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Sandro Botticelli

Alessandro di Mariano di Vanno Filipepi, genannt Sandro Botticelli (1445-1510) gehört mit seinen allegorisch-mythologischen Bildern zu den herausragenden KĂŒnstlern der italienischen Renaissance und prĂ€gte damit unser Bild von der Epoche entscheidend mit. Abbildungen weltberĂŒhmter GemĂ€lde, wie der " La Primavera" und der "Ankunft der Venus" sind vielfach im Umlauf, ja, die "Primavera" gilt als "das grĂ¶ĂŸte TafelgemĂ€lde mythologischen Inhalts der FrĂŒhrenaissance", so Frank Zöllner, der, nach dem Monumentalband ĂŒber Leonardo da Vinci, nun abermals ein XXL-Buch vorlegt. Ob das alles so sein muß, das darf man sich schon nach dem Aufschlagen des Bandes fragen, immerhin werden im Textteil nur zwei Drittel der Seiten bedruckt. Gut, gut, es gab im deutschsprachigen Raum seit 1928 keine Gesamtmonographie mehr, aber es wird doch reichlich geklotzt und angesichts des Gewichts des Buches ist denn doch die Frage erlaubt, soll man es mit Knieschonern lesen? Wie immer man zur Ausstattung steht, das Buch besitzt seine Meriten. Frank Zöllner entwarf, mit Botticelli im Zentrum, ein Panorama der Renaissance und er gruppierte das Werk thematisch und chronologisch, vom FrĂŒh- zum SpĂ€twerk, Botticelli als PortrĂ€t- und Freskenmaler, als Maler mythologischer GemĂ€lde - die "Primavera" wird in einem eigenen Kapitel abgehandelt - und Altarbilder. Mit beiden letzten Aspekten wird auch der zentrale Dualismus kenntlich, in dem der KĂŒnstler steckte. Weniger umfassend, dafĂŒr pointiert hat der niederlĂ€ndische Schriftsteller Paul Claes (*1943) Botticellis Dilemma in "Der Phoenix" auf Worte gebracht. Renaissance, die Wiederentdeckung der Antike, Humanismus, die Entdeckung des Individuums, stehen fĂŒr aufklĂ€rerische Tendenzen, auf der anderen Seite rĂŒstet die katholische Kirche dagegen auf und in der Mitte die Machenschaften der Familie der Medicis. Angehörige dieser Familie hat Botticelli hauptsĂ€chlich portrĂ€tiert und "La Primavera" hing, so Zöllner, "im Schlafzimmer der Semiramide Appianis, die Lorenzo die Pierfrancesco de'Medici" 1482 ehelichte. Das EntrĂ€tseln der Allegorie dieses Bildes ist, neben zahlreichen Intrigen, das Movens von Claes' Roman, in dem der Dichter Angelo Poliziano stirbt und sich dessen Freund, Pico della Mirandola auf die Suche nach dem Mörder macht. Historisch stimmt alles bei Claes und heute, so auch Zöllner, lĂ€ĂŸt sich Botticellis "Die Geburt der Venus" anhand eines Gedichts von Poliziano zuverlĂ€ssig lesen. Die mythologischen Bilder werden bei Zöllner auf das Jahrzehnt um 1480 bis 1490 datiert. Dann, auch das spielt bei Claes eine Hauptrolle, öffnet sich Botticelli den Einlassungen des Bußpredigers Savaranola, der von der Errichtung eines Gottesstaats trĂ€umte. Im Roman wird Botticelli als einer dargestellt, der sich bekehrt habe: "Er ist jetzt einer der feurigsten Verteidiger der Gottesstadt. Und er bedauert es, dass er jemals solche heidnischen Darstellungen geschaffen hat. Als Buße fĂŒr die Verirrungen malt er jetzt Madonnen fĂŒr unsere Kirchen". Auch hier stimmen die Fakten. In der Folgezeit schafft Botticelli bedeutende Altarbilder.

Die Meriten des Buches liegen zweifellos am GesamtĂŒberblick der Werke Botticellis, in den Verhandlungen um umstrittene Zuschreibungen einiger Werke, in der Diskussion zum Forschungsstand. FĂŒr den Laien, durch Kontextualisierung, werden die biblischen, mythologischen und humanistischen Texte, als Hintergrundwissen zur EntschlĂŒsselung der Bilder ebenso kenntlich gemacht, wie historische GesamtzusammenhĂ€nge, die Zöllner neu deutet. Er macht dabei sozialgeschichtliche UmstĂ€nde und politische Ereignisse fĂŒr die Bildaussage fruchtbar. Botticelli, das wird deutlich, arbeitete mit Verfremdungseffekten. HĂ€ufig war nicht RealitĂ€tsnĂ€he, sondern Phantasie, Illusion gefragt. Er ahmt Natur nicht nach, sondern entrĂŒckte und vergeistigte sie in einen Schleier von gedĂ€mpfter Farbgebung. Mit dem Kapitel "Zeichnungen" und einem umfassenden Apparat, Bibliographie, Abbildungsverzeichnis und Register und Abbildungsnachweisen beendet Zöllner seine Reise zu einem Großen der Renaissance. Unterbelichtet dagegen bei Zöllner Botticellis Gebrauchs- und Alltagskunst. "FĂŒrwahr", so Giorgio Vasaris Lebensbeschreibung Botticellis, "dieses Werk ist bewunderungswĂŒrdig und in Kolorit, Zeichnung und Komposition so schön, dass es jeden KĂŒnstler noch heute in Erstaunen setzen muss." Das ist Zöllner in jedem Fall gelungen, leserfreundlich ist das Buch jedoch wegen seiner Monumentalmaße jedoch nicht. Wenn das Ziel war, Botticelli einem breiteren Publikum bekannt zu machen, dann ist das nur halb gelungen. Ganz gelungen wĂ€re es in halber GrĂ¶ĂŸe und zum halben Preis.


Sigrid Gaisreiter
Zöllner, Frank: Sandro Botticelli. 320 S., 240 fb. Abb. 42 x 29 cm. Ln. Prestel, MĂŒnchen 2005. EUR 148;-
ISBN 3-7913-3273-2
 
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