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Bert Papenfu├č - Antonio Saura - Die Mauer

Irgendwo auf Pjotr Kropotkin (ÔÇ×Der AnarchismusÔÇť) sitzt und zwischen Alfred Jary (ÔÇ×K├Ânig UbuÔÇť) und Ernst Jandl (ÔÇ×Laut und LuiseÔÇť) schreibt Bert Papenfu├č, bis 1990 Underground-Arbeiter f├╝r Sprache und Musik im Prenzlauer Berg der DDR. Schreibt sich in seinen Wortdschungel hinein oder heraus, an dessen Wort-Schlingpflanzen wir uns empor oder herunter hangeln, auch gleiten lassen k├Ânnen mit der vagen Aussicht, das obere oder untere Ende, gar den Ausgang zu finden, zu erwischen. So bleiben wir ├Âfter einmal h├Ąngen, schauen uns um, verstehen dies, jenes nicht, glauben verstanden zu haben, erkennen uns, eine Situation wieder, bewegen uns in expressionistisch gegr├╝ndetem, anarchisch-anarchistischem Textgestr├╝pp ein wenig verloren, auch ratlos. Die Lehrerfrage: Was sagt uns der Dichter? hilft nicht weiter und wir verstehen nun Sitzenbleiber, die, sich bem├╝hend, doch zu wenig verstanden haben. Liegt das an uns, am Autor? Eine Interpretation dieser Texte? Verweigert. Frustration? Dann nicht, wenn wir uns von Papenfu├č` (meist in Kleinstverlagen oder von Galerien publizierten) Texten, Wortbildern aus den zwanzig letzten Jahren hin- und herwerfen lassen, sie annehmen, dabei diesen Notanker immer im Kopf: Wir werden nicht alles verstehen.

Denn auch dieser Wortk├╝nstler versteht nicht alles und will eines gar nicht verstehen: Die Realit├Ąten der Deutschen Demokratischen und Bundes-Republik mit ihren Normen, Ordnungen, Grenzen, ja Mauern. Er schreibt dagegen an, entwirft Gegenbilder, provoziert mit der Anti-Realit├Ąt seiner subjektiven Normen die als Herausforderung verstandene normative Kraft des Faktischen (in beiden Republiken), so wie alle Boheme vor ihm und, in diesem Buch, Antonio Saura mit ihm: auch dessen, daf├╝r nur ein Beispiel, an Dalis Schnurrbart erinnernder amorpher schwarzer Farbtupfer mitten ├╝ber dem schr├Ąg von oben farbig fotografierten eingemauerten Brandenburger Tor sprengt die Mauer-Grenze, erkennt sie nicht an und siehe da: Es gibt sie gar nicht, kann sie gar nicht geben, und sie wird, was sie immer auch war, unwirklich. So entsteht hier jener Seh-Raum von und f├╝r Entgrenzungen, in dem Reales und Irreales als nicht mehr voneinander getrennt sondern miteinander verbunden verstanden werden k├Ânnen: Ein Lehrst├╝ck und, mit Papenfu├č` Texten zu Sauras 59 optisch-visuellen ├ťbermalungen meist schwarz-wei├čer Mauer-Fotografien, eine gelungene doppelte Symbiose. F├╝r etablierte Anarchisten ein Tea-Table-Buch. Und ein Buch f├╝r all jene, die ├╝berzeugend gestaltetes k├╝nstlerisch Subversives, Provokatives, auch Unvollendetes, reizt.

R├╝ckblick:
Berlin-West 1985, Beginn der Hochzeit der k├╝nstlerischen Auseinandersetzung mit der Mauer. Die hier 2012 vorliegenden 59 ├╝bermalten Mauer-Fotografien Antonio Sauras werden erstmals publiziert (Antonio Saura. Arbeiten auf Papier aus drei├čig Jahren/Berlin-Serie, herausgegeben vom Kunstamt Wedding/Galerie Stadler, Paris. Berlin 1985:Deutsch-Franz├Âsische Gesellschaft Berlin e.V., 121 Seiten; 650 Exemplare; Ausstellungskatalog) und im Haus seines Auftraggebers, dem Kunstamt Wedding, ausgestellt. Im gleichen Jahr ver├Âffentlicht Bert Papenfu├č (mit Sascha Anderson und Stefan D├Âring) ÔÇ×15 deutsche SonetteÔÇť unter dem mehrdeutigen Titel ÔÇ×ich f├╝hle mich in grenzen wohlÔÇť (Berlin-Kreuzberg, Mariannen-Presse; 230 Exemplare).

25.09.2012
Wolfgang Schmidt, Berlin Friedenau
Bert Papenfu├č/Antonio Saura. Die Mauer.Hrsg.: archives antonio saura. 74 Abb. 24x 22 cm. Gb. Hatje-Cantz, Ostfildern 2012. EUR 29,80. CHF 30,50
ISBN 978-3-7757-3409-7
 
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