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Was ist Romanik?

Die vorliegende Monografie richtet den Blick in umfassender Weise auf "Geschichte, Formen und Technik des romanischen Kirchenbaus". Der im Titel vielleicht mitschwingende Erwartungshorizont des Lesers, die Romanik als zentrales Ph├Ąnomen des europ├Ąischen Mittelalters und auch im Hinblick auf die ihr zu Grunde liegenden Ideen erl├Ąutert zu bekommen, kann angesichts dieser Schwerpunktsetzung durch den Autor gewiss nicht erf├╝llt werden. Dies ist freilich (fast) kein Mangel, denn das Buch f├╝hrt am Leitfaden der Begriffe "Geschichte", "Form" und "Technik" derart komprimiert und zugleich faktenreich an das, was Romanik als Architektur in erster Linie ist - n├Ąmlich Stein gewordener Ausdruck spezifischer Vorstellungen - heran, dass der Leser praktisch gar nicht anders kann, als selbst nach den ideellen Grundlagen der vor allem als sakrale Bauwerke erhaltenen Architektur zu suchen. Das Bildmaterial ist, von wenigen Ausnahmen (S. 23, 61, 91, 161, 176, 203) abgesehen, exzellent und ├Âffnet allein durch seine Vielfalt einen ersten Zugang zur Romanik. Diese F├╝lle an Bildmaterial macht insbesondere auch deshalb Sinn, weil der Autor ein stupendes Detailwissen vor dem Auge des Lesers entfaltet, in welchem der Laie nicht immer die Orientierung g├Ąnzlich behalten wird. Doch bietet sich dem Spezialisten gerade dar├╝ber ein (zweiter) Zugang, da die Bau- und Weihedaten der manchmal wie in einem Katalog behandelten Bauten konsequent in Klammer und auf dem Hintergrund der Forschung aufgef├╝hrt sind. Ein dritter Weg besteht schlie├člich darin, eben an den Stellen mit der Lekt├╝re zu beginnen, wo der Leser und die Leserin auf eigene, bei Reisen oder Exkursionen gewonnene Seherfahrungen, und damit Haltepunkte, zur├╝ckgreifen kann.
Das Buch hat f├╝nf Kapitel, denn das sechtse Kapitel zu Bauskulptur, Wanddekor, Schmuckfu├čboden, Fensterverschlu├č sowie liturgischer Ausstattung romanischer Kirchen wird man - aufgrund der K├╝rze - ebenso nur als Skizze im Sinne eines Ausblicks lesen wie auch Kapitel sieben, in dem die Titelfrage wieder aufgegriffen wird.
Faszinierend zu lesen und in dieser Form seit langem ein Desiderat ist der komprimierte ├ťberblick ├╝ber die Geschichte der Erforschung der romanischen Baukunst inklusive der Kl├Ąrung des stilgebenden Begriffs im ersten Kapitel, das mit einem Blick der Zeitgenossen auf die von ihnen geschaffene neue Baukunst, die im 19. Jahrhundert dann als romanische bezeichnet wird, beginnt. Wer je das Vergn├╝gen hatte, sich mit Romanik eingehend zu befassen, wird dieses forschungsgeschichtliche Kapitel, das auch entlegene Publikationen noch ber├╝cksichtigt, sehr sch├Ątzen. Unter dem Gesichtspunkt ihrer historischen Grundlagen wird die Romanik im zweiten Kapitel gew├╝rdigt, wobei das Klischee einer Allgemeingenese eines grunds├Ątzlich neuen Baustils - das auf die von dem Cluniazenserm├Ânch Radulphus Glaber um 1040 benutzte Metapher einer sich mit Kirchen bekleidenden Landschaft zur├╝ckgeht - von dem Autor zur├╝ckgewiesen wird (S. 74). Kapitel drei, vier und f├╝nf sind, da sie direkt am "Stein" der Kirchen ansetzen und an ihm Bauplanung, Bauorganisation, Bauausf├╝hrung, Bauformen und Bauteile behandeln, die wichtigsten Kapitel des Buches. In einer Kirche der Romanik stehend, wird man die Gestalt derselben nach der Lekt├╝re dieser drei Kapitel grunds├Ątzlich mit anderen Augen als bisher betrachten, denn der Autor vermittelt anschaulich, wie viel sich am Bauwerk selbst noch heute ├╝ber dessen Geschichte ablesen l├Ą├čt. Der "Bauvorgang, Konstruktion, Baustadien: der Beitrag der Bauforschung" betitelte Abschnitt III.4 (S. 111-122) ist diesbez├╝glich aus der Sicht des Rezensenten besonders gelungen.
