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Eine traumhafte Entdeckung aus dem Herzen Berlins – Gerd Danigel

In der Bildmitte ragt ein Hochhaus auf, beidseitig lenken Peitschenlampen den Blick hinunter auf die planetentragenden Metallkreise der Weltzeituhr, weiter hinab auf einen Tisch hinter einer Scheibe. Jetzt erklĂ€rt sich Bild und Perspektive - die Frauen, die an einem runden Bistrotisch sitzen und hinaus schauen, sind vom Platz aus durch die Fensterscheibe eines CafĂ©s aufgenommen, die den Hintergrund des Fotografen und ihn selbst widergibt. Soweit nichts Ungewöhnliches, aber der Ausdruck dieser beiden etwa Mitte dreißigjĂ€hrigen Frauen ist durchaus einzigartig. Böse und misstrauisch sieht die rechte Frau direkt in die Kamera, ihr linker Arm ist auf den Tisch gestĂŒtzt, in der rechten Hand glimmt eine Zigarette. Ihre Stirn ist leicht gerunzelt. Die andere Frau sieht auf etwas Tieferes vor dem Fenster, vielleicht die Schuhe des Fotografen, vielleicht ist sie auch nur in Nachdenken versunken. Ihr Mund ist abschĂ€tzig nach oben verzogen, sie wirkt nachdenklich und verĂ€rgert zugleich, unzufrieden. Auf dem Tisch sind zwei Teller zu erkennen, zerknĂŒllte Servietten, ein leeres Glas, eine Zigarettenschachtel, eine Brille. Eine kleine weiße Vase mit Wiesenblumen, wie es scheint. Auch die linke Frau raucht, hat ihre HĂ€nde ineinandergelegt, die Beine sind locker gespreizt. Zwei Handtaschen stehen bzw. liegen auf dem niedrigen Heizungsrost vor der Scheibe. Im Hintergrund sind andere, weißgekleidete GĂ€ste auszumachen. Die linke Frau im Vordergrund trĂ€gt ein Sommerkleid, die rechte eine gestreifte Bluse zu einem gemusterten Rock. Der Fotograf sticht wie ein dunkler Schatten schrĂ€g in den Kopf der linken Frau, in der Spiegelung. Sein Körper ist seitlich eingeknickt, um den Aufnahmemittelpunkt nach unten zu verlagern. Die Frauen sitzen dadurch nur leicht unterhalb der Bildmitte, ĂŒber dem Tisch wĂ€chst das Inter-Hotel Stadt Berlin in die Höhe, ein weißer Vorhang begrenzt den linken Bildrand.
„Alexanderplatz, 1984“ lautet der Titel dieses Fotos. Gerd Danigel hat es aufgenommen und fĂŒr wert befunden, im vorliegenden Sammelband „Schöner unsere PalĂ€ste, Berlin-Fotografien 1978-1998“ mit zu erscheinen, als Nummer 13 der wunderbaren Reihe Bilder und Zeiten des Leipziger Lehmstedt Verlages. Dort waren bisher unter anderem Fotografen wie Roger Melis und Bernd Heyden mit Monografien vertreten. Nun also Gerd Danigel. Dass der Name Ihnen unter UmstĂ€nden unbekannt vorkommt, stimmt nur scheinbar. Schaut man zunĂ€chst auf die biografischen Angaben des 1959 in Berlin geborenen Fotografen und auf seine Veröffentlichungen, kann es passieren, dass bereits einige BĂŒcher die eigenen Regale zieren, in denen ganze Serien Danigels verwendet wurden. So ging es der Rezensentin, die ĂŒberrascht noch einmal ihr Exemplar „VergnĂŒgen in der DDR“ (Panama-Verlag 2009) zur Hand nahm, um ganze fĂŒnfzehn Bilder der zweiĂ€ugigen Rolleiflex Danigels zu entdecken. Ein anderes Buch im Regal nennt sich „Keine Zukunft war gestern. Punk in Deutschland“ (IG Dreck auf Papier 2008). Auch darin springen nachdenklich bis grimmig blickende Ostberliner Punks dem Betrachter ins Auge. Sie haben vielleicht einige der anderen Titel mit Bildserien Danigels in ihrem BĂŒcherreihen, sehen Sie doch mal nach!
Gerd Danigel hatte das große GlĂŒck, als Nachbarskind Roger Melis in Berlin Mitte aufzuwachsen, der den Jungen mit der Pentacon II eines Tages in seine Dunkelkammer einlud. „‘Wie wird man Fotograf‘? fragte Danigel. ‚Schau dir gute FotobĂŒcher an‘, antwortet Melis.“ Gerd Danigel schaute und knipste, lernte und wurde schließlich Fotograf am Institut fĂŒr Kulturbauten, fĂŒr das er fĂŒnf Jahre lang durch die Republik reiste. Nach Abwicklung des Institutes und dem Verschwinden eines ganzen Landes kam auch Gerd Danigel der Gegenstand seiner Arbeit abhanden. Zu den letzten zwanzig Jahren befragt, meinte der Fotograf gegenĂŒber der Journalistin und Verfasserin des Vorworts Marika Bent lakonisch „Man schlĂ€gt sich so durch.“
Die hier vereinte Auswahl seines Fundus ist unter das Motto „Schöner unsere PalĂ€ste“ gestellt, ein Titel, der sich auf ein Kreide-Graffiti an einer desolaten Berliner Hauswand bezieht, aufgenommen 1985. Nicht nur der Ostteil Berlins ist auf knapp 160 Seiten portrĂ€tiert, auch ein Schaufenster mit 5 Sorten FischbĂŒchsen in Bernau, BĂ€ckerinnen in Ludwiglust, wartende Menschen in Rudolstadt oder ein LiebesprĂ€chen aus der Mark Brandenburg wurden auf Bilder gebannt. Manche strĂ€uben sich gegen die Aufnahmen, wie die drei auf einer Bank sitzenden Damen am Alexanderplatz 1984, von denen eine ihr Gesicht verdeckt, wĂ€hrend die anderen beiden keck und argwöhnisch auf den Fotografen schauen, der sich wieder stark geneigt haben muss, vielleicht sogar vor den Frauen kniete? Was haben sie in ihm gesehen?

