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Roger Wehrli – Bilbao

Geduld, genaues Hinschauen, nachdenken. Roger Wehrli fotografiert Bilbao
Wie sehr sich Städte binnen nur weniger Jahre verändern können, davon erzählt Roger Wehrlis Band „Bilbao. Fotografien seit 1988“, der gerade bei Scheidegger & Spiess erschienen ist. Die Geschichte des urbanen Wandels von einer heruntergekommenen Industriestadt zur Kulturmetropole – dafür steht Bilbao beinahe paradigmatisch.
Die baskische Stadt galt in den achtziger Jahren als eine der schmutzigsten und unattraktivsten in ganz Spanien – mit ihrer maroden Industrie und einer hohen Arbeitslosigkeit. Seit 1993 veränderte sich die Stadt radikal: Vor allem Frank O. Gehrys Guggenheim-Museum wurde zu einem neuen Aushängeschild einer Stadt, die sich anschickte, sich neu zu erfinden.
Von 1988 bis 2014 fotografierte der Schweizer Roger Wehrli diesen Wandel der Stadt, die einst von der Schwerindustrie, vor allem durch Stahlfabriken, Hochöfen und Schiffswerften geprägt wurde. Bilbao war eine rußige Arbeiterstadt – Demonstrationen der Arbeiter und Arbeitslosen waren an der Tagesordnung. Nach und nach schloss eine Fabrik nach der anderen. Harte Arbeitskämpfe folgten, die Wehrli ebenfalls aufpackende Weise ins Bild bringt. Die militante baskische Unabhängigkeitsbewegung lieferte sich Straßenschlachten mit der Polizei – Gewalt überschattete das Leben.
Der Umbau Bilbaos hat die Probleme nicht lösen können, da ist sich der 1965 in Baden geborene Fotograf sicher. Auch wenn namhafte internationale Architekten hier neu gebaut haben, ausländische Investoren investiert haben, so hat das Ende des Industriezeitalters und die Entstehung des modernen Bilbaos neue Probleme mit sich gebracht. „Die Auseinandersetzung mit dieser Stadt hat mir bewusstgemacht, was Fotografie, gerade in der heutigen Zeit, ausmacht: Geduld, genaues Hinschauen, nachdenken“, so resümiert Wehrli seine langjährige Beschäftigung mit der Stadt Bilbao.
Das nun erschienene, kleinformatige Buch beweist wieder einmal, wie fotogen die Industriearchitektur des 20. Jahrhunderts sein kann. Wehrlis Bilder der Arbeit im Stahlwerk, seine Fotografien der Massenproteste der Arbeiter, die Straßenschlachten vor einem Fußballspiel, die Angler am damals noch hochkontaminierten Fluss Ría de Bilbao, die spielenden Kinder im Arbeiterviertel, die rostenden Frachtschiffe, die eng gebauten alten Mietskasernen, die verrauchten Arbeiterpinten, die Punk-Bars und alternative Zentren – all das gießt Wehrli in düsteres, atmosphärisches Grauschwarz.
Heute gibt es saubere Luft und einigermaßen sauberes Wasser, doch beim Betrachten der Bilder kommt auch Wehmut auf. Bilbao, sagt Wehrli, ist heute eine ziemlich normale Stadt geworden. „Bilbao. Fotografien seit 1988“ ist eine Fotoreportage, wie sie heute selten ist: Sie zeigt Architektur und Arbeit, das soziale Leben der Menschen über einen langen Zeitraum hinweg.
Wer noch tiefer in der Geschichte der Stadt graben möchte, dem sei der Text von Ibon Zubiaur ans Herz gelegt, der den politischen und sozialen Umbruch der Stadt en Detail beschreibt. Und noch ein ganz großes Lob an die Buchgestalter dieses Bandes: Hier wurde mit viel Sinn für Details (und Lust am Purismus) ein Werk geschaffen, in dem Form und Inhalt auf wunderbare Weise zusammenfließen.

05.09.2017
Marc Peschke
Roger Wehrli – Bilbao. Fotografien seit 1988. Beitr.: Wehrli, Roger / Zubiaur, Ibun. Dtsch, Engl, 160 S., 80 Abb. 24 x 17 cm. Gb. Scheidegger & Spieß, Zürich 2017. EUR 38,00 CHF 39,00
ISBN 978-3-85881-535-4   [Scheidegger & Spiess]
 
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