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Die spätantike Stadt und ihre Christianisierung

Das spannende Ph√§nomen des Gesamtorganismus Stadt hat die christliche Arch√§ologie bisher stiefm√ľtterlich vernachl√§ssigt. Der Urbanistik anderer Epochen hingegen kam h√§ufiger und intensivere Aufmerksamkeit zu. Das liegt unter anderem im geringen Stellenwert der Sp√§tantike als Forschungsgegenstand begr√ľndet, die immer noch im Schatten der h√∂her gesch√§tzten Klassischen Antike steht. Sprechendes und allbekanntes Beispiel war die Praxis, bei Ausgrabungen Erdschichten dieser Zeit als wertlos zu erachten und zugunsten der Erschlie√üung klassischer Befunde abzur√§umen. Die Umst√§nde f√∂rderten die Besch√§ftigung mit einem so interessanten Thema wie dem des Wandels der St√§dte zwischen dem 3. und 7. Jahrhundert nicht gerade besonders, als eine der gr√∂√üten Ver√§nderungen der Menschheitsgeschichte auf dem Gebiet der Religion vonstatten ging: die Christianisierung. Dass die Einf√ľhrung des Christentums als Staatsreligion durch den R√∂mischen Kaiser Konstantin und deren Folgen sichtbare Spuren hinterlassen haben m√ľssen, dar√ľber sind sich die Experten einig.
Altertumswissenschaftler verschiedener Disziplinen machten es sich auf einer im Jahr 2000 von den Universit√§ten Bonn und Halle-Wittenberg ausgerichteten Symposiums zur Aufgabe, arch√§ologische und baugeschichtliche Gesichtspunkte aber auch historische, politische, theologische und geistesgeschichtliche Aspekte zu beleuchten, die den Wandel der St√§dte begr√ľndet haben k√∂nnten. 22 Beitr√§ge mit Beispielen aus dem gesamten Mittelmeerraum - von der iberischen Halbinsel √ľber den Balkan bis nach Kleinasien und den Nahen Osten - liegen nun in Buchform vor. Darin kommt es zu v√∂llig disparaten Ergebnissen f√ľr die einzelnen Regionen. So nahm etwa Konstantinopel aufgrund seines hohen Anteils an christlicher Bev√∂lkerung und Zuwanderern immer eine Sonderstellung ein und ist mit anderen Zentren nicht vergleichbar. Trotz der feststellbaren regionalen Unterschiede war das Erscheinungsbild der St√§dte aber keinesfalls von Verfall oder Vernachl√§ssigung gepr√§gt, wie die landl√§ufige Meinung h√§ufig lautet. Vielmehr √§nderten sich mit den religi√∂sen und damit ebenso den gesellschaftlichen Entwicklungen die Bauaufgaben und schlie√ülich auch die Topographie der St√§dte: Die klassischen, st√§dtischen Bautypen Tempel, Theater, Thermen hatten nun keine Bedeutung mehr. Entsprechende Neubauten wurden nicht mehr errichtet, bestehende Geb√§ude einer anderen Nutzung zugef√ľhrt oder Teile davon als Spolien verwendet. Zudem verlagerte sich die Repr√§sentation der sich herausbildenden christlichen Oberschicht aus der √∂ffentlichen Sph√§re in die Kircheninnenr√§ume, was Auswirkungen auf die Bauzier hatte. Mit der Christianisierung setzt eine sich √ľber Jahrhunderte vollziehende Metamorphose des st√§dtischen Lebens ein, auf jeden Fall aber kein abrupter Wechsel. Beat Brenk, der das Nebeneinander von Christen und Angeh√∂rigen anderer Religionsgemeinschaften betont, res√ľmiert dies in seiner Polemik, dass die vornehmliche Aufgabe der Christen eben nicht das Errichten von Kirchen und deren Ausschm√ľckung mit Mosaiken war.
Trotz des unterschiedlichen Schreibstils der Autoren kommen die Texte des Kongressbandes, denen ein umfassender Tafelteil mit schwarz-wei√ü Abbildungen und zahlreichen Pl√§nen nachgestellt ist, √§u√üerst homogen daher. Gro√üe Sorgfalt wurde auf die einheitliche Aufbereitung der Anmerkungen verwendet, die durchgehend mit den Textseiten abgestimmt sind und in denen sich nicht wie so oft bei Tagungsakten erm√ľdende Mehrfachnennungen finden. Die allesamt qualit√§tvollen und f√ľr den Leser sehr gut rezipierbaren Beitr√§ge richten sich trotz ihrer Eing√§ngigkeit an ein kleines, ausgew√§hltes Fachpublikum. Daher wird der 2003 im f√ľr Geisteswissenschaften namhaften Reichert-Verlag Wiesbaden erschienene Band auch eher als Handbuch f√ľr Altertumskundler dienen, obwohl einige der Herangehensweisen bei der Interpretation von √úbergangsgesellschaften wie die der Sp√§tantike von durchaus allgemeing√ľltigem Charakter sind und Anregungen auch hinsichtlich der Betrachtung anderer Zeitenwenden g√§ben.
Annette Scherer
Die sp√§tantike Stadt und ihre Christianisierung. Hrsg. v. Brands, Gunnar /Severin, Hans G., Redakt.: Sch√∂ne-Denkinger, Angelika. 2003. 444 S., 189 Abb., 24 cm. (Sp√§tantike - Fr√ľhes Christentum - Byzanz. Bd. 11) Gb EUR 75,-
ISBN 3-89500-296-8   [L, Reichert]
 
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