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Heidi Specker – Fotografin

Vom Bild zum Rätsel
Ein neues Buch über das Werk von Heidi Specker

„Vielleicht taugen diese Gebäude vor allem als Bilder und weniger zum Bewohnen“, urteilte Christoph Blase einmal über die fotografierten Architekturen von Heidi Specker. Das war in den Neunzigern, als die digital bearbeiteten Tintenstrahldrucke und Iris Prints der 1962 geborenen Berlinerin die Architektur des „Internationalen Stils“ der Hochhausarchitektur der sechziger und siebziger Jahre zeigten. „Speckergruppen Bildings“ hatte die Künstlerin einen 1995 bis 1996 entstandenen, 18-teiligen Bildzyklus genannt und spielte mit der Zusammensetzung aus „building“ und „Bild“ auf ein neues Miteinander von Architektur und Darstellung an.

Jahrelang ging es bei Specker vor allem darum: um das Erfassen von Architektur als bildhafte Oberfläche, als ornamenthaftes Strukturmaterial, das sie in der fotografischen Bearbeitung seiner Funktionen beraubte. „Im Gegensatz zur Architektur, die zuerst einen Entwurf, daraus ein Modell entwickelt und schließlich das Gebäude realisiert, fotografiere ich vorhandene Architektur und vereinfache das Haus zurück zum modellhaften Bildobjekt.“

Inzwischen hat sich im Werk von Specker einiges geändert. Würde man es nicht besser wissen, würde man viele der Bilder des Katalogbuchs „Heidi Specker. Fotografin“ nicht für Kunstwerke jener Frau halten, welche als Pionierin der digitalen Fotografie früher in den heruntergekommenen Einkaufskomplexen der Nachkriegsmoderne auf Spurensuche ging, um Architekturstrukturen, Fassadendetails, wabenartige oder kristalline Muster fotografisch zu bergen.

Betrachtet man die aktuellen Bilder Speckers, die bis zum 27. Mai im Kunstmuseum in Bonn zu sehen waren, so muss man beginnen, neu zu denken: Der Katalog vereinigt – in einem Überblick über 20 Jahre – auf den ersten Blick sehr Diverses. Die Serie „In Front Of“ von 2016 etwa zeigt im Kreuzberger Studio entstandene Porträts von zumeist abwesend wirkenden Menschen, aber auch isolierte Hände, Hände mit Tieren oder eine Katze aus Porzellan. Die Werkgruppe „Re-Prise“ offenbart uns eine blutrot leuchtende Pfütze oder die schlichten Tasten eines Klaviers. „Alexanderplatz“ aus „Speckergruppen Bildings“ führt uns zurück in die Vergangenheit. Was verbindet diese Bilder?

Natürlich gibt es Stationen auf diesem Weg. Die Serie „Im Garten“ ist eine solche, bei der Specker Bäume im Stadtraum Berlins vor Hauswänden fotografiert hat. Was sich an Speckers Bildern nicht verändert hat, ist der rätselhafte Zug: So wie Specker bei ihren Architekturbildern nie sachlich war, so ist sie es auch nicht bei ihren fragmentarisierten Porträts, wie man beim Blättern im Katalog feststellt. Die Szenerien, die Menschen, die Tiere: Specker erzählt uns nichts über sie, im Gegenteil: Sie macht die Beiläufigkeit zum Programm.

Das Katalogbuch zur Bonner Retrospektive ist gelungen, weil es die Subjektivität in Speckers Bildern vollendet zum Ausdruck bringt. Man kann es vielleicht nicht besser beschreiben, als Gudrun von Schoenebeck, welche die Ausstellung in Bonn treffend resümiert hat: „Am Ende hat man keine chronologische Abfolge von Heidi Speckers Werken, sondern eine mehrdimensionale Karte ihrer Welt im Kopf.“

Blicken wir in Speckers rote Pfütze, in die Regen tropft. Inmitten einer Collage aus zerbrochenen Pflastersteinen. Das Leben, der Alltag zeigt sich hier als ‚subjektiver Bildraum“, wie die Fotografin selbst sagt. Speckers Bilder sind in hohem Maße assoziativ. Unter ihrer fotografischen Ägide werden auch Blätter, Wurzeln, Pilze oder Steine zu Symbolen. Auf die Frage, was Heidi Specker denn beim Fotografieren suche, antwortete die Künstlerin einmal: „Ich suche erst mal ein Bild.“ Ihr Werk ist unter anderem auch ein Anlass, darüber nachzudenken, wie ein Bild zum Rätsel werden kann.

06.06.2018
Marc Peschke
Heidi Specker. Fotografin. Specker, Heidi; Scheuermann, Barbara J.; Schreier, Christoph. Hrsg.: Scheuermann, Barbara J. Engl.; Dtsch. Verlag für moderne Architektur, Wien 2018. 200 S. EUR 29,00.
ISBN 978-3-903228-48-1
 
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