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Seine Welt wissen. Enzyklop√§dien in der fr√ľhen Neuzeit

Wie Wort und Ding zusammenkommen, dar√ľber zerbrechen sich Gelehrte schon immer den Kopf, besonders dann, wenn die Dinge der Welt geordnet, klassifiziert und in Zusammenstellungen pr√§sentiert werden sollen. Einen solchen Typ buchm√§√üiger Gesamtschauen stellen Enzyklop√§dien dar, die von Bibliotheken gesammelt werden. Zu einer Pr√§sentation ihrer Best√§nde in einer Ausstellung entschlossen sich die Universit√§tsbibliothek Leipzig, deren Direktor, Professor Dr. phil. Ulrich Johannes Schneider, zugleich Herausgeber des Katalogs der im Fr√ľhjahr 2006 zu Ende gegangenen Ausstellung ist. Er gewann zu diesem Unternehmen die Herzog August Bibliothek Wolfenb√ľttel, in der die Ausstellung im Anschlu√ü an Leipzig von Juni bis November 2006 gezeigt wird. Vorgestellt werden Enzyklop√§dien, die in Europa im Zeitraum nach 1500 bis zum 18. Jahrhundert entstanden. Au√üer der Datierung, nirgends wird begr√ľndet, weshalb die Fr√ľhe Neuzeit im 16. Jahrhundert beginnt, gilt es hier ein gescheitertes Unternehmen anzuzeigen, das wesentlich durch die Ausstellungskonzeption und die Qualit√§t einiger Textbeitr√§ge bedingt ist. Der Primus Verlag, dort erschien der Ausstellungskatalog, assistiert hier nur. Hervorragende Reproduktionsqualit√§t ersetzt aber nicht ein Lektorat, das die technischen Aspekte sorgf√§ltig abwickelte, inhaltlich und sprachlich aber h√§tte eingreifen m√ľssen. Ob das m√∂glich war, sei dahingestellt, der Katalog hat darunter gelitten, zumal wenn Ausstellung und Katalog sich an ein breites Publikum richten, ist Verst√§ndlichkeit oberste Pflicht. Sicher, ein solches Unterfangen, einem breiten Publikum Wissen √ľber Wissensspeicher, zumal entlegener Zeiten, didaktisch geschickt zu pr√§sentieren, ist sehr schwierig.
Vorliegendes Buch wartet mit einer neuen Konzeption auf. Nach Teil I, betitelt mit "Fr√ľhe Ordnungen", zu den Funktionen des Alphabets im Mittelalter, wird mit Teil II das Hauptst√ľck geliefert. Ein neuer Gesichtspunkt soll, so Schneider im Vorwort, enzyklop√§dische Werke nach den "von ihnen erzeugten Welten" gruppieren. Das geschieht dann in einem gro√üen Bilderbogen von der h√§uslichen zur globalen Welt, inklusive der Welt der Technik. Es folgt "Das Wissen von Sachen", im wesentlichen Naturwissenschaftliches: Tiere, Heilkr√§uter und Pflanzen und Anatomie. Unter der √úberschrift "Leipzig als Produktionsort enzyklop√§discher Literatur bis 1750" kommt die Welt des Altertums, die Welt der Schicksale und Karrieren und Verborgenes, sei es unten im Bergwerk oder oben im √úbernat√ľrlichen zu Wort. Teil III, "Das Wissen vom Wissen" behandelt nun die Medien der Darstellung von Wissen, Wort, Bild, Buch, die Tr√§ger enzyklop√§dischen Wissens, die Gelehrten und sozusagen die Reflexion von Wissen in den Wissenschaften.