Es soll nicht der Eindruck entstehen, Danigel habe sich auf das Damen-Provozieren spezialisiert, auf vielen seiner Werke sind Kinder zu sehen, lachende, freche Berliner Gören, die auf kaputten Autos spielen, auf den Straßen und in den Hinterhöfen. Herrlich sind auch die Momentaufnahmen verwischter Körper, zum Beispiel zwei herzhaft lachende Frauen einer GepĂ€ckabfertigung im Ostbahnhof, mit weit geöffneten MĂŒndern. Die Menschen sind eingefangen, wie sie erwischt wurden von der Kamera, oder sich sehen wollten, sich demonstrativ in Posen gestellt haben. Auffallend ist die WĂŒrde, mit der Danigel um sich schaut, die er seinen Figuren, Straßen und PlĂ€tzen belĂ€sst. Mit Ironie und Wehmut portrĂ€tiert er einen konkreten Augenblick, der schon nach dem Auslösen der Kamera unwiederbringlich vorbei ist. Das ist Kunst, berĂŒhrend im besten Sinne!
Es sei zu diesem erstaunlichen Geschenk der Entdeckung eines wichtigen Fotografen noch das Bild auf Seite 25 hervorzuheben, betitelt „Am Rande der Schönhauser Allee, 1980“. Zwei Kinder, auf der Grund der Ähnlichkeit ihrer GesichtszĂŒge vermutlich Geschwister, liegen mit geschlossenen Augen aneinander gelehnt auf BlĂ€ttern, nur mit Badehose bzw. Badeanzug bekleidet. Ob sie schlafen, dösen? Was spielt sich hinter den Stirnen ab, was haben sie heute erlebt, was ist aus ihnen geworden? Ein Traumbild, von oben aufgenommen, schwebend, wie aus einer anderen Welt.

25.10.2011
Anne Hahn
Danigel, Gerd. Schöner unsere PalÀste!. Berlin-Fotografien 1978-1998. Hrsg.: Bertram, Mathias. 160 S. 143 Foto(s), duotone. 27 x 24 cm. Gb. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2011. EUR 24,90. CHF 43,90
ISBN 978-3-942473-08-8
 
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