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Geschichte der Welt in 100 Objekten

Die Geschichte dieser so umfangreichen wie preiswerten Beck-Publikation ist so spannend wie das Buch selbst: Eine Geschichte der Welt sollte erz├Ąhlt werden (im wahrsten Sinne des Wortes), und zwar im BBC-Radio 4. Gegenstand (ebenfalls im wahrsten Sinne des Wortes) sollte eine Anzahl von Dingen bzw. Objekten aus den Best├Ąnden des British Museums von London sein. Nach anf├Ąnglichen Bedenken - Dinge lediglich durch Beschreibung sichtbar zu machen? Wie soll das gehen? - gelang das Experiment, die Radio-Serie war beliebt, bald erschien das Buch zur Reihe, und hier ist es in deutscher Sprache.

Hundert ausgew├Ąhlte Museumsobjekte sind in zwanzig Abschnitte geteilt, was hei├čt, dass jedem Abschnitt f├╝nf Objekte zugeordnet sind. Beispiel: Teil VII "Reichsgr├╝nder" (300 v. Chr. - 10 n. Chr.) beinhaltet eine Silberm├╝nze mit dem Kopf des Alexander (posthum gepr├Ągt zwischen 305 und 281 v. Chr.), das Bruchst├╝ck einer Ashoka-S├Ąule aus Uttar Pradesh in Indien (von Ashoka dem Gro├čen errichtete S├Ąule mit dem Erlass zur Toleranz unter den Religionen, datiert auf 238 v. Chr.), den Stein von Rosette, der es erm├Âglichte, die ├Ągyptischen Hieroglyphen zu entziffern, eine chinesische Tasse aus der Han-Zeit aus Pj├Ângjang in Nordkorea (Zeugnis der Einflussnahme der in China herrschenden Han auf die s├╝dlich angrenzenden L├Ąnder), sowie einen ├╝berlebensgro├čen Augustuskopf (gefunden in Meroe, datiert auf 27 - 25 v. Chr.).

Beim Durchbl├Ąttern, wozu der dicke Band unwillk├╝rlich verf├╝hrt, f├Ąllt immer wieder auf, dass die gro├čen Klassiker europ├Ąischer Kultur, wie es ein Augustuskopf und eine Alexanderm├╝nze etwa sind, sehr sehr selten sind. Stattdessen finden sich Gegenst├Ąnde aus aller Herren/Damen L├Ąnder, von denen die meisten Europ├Ąer vielleicht noch nie etwas gesehen oder geahnt haben; den europazentrierten Blick auf Geschichte erheblich zu erweitern, also eine echte Welt-Geschichte zu schreiben, war durchaus Absicht der Radio- und Museumsleute: So lernen die Lesenden den goldenen Schulterkragen aus Mold,
ein Textil der Paracas-Kultur, Kr├╝ge aus Basse-Yutz, den Pfefferstreuer von Hoxne, einen koreanischen Dachziegel, Tonscherben aus Kilwa und vieles mehr kennen. (Was sich dahinter verbirgt, steht im Buch!)

Verst├Ârend etwa wirkt der Waffenthron aus Mosambik aus dem Jahr 2001, der vollst├Ąndig aus Gewehren und Gewehrteilen besteht: ein Zeugnis der milit├Ąrischen ├ťberlegenheit und Prunkst├╝ck eines Stammesf├╝rsten, wie es auf den ersten Blick scheinen mag? Das genaue Gegenteil ist der Fall: Der Stuhl ist das Kunstobjekt eines afrikanischen K├╝nstlers namens Kester, der ihn im Rahmen eines gro├čen Friedensprojektes geschaffen hat. Anfang der neunziger Jahre sollten als Abschluss des f├╝nfzehn Jahre dauernden B├╝rgerkriegs in Mosambik Waffen freiwillig abgeliefert und gegen Werkzeuge, N├Ąhmaschinen und anderes getauscht werden. Seitdem sind 600 000 Gewehre zusammengekommen und zu Kunstwerken geworden: Symbole f├╝r die R├╝ckkehr in ein normales Leben.

Circa hundert Jahre ├Ąlter ist der sogenanne Suffragetten-Penny, ein verf├Ąlschter Edward-VII.-Penny aus den Jahren 1903 bis 1918, dessen Kopfseite ein eingepunzter Slogan in Gro├čbuchstaben: VOTES FOR WOMEN, ziert. Ein erstaunliches St├╝ck j├╝ngere Geschichte, da die englischen Suffragetten um die entschlossene Emmeline Pankhurst klug und effektiv das g├Ąngigste Propagandamittel nutzten, das es ├╝berhaupt gibt: Geld. Jeder und jede nimmt es in die Hand, jeder und jede muss es zur Kenntnis nehmen, ob er/sie will oder nicht. Ein Massenkommunikationsmittel, an das keine Zeitung und keine Wahlrede herankommt.

Das Objekt (der Gegenstand, das Ding) ist - noch dazu, wenn es im Museum steht - bereits von seinem urspr├╝nglichen Kontext des Gebrauchs bzw. der Benutzung losgel├Âst und kann, weil museal, der Geschichte und/oder der Kunst zugeordnet werden. Dass es f├╝r jedes museale Objekt einst einen Kontext der Benutzung gegeben hat, wird an den ausgew├Ąhlten Objekten des Buches besonders klar: W├Ąhrend auch die silberne Alexanderm├╝nze einst Zahlungs- und Propagandamittel war und nun l├Ąngst zum Kunstobjekt geadelt ist, haftet dem kleinen Suffragetten-Penny sowohl sein geringer Kaufwert als auch seine immense feministische Bedeutung noch an. Irgendwann wird sicher auch er mal zum Kunstobjekt werden ...

Der als Autor erscheinende Neil MacGregor, seit 2002 Direktor des British Museum, betont in seiner Danksagung, dass sowohl die BBC-Reihe als auch das Buch auf der Basis von Teamarbeit entstanden ist. Das Buch sollte in keiner Schulbibliothek fehlen: eine lohnende Anschaffung f├╝r vergleichsweise wenig Geld!

30.03.2012
Daniela Maria Ziegler
MacGregor, Neil. Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten. Gb. C.H. Beck Verlag, M├╝nchen 2011. EUR 39,95.
ISBN 978-3-406-62147-5   [C. H. Beck]
 
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