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Bilderwelt und Lebenswirklichkeit

Knipserfotos aus soziologischer Perspektive
Die "Gebrauchweisen der Fotografie" sind zwar seit den Untersuchungen von Pierre Bourdieu - 1983 auf Deutsch erschienen - g├Ąngige Vokabeln im Umgang mit fotografischen Erscheinungen, jedoch geh├Âren in unseren Breitengraden die sozialen Ph├Ąnomene des Mediums nach wie vor zu den Desideraten der Fotohistoriografie. Lieber besch├Ąftigt man sich mit den Vorl├Ąufern in der bildenden Kunst, prominenten Lichtbildnern oder dem "Ende des fotografischen Zeitalters" und klammert die Wirkungsgeschichte der Bilder aus. Dieser Tendenz tritt nun eine Ver├Âffentlichung entgegen, die vor allem den Vertretern von imagologischen Betrachtungsweisen kaum gefallen wird. Denn f├╝r das Verst├Ąndnis der privaten Fotografie z├Ąhlt nach Ansicht des Autors nicht das Dargestellte, das Motiv, sondern ausschlie├člich der Umgang mit den Fotografien. Dem ist f├╝r den Bereich der Knipser ohne Einschr├Ąnkung zuzustimmen, zumal die Analyse eines Produkts, das ohne ├Ąsthetische Anspr├╝che hervorgebracht wird und sich kaum von den Hervorbringungen gleicher Provenienz unterscheidet, nicht bei seinen Formen ansetzen kann.
Allerdings h├Ąlt Stefan Guschker ausschlie├člich die Aussagen der Bildautoren und -besitzer zur Bewertung des Materials f├╝r relevant. Zwar bekennt er, dass die Transformierung von Bildern in Sprache "nicht ohne Sinnverlust m├Âglich ist", gleichwohl l├Ąsst er ausschlie├člich schriftliche Aufzeichnungen und Interviews mit den Beteiligten zu den Fotografien als Quelle und Grundlage f├╝r weitere ├ťberlegungen zu. Denn diese seien "als visuelle Ph├Ąnomene [...] prinzipiell nicht von au├čenstehenden Beobachtern ‚dekodierbar’", wogegen "Erz├Ąhlungen ├╝ber Fotos als Texte [...] strukturell vergleichbar sind." Das hie├če aber, dass der gesamte Bestand an Bildern, deren Urheber nicht mehr leben oder deren Besitzer nicht ermittelbar sind, f├╝r die Forschung nicht oder nur eingeschr├Ąnkt verwertbar seien. Dies kann selbstverst├Ąndlich f├╝r die Fotogeschichtsschreibung keine G├╝ltigkeit haben. Vielmehr bedarf es weiterer Anstrengungen, um Kriterien und Methoden zu entwickeln, damit anonyme Bilder "zum Sprechen gebracht" werden k├Ânnen. Denn die Knipserbilder m├Âgen ├Ąsthetisch anspruchslos sein, bilden aber f├╝r viele Bereiche des Lebens oft die einzigen bildlichen Zeugnisse, sind also f├╝r Volkskundler, Alltagshistoriker und andere Wissenschaftsfelder unverzichtbar.
Davon unabh├Ąngig wird niemand an der vorliegenden Publikation vorbei gehen k├Ânnen, der sich mit der Geschichte des privaten Daseins auseinandersetzt. Und mit ihrer umfangreichen Nennung und pointierten Kritik der einschl├Ągigen Fotoliteratur sowie den zahlreichen Fallbeispielen ist sie auch f├╝r jene wertvoll, die ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf die Bildproduktion richten, sondern sich auch f├╝r die Rezeption durch die Beteiligten interessieren.
Timm Starl
Guschker, Stefan: Bilderwelt und Lebenswirklichkeit. Eine soziologische Studie ├╝ber die Rolle privater Fotos f├╝r die Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens. 2002. 390 S. 21 cm. Br EUR 50,10
ISBN 3-631-39567-1
 
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