KunstbuchAnzeiger - Kunst, Architektur, Fotografie, Design Anzeige Verlag Langewiesche K√∂nigstein | Blaue B√ľcher
[Home] [Kunst] [Rezensionen] [Druckansicht]
Themen
Recherche
Service

[zurŁck]

Der Tänzer auf den Wellen

Rudolf Charles von Ripper (1905-1960) hat eine solche F√ľlle von M√∂glichkeiten in sein Leben gepresst, dass er als bildender K√ľnstler - fast m√∂chte man sagen zwangsl√§ufig - in Vergessenheit geriet. Nacheinander war der altadelige Baron aus Siebenb√ľrgen Aussteiger, kritischer Graphiker, Fremdenlegion√§r in Nordafrika, Ehemann der Sternheim-Tochter Mopsa und Mitglied der Berliner 'jeunesse dor√©e' um die Geschwister Mann, Widerstandsk√§mpfer im Umkreis Willy M√ľnzenbergs, KZ-H√§ftling, Spanienk√§mpfer auf Seiten der Republikaner, medizinischer Laborgehilfe in El Paso, Sergant beim ‚ÄěArmy Arts Chorps‚Äú mit f√ľnf √Ąrmelstreifen, ‚ÄúActing Intelligence Officer‚Äú bei der Landung in Salerno, Officer of Strategic Services mit der Spezialaufgabe der Entf√ľhrung von Nazi-Gener√§len, Finanzier der √∂sterreichischen Nachkriegs-Avantgarde um Hundertwasser und m√∂glicherweise Spion des amerikanischen Geheimdienstes, malender Bonvivant zwischen Salzburg und Mallorca mit einem mysteri√∂sen Ende.
Dabei waren die k√ľnstlerischen M√∂glichkeiten, die in von Ripper angelegt waren, herausragend. Bereits 1925 wird der Zwanzigj√§hrige in Franz Rohs legend√§rem Buch ‚ÄěNach-Expressionismus‚Äú als eine der gro√üen Hoffnungen genannt, ein biographisches Partikel, das f√ľr die so detailliert aus dem Nichts aufgebaute Biographie Rippers von Dietmar Horst hier nachgetragen sei. Denn das Werk eines von seinem Helden faszinierten Mosaizisten ist dieses Buch, und wer dergleichen selbst je geleistet hat, wie der Rezensent, der kann wohl ermessen, was an akribischer Recherche, an Korrespondenzen, Telephonaten, am Aufsp√ľren letzter Zeitzeugen, m√∂glicherweise gar im Suchen nach dem verstreuten Oeuvre und Korrespondenzen in solchem Tun steckt. Die Suche hat sich gelohnt. Wir erleben einen abenteuerlichen Lebenslauf nach, in dessen Mittelpunkt das K√ľnstlertum steht, das der eigentlich unverlierbare Faktor in Rudolf von Rippers Lebenslauf ist.

Zu seiner eigentlichen Form finden sollte von Ripper aber erst nach den grausamen Folterungen im Berliner Gestapo-Hauptquartier im Columbiahaus an der Prinz-Albrecht-Straße und in Oranienburg. Ein aus diesem Erlebnis entsprungener Zyklus von Zeichnungen, der den Titel “Kalaidoscope“ trug, ist heute leider verschollen. Er wurde im Oktober 1935 in der renommierten New Yorker Galerie Arthur Tooth & Sons gezeigt. Allerdings wurde nichts verkauft.

Im Sommer 1936 begann der K√ľnstler mit der Umzeichnung und Umsetzung seiner Eindr√ľcke in eine Radierfolge, die sein Hauptwerk werden und in gewisser Weise Geschichte machen sollte. Sie trug, frei nach Voltaire, den Titel ‚ÄěEcrasez l¬īInfame!‚Äú (Zerst√∂rt die Infamie, √ľbersetzte der K√ľnstler dies selbst.) 17 gro√üformatige in Kupferstichtechnik ausgef√ľhrte Graphiken thematisieren die erlebten Grauen und Folterungen, sind daneben aber auch ein R√ľckblick auf das eigene allzu sorglose und selbstverliebte Leben der K√ľnstlerjugend in den sp√§ten zwanziger Jahren. Die NS-Grauen und die ihnen vorangehende Zeit rein auf pure Lebensfreude gerichteten Genie√üenwollens werden im Blatt eines nach Art einer Achterbahn in den Abgrund rasenden Karussells besonders deutlich. Im Januar 1939 wurde seine Radierung ‚ÄúHitler as an Organist‚Äú Titelblatt des Time Magazine, und Hitler wurde mit jener von der New Yorker Zeitschrift auf dem Cover zum ‚ÄěMann des Jahres 1938‚Äú erkl√§rt: Das Time Magazine erwies sich mit dieser Wahl als prophetisch und der den sadistischen Orgelspieler gestaltende Graphiker Ripper war f√ľr einen Moment lang weltber√ľhmt. Gen√ľtzt hat ihm dieser Ruhm wenig, denn als K√ľnstlerpers√∂nlichkeit konnte er sich nicht etablieren, blieb allenfalls einigen Kennern in Erinnerung. So erinnert sich noch heute Wieland Schmied an den sp√§ten Rudolf von Ripper als Protektor der √∂sterreichischen Nachkriegs-Moderne, die in der Galerie ‚ÄěDer Strohkoffer‚Äú in Krems einen Nukleus besa√ü, allerdings hatte Rippers eigens k√ľnstlerisches Potential zu dieser Zeit nachgelassen. Wieland Schmied war es auch, der die biographische Leistung von Dietmar Horst dem Rezensenten gegen√ľber als h√∂chst gelungen bezeichnete.

R√ľckblicke auf von Ripper liefern nicht nur Andr√© Malraux, sein Kamerad aus dem Spanischen B√ľrgerkrieg, oder Klaus Mann, der Freund aus Zeiten des sonnigen Berlin, sondern auch noch lebende Zeitgenossen, wie der Widerstandsk√§mpfer und Verleger Fritz Molden oder Margarete Jedina Baronin Mayr von Melnhof. Der Autor hat die kongeniale Gabe gehabt, das alte √Ėsterreich und das neuerwachte Interesse an ‚ÄěZwischengestalten‚Äú zu seiner Sache zu machen.

02.01.2013
Jörg Deuter
Dietmar Horst, Der T√§nzer auf den Wellen. Das merkw√ľrdige Leben des Rudolf Charles von Ripper. Innsbruck/Wien, 176 S., 21 x 15 cm, Gb. Berenkamp Verlag, Wattens √Ėsterreich 2010. EUR 19,40 CHF 27,90
ISBN 978-3-85093-260-8
 
© 2003 Verlag Langewiesche [Impressum] [Nutzungsbedingungen]