2017. EUR 18,00.
ISBN 978-3-8031-3668-8
 
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