KunstbuchAnzeiger - Kunst, Architektur, Fotografie, Design Anzeige Verlag Langewiesche K√∂nigstein | Blaue B√ľcher
[Home] [Epochen] [Rezensionen] [Druckansicht]
Themen
Recherche
Service

[zurŁck]

Die Tetrarchie. Ein neues Regierungssystem und seine mediale Präsentation.

Auch im r√∂mischen Reich am Ende des 3.Jahrhunderts verzichtete man nicht auf die mediale Pr√§sentation neuer politischer Systeme. Das wussten auch die Kaiser und Mitkaiser der von Diocletian im Jahre 286 eingef√ľhrten Tetrarchie. Doch nur wenige baulichen Reste, dingliche oder in Worte gefasste Zeugnisse sind der Nachwelt √ľberliefert.
Diese L√ľcken zu schlie√üen war das Ziel eines Kolloquiums des Lehr- und Forschungszentrums f√ľr die antiken Kulturen des Mittelmeerraumes der Universit√§t zu K√∂ln im Februar 2004, die sich mit der Tetrarchie unter dem Titel: Ein neues Regierungssystem und seine mediale Pr√§sentation‚Äú besch√§ftigten.

Nach einer Einf√ľhrung von Dietrich Boschung und Werner Eck, behandelt Hartmut Leppin die Geschichte der Erforschung der Tetrarchie, w√§hrend Simon Corcoran sich der ‚Äěpolicy and image as reflected in imperial pronouncements‚Äú widmet.

Ein Buch f√ľr die Wissenschaft. Aber wer Spa√ü daran hat, sich schlau zu machen und den Mut aufbringt, ganz unwissenschaftlich Wissenschaft zu verdauen, der wird hier durchaus neue Erkenntnisse und Wissen sammeln.
So lange die Wissenschaft leider vorwiegend f√ľr sich selbst schreibt, bleibt dem unerschrockenen Laien gar nichts anderes √ľbrig, als sich abseits des Popul√§ren durch die Wissenschaft ‚Äědurchzubei√üen‚Äú.

Hier also eine Zusammenfassung dessen, was den Leser erwartet.
Klaus Maresch referiert √ľber die Pr√§sentation der Kaiser in den Papyri der Tetrachenzeit, die sich allerdings nur bei sehr genauem Hinsehen erschlie√üen. Das Prinzip kollegiale Herrschaft in Szene zu setzen, war schon vorher durchaus verbreitet. Leider werden in diesem Aufsatz die griechischen Zitate nicht √ľbersetzt, so dass der des Griechischen unkundige Leser im Regen steht.
Patrick Brosch ist in seinem Beitrag zur Pr√§sentation der Tetrarchie in den Lateinischen Lobreden gn√§diger. Dass man in den Lobreden den Segen der Tetrarchie, bzw. die Heldentaten und die Bedeutung der Herrscher und ihrer kaiserlichen Vertreter rhetorisch besonders ausschm√ľckte war allgemein √ľblich und offenbart in tetrarchischer Zeit keine besondere √úberraschung.
Im Aufsatz von Thomas Fischer steht das r√∂mische Heer im Mittelpunkt sowie die Frage, welche Rolle Innovation und Kontinuit√§t spielten und welche Bedeutung spezifische Momente des neuen Herrschaftssystems hatten. Dabei kommt Fischer zu dem Ergebnis: ‚Äě√úberwiegend gehen die Ver√§nderungen offenbar auf milit√§rische Sachzw√§nge im Rahmen eines √ľbliche kontinuierliche Wandels zur√ľck, der allerdings von Diocletian und seinen Mitregenten energischer und radikaler angegangen wurde, als dies vorher der Fall war‚Äú. Zur Frage der Innovation und Kontinuit√§t gibt es ein ‚Äěsowohl als auch‚Äú, d.h. die tetrarchischen Reformen wurden, wenn auch selten zu belegen, in einer bildlichen Pr√§senz der Kaiser zur Kenntnis gegeben, was aber nicht unbedingt neu war. Au√üerdem f√ľhrte man eine neue Kopfbedeckung ein, die aus sowohl technisch gepriesen wurde als auch wegen ihrer Herkunft m√∂glicherweise propagandistischen Zwecken diente. Ob diesen Ver√§nderungen das tetrarchische System oder ein einzelnen Herrscher oder andere milit√§risch-technische Gr√ľnde als Innovatoren letztlich zugrunde liegen, ist heute nicht mehr festzustellen.

Henner von Hesberg beschäftigt sich mit den Residenzstädten und ihre höfische Infrastruktur, sowie deren Raumkonzepten.
F√ľr die vier Herrscher der jungen Tetrarchie bedurfte es nicht nur neuer Residenzen (Trier, Mailand, Thessaloniki und Nikomedia) sondern auch √ľppigerer, auf gro√üartige herrschaftliche Inszenierungen ausgebauter Pal√§ste, die als zuverl√§ssige Heimatadresse des jeweiligen Herrschers eine entsprechende Ausstattung verlangten. Diese Pracht war umso notwendiger, als Rom als einstiger Mittelpunkt des r√∂mischen Reiches zugunsten des neuen Systems in den Hintergrund treten mu√üte.
An den Fronten des Reiches sollten die Feinde angesichts √ľppigster Darstellungen von aktiver Machtaus√ľbung und g√∂ttlicher Erhabenheit vor Erfurcht erzittern und nur zwischen Tod oder Unterwerfung zu w√§hlen haben. So fasst Henner von Hesberg unter Einbeziehung entstehender Widerspr√ľche die rasante Baut√§tigkeit und den √ľppigen Gestaltungswillen dieser Epoche zusammen.

