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Alltag in Berlin

1000 Bilder aus 100 Jahren: so steht auf dem Rücken des großformatigen Bandes, ein veritables Coffee-Table-Book, ein Wälzer, ein Fundus, eine Fundkiste – das Porträt einer Stadt und seiner Bevölkerung in Bildern.
Aber Vorsicht vor allzu viel Euphorie. Auf den ersten Blick erscheinen 1000 Bilder eine gewaltige Menge. Doch herunter gebrochen auf die einzelnen Abschnitte des vorliegenden Bandes sieht das schon anders aus. Denn für jedes der 13 Kapitel bleiben im Schnitt knapp 80 Bilder. Und das ist dann dort, wo der Bogen über’s Jahrhundert gespannt wird, lediglich soviel, um ein paar Aspekte der jeweiligen Themen anzustippen.
Im ersten großen Abschnitt wird das Leben in der Großstadt ausgebreitet, die Kapitel heißen „Arbeitswelten“, „Jahrzehnte der Krise“, „Familie und Freizeit“, „Bauen und Wohnen“, „Bilden und Erziehen“, „Konsum und Vergnügen“, „Die Vielfalt der Kulturen“. Im zweiten Abschnitt dann geht es um das Verhältnis von Stadt und Politik, die Kapitel tragen die Titel: „Preußens Gloria und Niedergang“, „Die umkämpfte Republik“, „Das braune Berlin“, „Neubeginn und Kalter Krieg“, „Leben in der Teilung“, „Mauerfall und zweiter Aufbruch“. Man kann sich leicht vorstellen, wie die Bilder beschaffen sind und was man drauf erkennen kann – bis auf ein paar Überraschungen bestätigt der Band das ohnehin umfangreiche Bildgedächtnis der Leser.
Aber dort, wo der von einer bewanderten Archivarin und einem renommierten Historiker zusammengestellte Band punkten könnte, schweigt er sich aus: Hans-Ulrich Thamer erwähnt in seiner Einleitung lediglich, dass sich damit „lügen“ läßt, sagt aber weder, was genau er damit meint, noch, auf welche Weise man mit dem vorliegenden Material umzugehen habe, um die Lüge als solche zu erkennen, geschweige denn, wie man zur Wahrheit gelangen könnte. Für den Leser heißt das: es gibt nur knappste, oft banale Bildunterschriften, aber keine Verweise, welche Fotografen am Werk waren und in welchem Zusammenhang die Aufnahmen entstanden. Das ist eine sträfliche Vernachlässigung. Denn eine prallvolle Fotokiste auszukippen und dann das Schönste daraus abzudrucken ist ein bisschen wenig.
So bleibt denn „Alltag in Berlin“ auf der Oberfläche kleben. Es breitet einen Bildfundus um seiner selbst Willen aus und verzichtet auf die Möglichkeit der kritischen Aufarbeitung, für die man nicht etwa mehr Zeilen gebraucht hätte, als vorhanden, sondern eben einen anderen Blickwinkel. Dass der Band am Ende auch noch einem unter Nostalgikern weitverbreiteten Berlin-Mythos auf den Leim geht ist dabei nur konsequent. Aber es ist halt auch genauso peinlich.

15.03.2017
Christian Welzbacher
Alltag in Berlin. Das 20. Jahrhundert. Thamer, Hans-Ulrich; Schäche, Barbara. 462 S., 1000 Abb. 24 x 34 cm. Gb. Elsengold Verlag, Berlin 2016. EUR 49,95,. CHF 66,90
ISBN 978-3-944594-55-2
 
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