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Geschlossene Gesellschaft - K√ľnstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989

Eine gelungene Ausstellung und ihren hervorragenden Katalog.

Wei√üe Farbschleier tanzen auf dem Kleid, ein gel√ľpfter Fu√ü ber√ľhrt mit der Spitze das rautenf√∂rmig verlegte B√ľrgersteigpflaster. Der Stock sticht schr√§g nach links aus der Bildmitte auf eine anschlie√üende Steinplatte, die glatt und grau unter ihren F√ľ√üen liegt. Wo sind wir? Wann? Auf der schwarz-wei√ü Fotografie ‚ÄěKlostergasse, Leipzig 1956‚Äú von Ursula Arnold gleitet unser Blick diagonal nach oben. Ausgehend von einem gedrungenen kleinen Schatten am rechten unteren Bildrand, der lichtdurchflutet von einer hochstehenden Sonne k√ľndet, gelangt er √ľber den K√∂rper einer √§lteren Dame mit Stock und Tasche zu einer blendend wei√üen Polizisten-Jacke. Der Verkehrsregler steht mit dem R√ľcken zu uns mitten im Bild, mitten auf der Stra√üe. St√∂ckchen in der Linken, die Beine leger gespreizt, keine Gef√§hrt weit und breit. Licht und Flimmern von oben rechts, kurze harte Schatten, H√§user, W√§nde, Menschen. Und wieder die Dame mit ihrem fl√ľssig gest√ľtzten Schritt, dem betupften Kleid. Ein Bild wie aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit ohnehin.
‚ÄěGeschlossene Gesellschaft - K√ľnstlerische Fotografie in der DDR 1945‚Äď1989‚Äú ist der Titel sowohl einer aktuellen Ausstellung in der Berlinischen Galerie als auch des 350 Seiten starken Kataloges des Kerber-Verlags, der zu den vorgestellten Bildserien erhellende Essays versammelt. Die Ausstellung will zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall Traditionslinien aufzeigen, fotografische Str√∂mungen herausarbeiten und ‚Äěl√§sst Ver√§nderungen in Bildsprachen und Themen sichtbar werden.‚Äú Konkret bedeutete dies, ‚Äěnach M√∂glichkeit wurden ‚Ķ in sich abgeschlossene Projekte ausgew√§hlt, die von den Autoren selbst definiert worden sind.‚Äú Die von den Kuratoren Ulrich Domr√∂se, T. O. Immisch, Gabriele Muschter und Uwe Warnke ausgew√§hlten Serien wurden in drei Themenkomplexe gegliedert, als Ordnungsversuch, √úberschneidungen eingerechnet. 34 Autoren, 40 Jahre und ein Prolog (1945-49). Kann das gelingen? Ja, allein der Katalog √ľberzeugt durch Materialf√ľlle und behutsam gr√ľndliche Recherche sowie Aufarbeitung von Fragestellungen. Dass einige wichtige Fotografen fehlen m√ľssen, bringt eine Auswahl zwangsl√§ufig mit sich, in einem umfangreichen Nebenprogramm zeig(t)en verschiedene Galerien und Museen der Stadt einige der Autoren, die in der Geschlossenen Gesellschaft fehlen, z.B. Christiane Eisler, die 1983 eine Serie zu Punks in Leipzig schuf. Hervorzuheben im umfangreichen Nebenprogramm seien vor allem die Ausstellungen der Staatsgalerie Prenzlauer Berg.
Jede Generation und jeder Kunstgeschmack wird seine Lieblinge finden, ob die Akt-Serie von Gundula Schulze El-Dowy oder die knallbunte Portr√§t-Reihe von Erasmus Schr√∂ter, dessen blau-lilatupfbekleidete Dame vor blaugr√ľner Kachelwand es verdienterweise auf das Katalog-Cover geschafft hat, kein Bild wirkt beliebig, banal. Manches entfaltet seine Wirkung erst in der Ausstellung selbst, zum Beispiel die stoffliche Brutalit√§t der gen√§hten Fotos von Lutz Dammbeck. Geradezu be√§ngstigend bedr√§ngt die nachgebaute Installation ‚ÄěSchlachthaus Berlin‚Äú von J√∂rg Kn√∂fel (1986/88) den Betrachter, der sich durch Metallscheibenw√§nde zw√§ngt und nur noch fliehen mag. Von den trostlosen Aufnahmen des zerst√∂rten Dresdens und eines hin geschmetterten jungen Soldaten Richard Peter Sen.‚Äės bis zu den verst√∂renden Bildern des Alexanderplatzes ‚ÄěStehpl√§tze-St√∂rpl√§tze‚Äú mit schwarzem Loch im Zentrum sind die Reihen allesamt durchdrungen von Empathie, Ironie und nicht zuletzt Lebenslust.
Beim Besuch der Ausstellung lohnt im Anschluss die Betrachtung der beigeordneten Filmreihe zum Schaffen von Sibylle Bergemann, Gundula Schulze El Dowy und Arno Fischer.
Fazit: der Katalog bildet einen wertvollen und eigenständigen Beitrag zur kunsthistorischen Aufarbeitung wie Einordnung der Fotografie in der DDR, besonders wertvoll!

Ausstellung dauert noch bis zum 28. Januar 2013

14.01.2013
Anne Hahn
Geschlossene Gesellschaft. K√ľnstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989..Hrsg.: Berlinische Galerie; Beitr√§ge von Domr√∂se, Ulrich; Duda, Jana; Immisch, T.O.; Krase, Andreas; Lindner, Bernd; Muschter, Gabriele; Stahel, Urs; Warnke, Uwe; Zeilinger, Daniela. Dtsch/Engl. 352 S., 194 fb. und 64 sw. Abb. 27 x 23 cm. Gb. Kerber Verlag, Bielefeld 2012. EUR 59,50. CHF 74,50
ISBN 978-3-86678-688-2
 
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