Man kann das Konzept so w√§hlen, dann ist aber ein vorgeschaltetes Kapitel, das sich ausf√ľhrlich mit Klassifikationsordnungen besch√§ftigt, unbedingt notwendig. Das leistet Schneider in seinem Vorwort nur sehr eingeschr√§nkt. So kommt er fast unmittelbar nach der Vorstellung des hier angewandten Gliederungsprinzips nach Sachwelten darauf zu sprechen, dass eine "Gesamtdarstellung dessen, was man fr√ľher 'Realenzyklop√§dien' nannte, bis heute nicht versucht worden sei". Auch hier, Realenzyklop√§die, was bedeutet das? Der Philosoph Michel Foucault bringt in "Die Ordnung der Dinge" Klarheit und weist auf zwei "Grundtypen von Enzyklop√§dien" hin, eine Formal- und eine Realenzyklop√§die. Letztere ‚Äď und nur um die geht es in vorliegendem Katalog ‚Äď huldigt einer Vielfalt von Stoffmassen, die relativ gleichrangig ausgebreitet werden, ein "Schatzhaus des Wissens". Aber vielleicht war ein Durchblick von Schneider auch gar nicht angestrebt. So spricht er im Vorwort lediglich davon, man wolle "Einblicke" verschaffen. Ein paar Blicke indes gibt es schon. So wird zwischen alphabetischen und systematischen Enzyklop√§dien unterschieden. Aber was versteht Schneider unter einer Enzyklop√§die? In jedem Fall definiert er Enzyklop√§die sehr weit √ľber eine Seite hinweg, erst am Ende erreicht er eine Nominaldefinition. Dann aber der Paukenschlag. Enzyklop√§dien, so Schneider, seien als Wissensvermittler nicht fachlich oder thematisch begrenzt, sondern es "verschmelzen in ihnen Horizonte der Wissensbereiche." Tats√§chlich aber werden auch Exponate gezeigt, die nur einen in sich abgeschlossenen Wissensbereich behandeln, wie Georg Christian Lehms 1715 entstandenen Lexikon von "Teutschlands Galante(n) Poetinnen". Nun gut, auch in der Definition unter Punkt c) "Enzyklop√§dien werden im strengen Sinn nicht gelesen und nicht geschaut, sie werden konsultiert", gibt es Kl√§rungsbedarf. Gemeint ist, Enzyklop√§dien lassen sich nicht linear als l√ľckenlose Aneinanderreihung ihrer Elemente lesen, gesagt wird aber lediglich, sie lie√üen sich nicht im "strengen Sinn" lesen. Erst am Ende des Buches f√§llt in einem Beitrag von Madeleine Herren und Ines Prod√∂hl das Stichwort, "Hypertext". Das kennt man aus dem Kontext des Internets und so ganz falsch liegt man damit nicht. Auch wenn Herren und Prod√∂hl den Sachverhalt einigerma√üen kl√§ren k√∂nnen, Uwe Wirth macht es in seinem Beitrag in dem sehr informativen Buch "Enzyklop√§dische Literaturen" ganz deutlich. Es handelt sich um "nichtlineare Organisationseinheiten von Informationseinheiten, also Fu√ünoten und Querverweise regen zur eigenen Wissensgenerierung an. Das ist jedoch nicht bei allen hier zur Rede stehenden Kompendien der Fall. Einer der ersten, der dies einf√ľhrte war, das erf√§hrt man nun von Philipp Blom in dessen Prolog zu seiner Arbeit ‚Äď "Das vern√ľnftige Ungeheuer" ‚Äď √ľber die ber√ľhmten franz√∂sischen Enzyklop√§disten, der Globenbauer Ephraim Chambers (1680-1740).
Es kann hier nun nicht, in quasi enzyklop√§discher Manier zweiter Ordnung, jeder Beitrag in Schneiders Universum abgeklopft werden. Ein krasser Fall soll jedoch gew√ľrdigt werden. Harold J. Cook, dessen Metier sonst die Medizingeschichte ist, kommt es zu, von der Ver√§nderung in der Erkenntnisgewinnung im 16. Jahrhundert zu sprechen. Das ist insofern von Bedeutung, als Wissen zun√§chst generiert werden muss, bevor es geordnet abgelegt werden kann. Einerseits bleibt im Buch zu viel ungesagt, andererseits, daf√ľr steht Cook, wird abschweifend und umst√§ndlich erz√§hlt. Wo Blom ein Satz gen√ľgt, es finde mit Francis Bacons (1561-1626) Unterfangen der Herstellung einer Enzyklop√§die eine Hinwendung zum Empirismus statt, braucht Cook mehrere Seiten. Der Empirist sieht, im Unterschied