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Die beste aller Welten

Ein Reise- und Abenteuerroman der anspruchsvolleren Art. Schickt doch Voltaire (1694-1778) in „Candide“ (Paris/Genf 1759) seinen Protagonisten aus Westfalen, im Kopf die Liebe zu Kunigunde vorzĂŒglich aber die zu Leibnizens Philosophie von dieser als der besten aller Welten, auf Irrfahrten und Reisen in ein facettenreiches Handlungspektrum zwischen seltener Hilfsbereitschaft, Vernunft und hĂ€ufigem Mord, Krieg, religiösem Fanatismus. Mit dem bekannten Schluß, doch besser (nur) seinen Garten zu bebauen. An Candide exemplifizierter weltflĂŒchtiger deutscher Idealismus versus französische, aufklĂ€rerische RealitĂ€tssicht, spöttisch-sarkastisch beschriebene Hauptthemen dieses Buches.
Nicht immer die seiner Bebilderungen. 1778 illustrieren Chodowiecki (Berlin, 4 Kupferstiche) den „Candide“ moralisierend, Charles Monnet (Paris, 6 Kupferstiche) französisch-zeitĂŒblich erotisch. Eine (hier angedeutete) Sodomie-Szene zweier MĂ€dchen mit ihren Affen-Liebhabern wird die Phantasie des Lesepublikums noch lange beschĂ€ftigen. Zeitgenössische RealitĂ€t findet sich nur einmal illustriert, Candide im GesprĂ€ch mit einem auf einer Zuckerrohrplantage verstĂŒmmelten Negersklaven (1787, Moreau le Jeune, Voltaire, Kehler Werkausgabe, 4 Kupferstiche). Im nachrevolutionĂ€ren napoleonischen Frankreich kolonialer Zuckerrohrimporte (1819-25, Voltaire, Kehler Werkausgabe, 2. Auflage, 7 Kupferstiche) fehlt diese Szene, Prolog zu einem aufklĂ€rungsmĂŒden 19. Jahrhundert ? In dem auch ein HonoreÂŽ Daumier „Candide“ nicht illustriert und nur eine graphisch unkommentierte, unterhaltsame Text-Bebilderung (Jules Worms 1867, 16 Szenen) erscheint. Und, mit dekorativen Illustrationen von Text-Rahmenhandlungen versehen, ein erstes „Candide“-KĂŒnstlerbuch (Adrien Moreau, Candide, 1893, 62 Abbildungen, zehn grĂ¶ĂŸere Radierungen).
MĂŒnchener Candide-KĂŒnstlerbĂŒcher um 1900, Thema, Fokus dieser Arbeit: Implicit immer Hommage an französische Kultur, so Stachel im Fleische zeitgenössischen deutschen Historismus.Kontrolliert expressiv-dynamisch Paul Klee (26 Zeichnungen 1912, publiziert 1920), zeitlos wie Alfred Kubin (28 Federzeichnungen 1920, publiziert 1922) und noch heute aufgelegt. Max Unold zeitnah, mit seiner kĂŒnftige Schlachtfelder, Krieg vorausahnenden ersten „Candide“-Szene (1913, 12 ganzseitige Holzschnitte). Und wie bei seinem Vorbild Klee, anders als bei Voltaire, mit dem eindrucksvollen Schlußbild von Lichtblicken, der Andeutung von mehreren Möglichkeiten einsichtigen Handelns in der RealitĂ€t. DĂŒster Kubin, der sich auf das AlltĂ€gliche von Leid in „Candide“ konzentriert, den er mit einem pessimistisch stimmenden Schlußbild ausklingen lĂ€ĂŸt.
Skizzierte, strukturierte, angereicherte Einsichten aus einem Buch voller profundem kunsthistorischen Detailwissen zu MĂŒnchner „Candide“-KĂŒnstlerbĂŒchern um 1900, das sich nur mĂŒhsam mit Vor-, kaum mit NachlĂ€ufern solcher Illustrationen verbindet. Denn hier wird methodisch und argumentativ eher geplĂ€nkelt als stringent gearbeitet, zu ausfĂŒhrlich auf NebenschauplĂ€tze geschaut, sodaß Buchumfang und vermittelte Einsichten in kein gĂŒnstiges VerhĂ€ltnis geraten.
Doch macht dieses Buch darauf aufmerksam, daß sich in der besten aller Welten des Jahres 2015 die unbeendete AufklĂ€rung, auch Europas, widerspiegelt. Denn wer wĂŒrde heute wagen, Voltaires von Goethe ĂŒbersetzten „Mahomet“ (TĂŒbingen 1802) mit Karikaturen zeitgenössischer KĂŒnstler zu publizieren ?

01.03.2015
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Die beste aller Welten. KĂŒnstler illustrieren Voltaires Candide. Baumeister, Kathrin. 440 S. 24 x 17 cm. Pb. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2014. EUR 59,00. CHF 76,00
ISBN 978-3-496-01497-3   [Dietrich Reimer Verlag]
 
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