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Toby Binders Buch „Wee Muckers“

Bestenfalls Melancholie
„Troubles“ nennt man den Bürgerkrieg, den blutigen Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland, der in den späten 1960er Jahren ausbrach. Ein zu schwaches, euphemistisches Wort für jenen Krieg, der mehrere tausend Menschen das Leben kostete und dessen Ende das Karfreitags-Abkommen von 1998 markierte. Seitdem leben die Menschen in Belfast in einem brüchigen Frieden. Doch sogenannte „Friedensmauern“ trennen bis heute die evangelischen und katholischen Viertel.
Und bis heute leben die Menschen nicht zusammen, sagt der Fotograf Toby Binder, dessen Buch „Wee Muckers“ gerade im Kehrer-Verlag erschienen ist. In diesem zeigt er Jugendliche in Belfast, deren Lebenssituation nach dem Brexit noch einmal eskalieren könnte. Den Krieg haben sie nicht mehr miterlebt, doch ist ihr Leben geprägt von Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Drogen, Alkohol – auf beiden Seiten.
Betrachtet man die kraftvollen Schwarzweißbilder dieses Buchs, dann findet man hier erschütternde Dokumente einer Trostlosigkeit, die sich mitten in Europa breit gemacht hat. Gewalt liegt in der Luft, die nach dem Brexit jederzeit wieder eskalieren könnte, wenn es zwischen der Republik Irland und Nordirland wieder eine harte Grenze geben würde und Nordirland gegen den Willen der Mehrheit die EU verlassen muss.
Der Brexit könnte einen neuen Bürgerkrieg provozieren, warnen Politologen. Paramilitärischen Gruppen wie die New IRA oder auf der Gegenseite die Ulster Volunteer Force warten nur auf die Gelegenheit, wieder losschlagen zu können, befürchtet auch der nordirische Autor Paul McVeigh, der das Vorwort zu „Wee Muckers“ geschrieben hat: „Nur eine Straße weiter wäre ich als mein ‚Feind‘ geboren“. Die Gewalt, sie ist schon heute wieder da: Im Januar zündete die New IRA eine Autobombe in Londonderry.
In dieser Welt wächst eine neue Generation heran, die jenseits der Konfessionen viel mehr eint, als trennt, sagt Binder. Ihr Leben gleicht sich. Sie wohnen in ähnlichen alten Arbeitervierteln, in protestantischen und katholischen Stadtteilen von Belfast, die sich kaum unterscheiden. Unionisten und Republikaner sind durch „Peace Walls“ getrennt, doch ihre Resignation verbindet sie.
Dem 1977 in Esslingen geborene Fotografen gelingt in „Wee Muckers“ eine intensive Beschreibung ihres Lebens: das Herumhängen in Brachen, Fußballspielen im Müll vor alten Backsteinmauern, Bier trinken vor Graffitis und Wandmalereien der verfeindeten konfessionellen Lager, ein Feuer machen aus herumliegenden Unrat, dann wieder ganz nahe, intime Porträts, Jugendliche, die Tätowierungen mit politischen Parolen tragen – all das zeigt uns Binder in scharfkantigen, existenzialistischen, symbolhaften Fotografien. „Wee Muckers“ ist ein Slang-Ausdruck für „gute Kumpels“, doch selten begegnet uns hier ausgelassene Kameradschaft: Hüben wie drüben herrschen Tristesse, Hoffnungslosigkeit, bleierne Schwere, bestenfalls Melancholie.
So ähnlich sich die protestantischen und katholischen Jugendlichen sind – sie tragen die gleichen, extrem kurzrasierten Haarschnitte, Sportjacken und Sneakers der gleichen Marken, sie hören die gleiche Musik – so fern sind sie auch voneinander. Mehr als 20 Jahre nach dem Friedensabkommen findet immer noch keine Durchmischung in den Wohnvierteln statt. Noch immer gibt es viele unsichtbare Grenzen, die zu überschreiten gefährlich werden kann: Protestanten vermeiden es, katholische Viertel zu durchqueren – und umgekehrt.
Doch wo man hinschaut, überall ist es gleich: Überall liegt Müll auf den Straßen. Keiner hat Geld. Alle sind frustriert. Es liegt Gewalt in der Luft: „Es ist ein Märchen, dass die Gewalt aufgehört hat seit dem Karfreitags-Abkommen. Die Leute hier fangen schon an, mit den Säbeln zu rasseln“, so Paul McVeigh.

02.09.2019
Marc Peschke
Toby Binder. Wee Muckers.Youth of Belfast. Binder, Toby. Fotograf / Fotografin Binder, Toby; Beitr.: McVeigh, Paul; Erschaffen von Steinbeck, Birthe. Engl. 120 S. 85 Abb. Duplexdruck. 18 x 24 cm. Kehrer Verlag, Heidelberg 2019. EUR 35,00.
ISBN 978-3-86828-915-2
 
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