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New Bauhaus Chicago – Experiment Fotografie

Die Vorbereitungen für das 100-jährige Bauhaus-Jubiläum 2019 haben vielerorts begonnen, und bundesweit sind zahlreiche Veranstaltungen in der Planung. Die bestandsführenden Institutionen an den ehemaligen Bauhaus-Standorten Weimar, Dessau und Berlin sind in Erwartung ihrer Neu- und Umbauten und haben, um die Wartezeit zu verkürzen, ihre prä-Jubiläumsausstellung gestartet: In Weimar war die Schau „Wege aus dem Bauhaus. Gerhard Marcks und sein Freundeskreis“ zu sehen, die inzwischen im Marcks-Haus in Bremen (bis 4. März 2018) gezeigt wird, und die Bauhaus Stiftung Dessau präsentiert als Jubiläums-Präludium die Sonderausstellung „Handwerk wird modern“ (bis Anfang Januar 2018). Mitte November wurde nun die Ausstellung „New Bauhaus Chicago: Experiment Fotografie und Film“ im Bauhaus-Archiv Berlin (bis 5. März 2018) eröffnet. Sie widmet sich im 80. Gründungsjahr des New Bauhaus Chicago dem Neubeginn und der Weiterentwicklung des Bauhauses-Gedankens im amerikanischen Exil. Ausstellung und Katalog schöpfen bei der Auswahl der Objekte vor allem aus den reichen Beständen des Bauhaus-Archivs Berlin, das außerhalb Amerikas über die wohl größte Sammlung an fotografischen Arbeiten verfügt, die am New Bauhaus entstanden sind. Doch während in der Ausstellung die Schwerpunkte auf Fotografie und Film gesetzt worden sind, konzentriert sich der reichbebilderte, auch in englischer Sprache verfügbare Begleitband ganz auf das Medium Fotografie, das in den Vereinigten Staaten von Amerika maßgebliche Impulse durch den avantgardistischen Bauhaus-Meister und Gründungsdirektor der Exil-Hochschule László Moholy-Nagy erhalten hat. Auf seine Initiative hin wurde das Werkstattprogramm um eine Lichtwerkstatt erweitert, die den Grundstein für die Einrichtung des Fachbereichs Fotografie bildete.

