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Großstadtbild und nordische Moderne

Mitte des 19. Jahrhunderts entstand mit Paris die erste Gro√üstadt und wurde bald zur Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Nachdem Baron Haussmann die gro√üz√ľgigen Boulevards nach Abriss der engen Armenviertel geschaffen hatte, schaute alle Welt nach Paris, dem Zentrum des urbanen Lebens. Dort traf sich die Kunstwelt; auch eine skandinavische K√ľnstlerkolonie lebte, lernte und arbeitete in der Seinestadt und portr√§tierte die junge Metropole mit all ihren Licht- und Schattenseiten.
Dass Gro√üstadt nicht gleich Gro√üstadt ist, hat die Schau "Die Eroberung der Stra√üe - Von Monet bis Grosz" der Frankfurter Schirn im Jahre 2006 deutlich gemacht. W√§hrend Paris sich weitr√§umig und fr√∂hlich zeigt, wirkt Berlin eher d√ľster: Hier sind die Armen in den innerst√§dtischen Mietskasernen geblieben (Siehe die Fotos von Willy Roemer), die Wohlsituierten sind nach au√üerhalb gezogen. Licht und Schatten auch hier: W√§hrend immer mehr Menschen in die Zentren ziehen und dort teilweise verelenden, wird das Stadtleben heller und bunter, die Gasbeleuchtung wird durch die Elektrizit√§t abgel√∂st und macht Leuchtreklamen m√∂glich - eine Fundgrube f√ľr lichtverkl√§rte Impressionen, wie sie der Portr√§tist der Berliner Gro√üstadtstra√üen Lesser Ury geschaffen hat.
Doch auch im weiten Skandinavien entstehen Mitte des 19. Jahrhunderts moderne Metropolen wie Kopenhagen, Oslo, Stockholm, Helsinki, und sie werden wie Paris, London, Berlin von K√ľnstlern entdeckt und portr√§tiert. Erstmals werden nun die Gro√üstadtbilder Skandinaviens der Zeit zwischen 1870 bis 1920 systematisch in Annette Weisners Dissertation bearbeitet: In einem ausf√ľhrlichen Methoden- und Grundlagenabschnitt - u.a. zum Begriff der Urbanit√§t - bereitet sie auf die vielf√§ltigen bildlichen Zeugnisse von K√ľnstlern wie Edvard Munch, Christian Krohg, Eug√®ne Jansson, Vilhelm Hammershoi, Richard Bergh und vielen anderen vor. Besonderes Augenmerk gilt dabei der st√§dtebaulichen Entwicklung sowie der geographischen Lage der vier Metropolen. Sechzehn farbige Abbildungen (S. 281-296) sowie 77 Schwarzwei√üabbildungen runden die fundierte Arbeit ab.
Was hei√üt Gro√üstadtbild eigentlich?, fragt Weisner. √úber eine Gesamtansicht √° la Merian geht es weit hinaus. Ganz nach Vorbild der franz√∂sischen K√ľnstler findet man Stra√üenszenen wie bei Paul Fischer (Weihnachtsgesch√§ftigkeit, 1886, (Abb. 26), den Fensterblick in die Ferne oder √ľber Dachlandschaften, melancholisch wie bei Hans Heyerdahl (1881, Abb. 6) und sehns√ľchtig wie bei Laurits Anders Ring (1885, Abb. 27). Wie v√∂llig Unbekannte dicht nebeneinander f√ľr eine kurze Spanne in einem Bus nebeneinandersitzen, ein typisches Metropolenph√§nomen, zeigt zum Beispiel Anders Zorns Omnibusbild (1891, Abb. 14).
Jenseits der reinen Stadt- bzw. Stra√üenportr√§ts entstehen Seelenbilder, wie sie nur die Anonymit√§t der gro√üen St√§dte hervorrufen kann. Auch hier findet sich das Pariser Vorbild: So wie der Gro√üstadtmaler Gustave Caillebotte (1848-1894) gerne die Flaneurs abbildete, die sich √ľber ein diagonal ins Bild komponiertes Br√ľckengel√§nder oder eine Balkonbr√ľstung beugen, um das Treiben tief unten m√ľ√üig zu betrachten, beugt sich bei Edvard Munch (Abb. IV, Rue Lafayette, 1891) ebenfalls ein Mann mit Zylinder beobachtend √ľbers Gel√§nder. In seinem im gleichen Jahr entstandenen Bild "Verzweiflung" (Abb. 56, 1891) transponiert er Elemente - schauender Mann, diagonal in den Bildhintergrund verlaufendes Gel√§nder - aus seinem impressionistisch lebensfrohen Rue-Lafayette-Bild in eine ganz andere Dimension: in ein Bild der seelischen Befindlichkeit.
Kritik an der Gro√üstadt √§u√üert auch Christian Krohg etwa in seinem Bild "Der Kampf ums Dasein" (Abb. 24, 1888/1889), das eine Gruppe Armer dichtgedr√§ngt vor einem B√§cker zeigt, der "Brot vom Vortag" gratis verteilt. Zwei Kinder, die Kleinsten der Gruppe, warten geduldig am Ende der Schlange. Die dichte Gruppe der Bed√ľrftigen ballt sich im Vordergrund, die winterliche Stra√üe hinter ihnen f√ľhrt in den Nebel.
Ein literarisches Bild (bzw. eigentlich eine Illustration zu seinem 1886 erschienenen Roman "Albertine") ist Krohgs "Albertine im Wartezimmer des Polizeiarztes" (Abb. 25, 1885-1886), das vom Schicksal einer Näherin handelt, die durch die Skrupellosigkeit eines Polizisten wie beiläufig zur Prostituierten wird.
Während die Berliner Armen in den riesigen Mietskasernen des Zentrums blieben und die Reichen ins Umland zogen, verließen sie in Paris das Zentrum, um den Haussmann'schen Boulevards Platz zu machen. Wo sind sie eigentlich hingegangen? Gab es damals schon die Banlieue von Paris? Zogen sie in Mietskasernen am Stadtrand, wie sie der Schwede Eugène Fredrik Jansson (1862-1915, Abb. 46-48) am Beispiel Stockholms mehrfach abgebildet hat? Jansson hatte als Sohn eines Pförtners besonderes Interesse an der "Topografie der Arbeit und ihrer Protagonisten, des Proletariats", wie Weisner schreibt, und malte "Orte des Nirgendwo": Fabriken, Mietskasernen, öde Straßen und Brachen an den Rändern der Großstadt.

14.01.2013
Daniela Maria Ziegler
Weisner, Annette. Großstadtbild und nordische Moderne. Untersuchungen zur Großstadtdarstellung in der skandinavischen Malerei von 1870 bis 1920. Hrsg.: Schulze, Heiko 79 sw. Abb., und 16 fb. Abb.,23 x 16 cm. Gb. K.L.Ludwig-Verlag, Kiel 2012. EUR 34,90.
ISBN 978-3-937719-67-2
 
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