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Astrid Brandt - inwendig auswärts

Astrid Brandt, geboren 1963 in Bremen, ist eine Altmeisterin des pr√§zisen und unbestechlichen Blicks sowie des gespitzten Bleistifts, mit dem die Gabriele-M√ľnter- (2007) und Paula-Modersohn-Becker-Preistr√§gerin (2012) punktgenaue Zeichnungen aufs Papier bringt. Der Katalog zu ihrer bisher 22. Ausstellung beinhaltet Arbeiten, die zwischen Februar und April 2013 in der St√§dtischen Galerie Delmenhorst zu sehen waren. "Heimliche Freuden", "Quintett" und "B√ľropartikel" nennt die K√ľnstlerin die drei Abschnitte ihrer Arbeiten:

Die erste Gruppe zeigt neben menschenleeren R√§umen auch Brandts "heimliche Freude" an Alltagsgegenst√§nden, die sie zu Stillleben arrangiert: ein Peddigrohrtablett mit N√§hutensilien etwa, auf der ein filigranes N√§hmaschinenf√ľ√üchen wie eine kleine kostbare Skulptur wirkt. Das Gewebte, Gekn√ľpfte und Gewickelte bestimmt auch das Innenleben von Brandts menschenleeren, daher friedlichen R√§umen; menschenleer? Nicht ganz. Denn die K√ľnstlerin selbst ist in jedem ihrer Bilder deutlich zu sp√ľren. Die BetrachterInnen sehen gleichsam mit Brandts Augen, sie vollziehen nach, wie die K√ľnstlerin den richtigen Blickwinkel w√§hlt, wie sie M√∂belst√ľcke und Gegenst√§nde verr√ľckt, um das gew√ľnschte Zusammenspiel der verschiedenen Texturen zu finden: der Textur aus vertikalen Heizungsrippen, horizontal verlaufenden Teppichmustern, schr√§gendem Stuhlgeflecht und einer nur scheinbar leeren Wand, deren Grau fast unmerklich von dunkel zu hell changiert (Bambi, 2002). Bellevue (2002-2003), ein sch√∂ner Blick, bietet sich etwa auch vom Standpunkt an einem Treppengel√§nder, der sich schneidende Geraden - Gel√§nderstreben, Heizungsrippen, B√ľckerr√ľcken etc. - stimmig getaktet in eine Erfahrung von R√§umlichkeit zusammenbringt. Der Blick nach drau√üen geht √ľber ein fein gestricheltes Rasenst√ľck auf linkshin verlaufenden Platten in die Ferne. Wo es da wohl hingeht, fragt man sich und w√ľrde am liebsten gleich dorthin aufbrechen.

Die T√§nze Gavotte, Rondo, Air, Square und Polonaise bilden ein "Quintett" aus f√ľnf zwischen 2006 und 2009 entstandenen Arbeiten: Innenr√§ume von Gesch√§ften und Superm√§rkten, wo der allt√§gliche Ablauf von w√§hlen, anstellen, zahlen, einpacken, weggehen eine bis zum √úberdruss bekannte Choreographie bildet. Vom Menschen befreit erhalten Brandts Bilder von altem und neuem Ladeninterieur museale Eigenschaften: Endlich kommen sowohl der Erdal-Frosch als auch zusammengeschobene Einkaufswagen vor riesigen Glasw√§nden zu Ehre und Bedeutung.

Aus den Jahren zwischen 2009 und 2012 stammen die "B√ľropartikel", kleinformatige Zeichnungen (das kleinste Breitformat misst lediglich 7,5 cm!), die wie geschaffen zu sein scheinen f√ľr Menschen, die an Rei√üzwecken, Karteikartenreitern und anderen, meist namenlosen Dingen ihre Freude haben. "Beowulf & Grendel" hei√üt ein Diptychon von 2011, das die Piranhaz√§hnchen eines automatischen Bleistiftspitzers, die schmerzhafte Durchschlagskraft eines Tackers und die Vierfachhauer eines ge√∂ffneten Ordners zeigt: Gegenst√§nde, die zuschnappen k√∂nnen. Wer will da noch behaupten, die Dinge um uns herum seien leblos?

W√§hrend man in Werken wie Menzels Balkonzimmer (1845), van Goghs Schlafzimmer in Arles (1889) und Vilhelm Hammersh√łis Wei√üe T√ľren (1905) das Gef√ľhl hat, dass gleich jemand kommt oder gerade jemand gegangen ist, gen√ľgen Brandts R√§ume und die Dinge darin sich selbst. Noch nicht einmal auf den gem√ľtlichen "Chaise longues" (2006) scheint jemals jemand gelegen zu haben! "Ich lass dich mit dir allein", scheint jemand zu sagen. Eine Illusion vollkommener wohltuender Stille. Man w√ľnscht sich mehr davon.

10.11.2013
Daniela Maria Ziegler
Astrid Brandt - inwendig auswärts. Monographie; Zeichnungen aus den Jahren 2000 bis 2012. Hrsg.: Städtische Galerie Delmenhorst, Text: Annett Reckert; Andreas Bee. 72 S., 41 Abb., Gb. EUR 19,00

Zu beziehen unter: www.astrid-brandt.de



ISBN 978-3-9814150-7-0
 
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