zum Theoretiker, als Quelle des Wissens die Erfahrung und als wissenschaftliche Methode das Ausgehen von Beobachtung und Experiment an. Aber so richtig √§rgerlich ist, dass Cook selbst erkenntnistheoretisch auf einen l√§ngst √ľberwundenen Realismus bzw. Sensualismus zur√ľckf√§llt: "Was wir von Gegenst√§nden wissen, erfassen wir direkt und √ľber die Sinne." Das mag beim "Geschmack" der Fall sein, den er an dieser Stelle behandelt, aber nicht generell bei Gegenst√§nden. Andererseits w√§re deutlich auf ein generelles Prinzip von Enzyklop√§dien erkennbar zu verweisen gewesen. Sie enthalten eben nicht nur Wissen √ľber die Welt, sondern auch Aussagen √ľber bereits gemachte Aussagen √ľber die Welt. Auch ein weiterer Fall in einem anderen Beitrag ist √§rgerlich. So behauptet Schneider, der von Hause aus Philosoph ist, es habe lange "ein intimes Verh√§ltnis" zwischen W√∂rtern und Dingen bestanden, das erst sp√§t, so etwa 1685 mit dem "gro√üen vierb√§ndigen W√∂rterbuch der franz√∂sischen Akademie" "auseinanderbrach". Nun ja, so ein Satz entlarvt sich auf erkenntnistheoretischer Ebene selbst. Angespielt wird sowohl auf den Vorgang der Rationalisierung als auch auf die Ausdifferenzierung der Wissenschaften bzw. auf Ver√§nderungen in deren Darstellung. Am Beispiel der Biene kommt es zu einer Doppelpr√§sentation. In einem ersten Alphabet erscheint sie als Symbol des Flei√ües und wird in literarischen Erw√§hnungen dokumentiert, in einer zweiten Definition wird sie in einem naturwissenschaftlichen Zusammenhang, als Insekt, erw√§hnt.

Ding und Wort kommen in Schneiders Universum nur sporadisch klar und systematisch strukturiert zusammen. Sachlich wird ein Weltbuch, das alles was der Fall ist auf dieser Welt, verschriftlicht, eine Fiktion bleiben, das leistet selbst die modernste aller Wissensmaschinen, das World Wide Web nicht. Was gemacht werden kann, eine publikumsfreundliche Aufbereitung von Wissen und sei es ein Wissen √ľber Wissen. Daf√ľr ist J√ľrgen Mittelstrass pr√§destiniert. Er hat nicht nur Erfahrungen mit der Herausgabe einer vorz√ľglich geordneten Enzyklop√§die, der "Philosophie und Wissenschaftstheorie", sondern allein in seinem Beitrag in dem Sammelband "Enzyklop√§dische Literaturen" erf√§hrt man mehr und klarer durch straffe Zusammenf√ľhrung der Argumentationsstr√§nge, als in allen Einzelbeitr√§gen des Werkes von Schneider. Dessen Konzept ging nicht auf, es ist ein zu viel Flanieren und ein zu wenig an stringenter Linienf√ľhrung. Mit anderen Worten, das Organisationsprinzip von Enzyklop√§dien sollte nicht auf deren Pr√§sentation angewendet werden. Es kann sonst manchem ergehen, wie zwei der ber√ľhmten literarischen Enzyklop√§disten, Bouvard und P√©cuchet, die sich durch allzuviel Abschweifungen in den Wissenschaften verlaufen und entnervt aufgeben. Apropos Literatur und Enzyklop√§die. Zwar wird bei Schneider auch Giovanni Boccaccio erw√§hnt, aber dessen Spur nicht weiterverfolgt. Es gibt Enzyklop√§dien, so Blom, die seien in Versen verfasst. Als Querverweis hier der Hinweis auf den hervorragenden Sammelband "Enzyklop√§dische Literaturen". Neben Grunds√§tzlichem zur Enzyklop√§dik, sp√ľren die Autoren poetologisch-√§sthetischen Implikationen von Enzyklop√§dien und vice versa, enzyklop√§discher Belletristik, nach, wie sie z.B. bei Gustave Flaubert, Jean Paul oder Fran√ßois Rabelais vorliegen. Und das sind allemal sch√∂ne Leseerlebnisse, allein, was bleibt im Schneider-Fall, stiften die hervorragenden Abbildungen.
Sigrid Gaisreiter
Seine Welt wissen. Enzyklop√§dien in der fr√ľhen Neuzeit. Hrsg. v. Schneider, Ulrich J. 238 S., 158 sw. u. 55 fb. Abb. 27 x 21 cm. Primus, Darmstadt 2006. Gb. EUR 29,90
ISBN 3-89678-560-5   [Primus]
 
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