Nach einem sich etwas an den Bauhaus-Lehrplan anbiedernden, nicht sehr funktionalen Inhaltsverzeichnis und einigen Grußworten folgt eine kurze Einleitung der Kuratorinnen Kristina Lowis und Sibylle Hoiman. Eine nicht verzeichnete, aber hilfreiche Zeittafel (S. 16) benennt die wesentlichen Eckdaten von der Schließung des Bauhauses in Berlin (1933) über die Eröffnung des für ein Jahr existierenden The New Bauhaus in Chicago (1937), die Wiedereröffnung als School of Design (1939) und die Umbenennung in Institute of Design (1944; kurz ID) sowie deren Angliederung an das Illinois Institut of Technology (1949). Hier wurden „zwei ganze Künstlergenerationen in den Bereichen Fotografie und Design [ausgebildet], die sich durch eine visuelle Raffinesse, Kreativität und Komplexität auszeichneten, wie sie in den USA selten zu finden sind“, schreibt Stephen Daiter (S. 114), und das Katalogbuch verdeutlicht dies mit faszinierenden Fotografien, bei denen man manchmal nur raten kann, wie sie erzeugt worden sein könnten.
Im Katalogbuch sind sechs, von kürzeren und längeren Bildstrecken unterbrochene Textbeiträge versammelt. Deren Autorinnen und Autoren nähern sich dem Themengebiet „Fotografie am New Bauhaus“ aus höchst unterschiedlichen und damit abwechslungsreichen Perspektiven. Während Kristina Lowis in ihrem Beitrag einen allgemeinen Einstieg in die Fotografie am New Bauhaus und seinen Nachfolgeinstitutionen gibt, berichtet der ehemalige ID-Dozent John Grimes in einem sehr subjektiven Überblick über die Fotografiekurse im Wandel der Zeit. Einen Einblick in den Handel mit ID-Fotografien gibt Galerist und ID-Absolvent Stephen Daiter, der wie Grimes in der ersten Person schreibt und damit etwas irritiert. Aus der Museumssicht schildern Sibylle Hoiman, für das Berliner Bauhaus-Archiv, und Elizabeth Siegel, für das Art Institute of Chicago, wie die Fotobestände der Chicagoer Schule in den genannten Institutionen zusammengetragen worden sind. Zuletzt wirft Astrid Bähr anhand werbewirksamer Drucksachsen einen Blick auf das Marketingkonzept der Schulen und deren Rezeption. Bei der Lektüre scheint es manchmal so, als ob ein Sieger gefunden werden müsste, wem das größte Verdienst um das Erbe dieses „bedeutendste[n] Ort[es] für die Ausbildung des modernen Künstler-Fotografen“ (Stephen Daiter, S. 114) zuzuerkennen ist. Aktuelle Positionen aus Chicago, die exemplarisch für das Nachwirken des epochemachenden Fotografieprogramms stehen, werden zuletzt vorgestellt.
Im Kataloganhang ist neben einer Literaturliste, den üblichen Impressumsangaben und Dankesworten auch eine Liste der erwähnten Personen abgedruckt. Diese registerartige Übersicht der im Katalog erwähnten Lehrkräfte und Ehemaligen der Fotografieabteilung des New Bauhauses und des Institut of Design enthält neben den Seitenverweisen auch relevante Lebensdaten, doch wie belastbar diese Übersicht ist, verdeutlicht ein Beispiel: „Bredendieck, Hin (1904-1995), Dozent 1937/38 (110)“ (S. 199). Hin Bredendieck, der zwischen 1927 und 1930 Student am Bauhaus Dessau und nach seinem Abschluss zeitweilig im Berliner Atelier von Moholy tätig war, erhielt 1937 eine Empfehlung als Lehrkraft von Walter Gropius ans New Bauhaus Chicago – soweit so richtig – doch endet sein Werdegang als Dozent in Chicago erst wesentlich später als das Katalogregister vermuten lässt. Bredendieck war nach der Schließung des New Bauhaus zeitweilig freiberuflich tätig, doch 1945 kehrte er an die nun als Institute of Design firmierende Schule zurück und erhielt eine Position als Assistenzprofessor. Eine im Katalog abgedruckte Gruppenaufnahme des ID-Personals, fotografiert von Mili Thompson um 1946/49 (S. 65), zeigt Bredendieck dementsprechend hinter Nathan Lerner sitzend in der mittleren Reihe neben Arthur Siegel und Frank Levstik. Die Bildunterschrift identifiziert zwar den Hausmeister, aber nicht einen der Protagonisten des Exports der Bauhaus-Idee und wichtigen Vertreter der amerikanischen Industriedesignausbildung.
Das Beispiel verdeutlicht, dass die Bauhaus-Forschung noch lange nicht abgeschlossen ist, sondern sich lebendig weiterentwickelt und neue Erkenntnisse zusammengetragen werden können. Der Band macht Lust auf das Bauhaus-Jahr 2019. Es ist zu hoffen, dass die vielversprechenden Projekte und Ausstellungsvorhaben – auch abseits der Bauhaus-Zentren – ein inspirierendes Festjahr ermöglichen, das sich nicht zu einem eintönigen Ausstellungsmarathon entwickelt, bei dem noch vor Jubiläumsbeginn der Luther-Effekt einsetzt und man des Themas überdrüssig wird.

05.01.2018
Kora G. Polock
Experiment. New Bauhaus Fotografie Chicago. Hrsg.: Bauhaus-Archiv. Museum für Gestaltung. 208 S. 183 fb. Abb. 25 x 23 cm. Hirmer Verlag, München 2017. EUR 39,90. CHF 48,70
ISBN 978-3-7774-2938-0
 
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