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Gert Schiff ÔÇô Von F├╝ssli zu Picasso

Der Kunsthistoriker Gert Schiff (1926-1990) ist heute ein Geheimtipp. Der Fachwelt ein wenig bekannt ist er durch seine bahnbrechenden Arbeiten zum Werk des bis in die 1950er Jahre scheinbar belanglosen Sturm-und-Drang-Malers Johann Heinrich F├╝ssli (1741-1825). Angeregt durch Werner Hofmann begann Gert Schiff sich mit bis dahin v├Âllig neuen Vorgehensweisen den R├Ątseln in F├╝sslis Werken zu widmen. Dabei halfen ihm sowohl psychoanalytische als auch literarische Kenntnisse, diesen K├╝nstler als Vorl├Ąufer der Moderne zu erkennen. Dar├╝ber hinaus f├╝hrten Schiffs Recherchen bei englischen Sammlern zur Entdeckung fast verlorener Werke, die seine bahnbrechenden Interpretationen best├Ątigten.

J├Ârg Deuters akribisch recherchierte Biografie l├Ądt nicht nur zur Entdeckung eines polyglotten Forschers und brillanten Essayisten ein, sie zeichnet auch, chronologisch geordnet den bewegten Lebenslauf des letzten Sprosses einer alten. urspr├╝nglich j├╝dischen oldenburgischen Familie zwischen Boh├Ęme, Kunstwelt und Wissenschaft nach.

1926 geboren meldete sich Schiff im Zweiten Weltkrieg freiwillig zum Milit├Ąrdienst, verbrachte ein Jahr in franz├Âsischer Gefangenschaft und begann nach dem Krieg ein Studium mit den F├Ąchern Jura und Psychologie. 1957 promovierte Schiff ├╝ber das Thema ÔÇ×Johann Heinrich F├╝ssli als ZeichnerÔÇť in K├Âln und ging anschlie├čend nach Z├╝rich, um dort weiter ├╝ber F├╝ssli zu forschen.

Mit seinen Freunden Tilmann Buddensieg, Deltelf Heikamp und Matthias Winner, die wie auch Schiff der immer noch doktrin├Ąren Mittelm├Ą├čigkeit der deutschen Nachkriegs-Kunstgeschichtler zu entfliehen suchten, begann Gert Schiff die ikonografische Bildinterpretation neu zu beleben, wie sie von den Kunsthistorikern Aby Warburg (1866-1929) und Erwin Panofsky (1892-1968) begr├╝ndet wurde. Dabei standen ihm "Mopsa" Sternheim, die extravagante Widerstandsk├Ąmpferin und Tochter des im Nazideutschland verfemten Carl Sternheim als seine Muse nahe, und auch der Expressionist und Hitler-Gegner Armin T. Wegner unterst├╝tzte seine Arbeiten als literarischerer Mentor. In den sp├Ąten 1960er Jahren lie├č ihn ein Ruf in die USA vom europ├Ąischen Geschehen etablierter Kunstkritik Abschied nehmen, allerdings nicht ohne immer wieder zeitweilig nach Europa zur├╝ckzukehren, sei es um Freunde und Familie zu treffen, wegweisende Vortr├Ąge zu halten oder um die Vertreter etablierter Kunstkritik mit seinen Arbeiten aufzur├╝tteln.

Um 1968 arbeitete Gert Schiff als Dozent am Institute of Fine Arts in New York, wo er sich mit der Anerkennung des bis dahin v├Âllig ignorierten Sp├Ątwerks Picassos in der Kunstwelt einen Namen machte und - nach Ernst Kris - der erste Kunsthistoriker war, der f├╝r seine Deutungen weit ├╝ber F├╝ssli und Picassos Sp├Ątwerk hinaus und f├╝r seine psychoanalytischen Muster hohe Wertsch├Ątzung genoss.

"Was den Lebensweg von Gert Schiff pr├Ągte, war das Verlangen nach gelebten Erfahrungen und nach Abenteuern der Sinne. J├Ârg Deuter versteht es meisterhaft, den Faktenbericht mit intellektuellen Markierungen und psychologischen Einsichten zu akzentuieren" meint Werner Hofmann und trifft damit ins Schwarze. Jedoch enth├Ąlt diese Biographie ├╝ber die Arbeit Gert Schiffs nicht nur k├╝hle Fakten, sondern schildert das bewegte Leben eines vielschichtigen, sensiblen und ├╝beraus intellektuell begabten Kunsthistorikers, der in Deutschland leider immer noch wenig Beachtung findet.

27.02.2016
Gabriele Klempert
Gert Schiff. Von F├╝ssli zu Picasso. Biographie einer Kunsthistoriker-Generation. Deuter, J├Ârg. Einleitung von Hofmann, Werner. 316 S. 56 Abb. 24 x 14 cm. Gb. VDG Weimar Verlag, Kromsdorf 2015. EUR 38,00. CHF 50,90
ISBN 978-3-89739-770-5
 
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