Liegt der Schwerpunkt vorliegender Monografie, wie erw├Ąhnt, auch unzweideutig auf Geschichte, Form und Technik der Romanik, so wird dem aufmerksamen Leser nicht entgehen, dass Andreas Hartmann-Virnich zuweilen seine Kenntnis von auch sehr weitsichtigen Erkl├Ąrungen und Deutungen romanischer Bauten durchscheinen l├Ą├čt. So findet sich Seite 129 etwa mit Bezug auf die vor 822 entstandene Sammlung gewisser Faustregeln zur Fundamentierung des Kirchenbaues (mappae clavicula) der hochinteressante Hinweis, dass "das Verh├Ąltnis von Aufgehendem zur Grundmauer einpr├Ągsam vom menschlichen K├Ârper" abgeleitet werden konnte. Es w├Ąre auch sehr verwunderlich, sollte das gerade f├╝r romanische Architektur nicht zeigbar sein. Und noch etwas: Die auf Seite 175 auf die Durchdringung der Stichkappen im Chorgew├Âlbe der ber├╝hmten Kirche Sainte Foy in Conques hinweisende Illustration zeigt dar├╝ber hinausgehend noch "kristalline", ja geradezu "arabeske" Strukturen. Unversehens bef├Ąnde sich man sich, dieser Lesart folgend, bereits auf einer zeitlos g├╝tligen Interpretationsebene nicht nur der Architektur zur Zeit der Romanik. Es sind noch weitere solcher Stellen zu entdecken.
Dem Literaturverzeichnis sollten bei einer (vermutlich bald anstehenden) zweiten Auflage des Buches mit Blick auf die weitere Besch├Ąftigung des Lesers folgende Titel unbedingt zugef├╝hrt werden: Paul von Naredi-Rainer: Architektur und Harmonie. Zahl, Ma├č und Proportion in der abendl├Ąndischen Baukunst. K├Âln 1982 (vgl. etwa die der Westfassade der Kirche in Maursm├╝nster im Elsa├č inh├Ąrenten "Dreiecke" in Abbildung 299 bei Hartmann-Virnich, S. 227); Peter Cornelius Claussen: Magistri Doctissimi Romani. Die r├Âmischen Marmork├╝nstler des Mittelalters (Corpus Cosmatorum I). Stuttgart, Wiesbaden 1987; derselbe: Die Kirchen der Stadt Rom im Mittelalter 1050-1300 (Corpus Cosmatorum, II,1, A - F). Stuttgart 2002 (Hartmann-Virnich erw├Ąhnt die liturgische Funktion dieser Fu├čb├Âden Seite 256 selbst); au├čerdem: Thorsten Droste: Die Skulpturen von Moissac. Gestalt und Funktion romanischer Bauplastik. M├╝nchen 1996 (aufgrund der Interpretation romanischer Architektur gem├Ą├č des Vierfachen Schriftsinns).
Der Primus Verlag, der in den letzten Jahren etliche interessante Titel im gleichen Format ver├Âffentlicht hat, die Architektur und Kunst einem breiten Publikum auf sinnvolle Weise nahe bringen, wird gut daran tun, diese T├Ątigkeit fortzuf├╝hren - vielleicht bald mit einem Werk, das den Blick auf die Vielfalt romanischer Bauplastik wendet. Denn ein solches ist, trotz der Arbeit von Ana Mar├şa Qui├▒ones ├╝ber die Pflanzensymbole in der Bildhauerkunst des Mittelalters (1998) Desiderat. F├╝r Andreas Hartmann-Virnichs pr├Ązise Monografie hat sich das Warten auf alle F├Ąlle voll gelohnt. Das Buch darf eigentlich nirgends, wo Menschen sich mit Architektur des Mittelaters befassen, fehlen.

Matthias Mochner
Andreas Hartmann-Virnich. Was ist Romanik? Geschichte, Formen und Technik des romanischen Kirchenbaus. 280 S., 300 Abb., Gb., mit SU. 27 cm. Primus, Darmstadt 2004. EUR 39,90
ISBN 3-89678-491-9   [Primus]
 
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