Diesem Streben nach gr√∂√üter Machtdarstellung folgt die Strafe auf den Fu√ü. Den Prestigeverlust l√§sst sich der Herrscher von Rom, Maxentius, Sohn des West-Augustus‚Äú Maximianus Herculius und traditioneller, aber im System nun aussichtsloser Nachfolgekandidat nicht gefallen. Diesem Maxentius widmet Werner Oenbrink sein Kapitel: ‚ÄěMaxentius als conservator urbis suae. Ein antitetrarchisches Herrschaftskonzept tetrarischer Zeit‚Äú. Maxentius baute f√ľr die Wiedergeburt der Macht Roms. In der Auseinandersetzung des Maxentius mit Konstantin wurde die Baupolitik noch einmal zum politischen Machtinstrument, bevor 324 n. Chr. Konstantin als Alleinherrscher der Tetrarchie das Ende bescherte.

‚ÄěDas neue Regierungssystem und seine mediale Pr√§sentation auf M√ľnzen und Medaillons‚Äú ist der Titel des folgenden Kapitels von Wolfram Weise. Im Jahre 301 wurde eine W√§hrungsreform verk√ľndet. √úberall im Reich entstanden neue M√ľnzst√§tten und √ľberall wurden f√ľr jeweils alle Herrscher M√ľnzen gepr√§gt, d.h. alle vier Regenten waren auf gleiche Weise pr√§sent dargestellt, allerdings nicht als individuelle Portr√§ts, sondern nur in stilisierter Form mit wuchtigen Kinnpartien, Stiernacken und starken Stirnfalten. Die Augusti wurden gegen√ľber den hierarchisch nachgeordneten Caesaren hervorgehoben dargestellt.

Auch die Bleisiegel, untersucht von Peter Wei√ü, folgten einem bestimmten Schema tetrarchischer Darstellung. Sie zeigten jeweils zwei zugewandte Paare von Zwillingsk√∂pfen. Auf einen milit√§rischen Kontext, deuten nach Peter Wei√ü darauf hin, dass viele Plomben das Bild der Victoria oder Namen kleinasiatischer St√§dte zeigen. Grunds√§tzlich, so Wei√ü, darf man davon ausgehen, dass die Siegel mit den Kaiserbildern von staatlichen Stellen und f√ľr staatliche Zwecke verwendet wurden.

Von besonders gro√üer Gestalt, aber nur wenig erhalten sind die Reste der ‚ÄěPompeius-S√§ule‚Äú in Alexandria und die Vier-S√§ulen-Monumente in √Ągypten, die Wolfgang Thiel im Rahmen seiner ‚Äě√úberlegungen zur tetrarchischen Repr√§sentationskultur in Nordafrika‚Äú untersucht.
Auch hier folgte man traditionellen Gewohnheiten, wenngleich die S√§ulen das kaiserliche Viererkollegium nun √ľberdimensional gro√ü und aus kostbarem Material gefertigt zeigten.
Es folgt ein Beitrag (aus dem Jahr 2002) von Werner Eck √ľber Worte und Bilder, bzw. zum Herrschaftskonzept Diocletians im Spiegel √∂ffentlicher Monumente.
Bildmonumente der vier Herrscher mit erl√§uternden Inschriften standen im ganzen Reich herum und hoben als Zukunftsmodell kaiserlichen Teamgeistes und in gro√üer Pracht ausgef√ľhrt ebenfalls die Einheit in der Vierheit hervor.

Dietrich Boschung befasst sich in seinem Aufsatz ‚ÄěDie Tetrarchie als Botschaft des Bildmedien mit der Visualisierung des Herrschaftssystems. Von der Konzeption des Kaiserportr√§ts f√ľhren die Untersuchungen zur Selbstdarstellung u.a. des tetrarchischen Kaiserkollegiums auf Porphyrgruppen, Denkm√§lern aus den Residenzen des Galerius, sowie Darstellungen der Tetrarchen im milit√§rischen Bereich oder Tetrarchen aus stadtr√∂mischer Sicht. Und Katja Sporn fragt ‚ÄěZur Rezeption tetrarchischer Bildsprache in der zeitgen√∂ssischen Privatkunst‚Äú nach der Resonanz kaiserlicher Selbstdarstellung. Diese spielte aber nur im geringen Ma√üe und nur in der Oberschicht bzw. im kaiserlichen Umfeld eine geringe Rolle. Hartwin Brandt kommt bei einem Thema ‚ÄěDie Tetrarchie in der Literatur des 4. Jh. n. Chr. zu dem Ergebnis, dass ‚Äě‚Ķ√ľber einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert sowohl auf christlicher wie auf heidnischer Seite ein erstaunlich breites und detailliertes Wissen √ľber wesentliche und seinerzeit √∂ffentlichkeitswirksam vermittelte Aspekte des tetrarchischen Systems existierte und tradiert wurde‚Äú.
Gabriele Klempert
Die Tetrarchie. Ein neues Regierungssystem und seine mediale Pr√§sentation. Hrsg. v. Boschung, Dietrich /Eck, Werner. Bearb. v. Marcks, Carmen. Schriften des Lehr- und Forschungszentrums f√ľr die antiken Kulturen des Mittelmeerraumes ‚Äď Centre for Mediterranean Cultures, Band 3. 2006. 422 S., 108 sw. Abb. Pb EUR 39,90
ISBN 3-89500-510-X   [L, Reichert]
 
© 2003 Verlag Langewiesche [Impressum] [Nutzungsbedingungen]