KunstbuchAnzeiger - Kunst, Architektur, Fotografie, Design Anzeige Verlag Langewiesche Königstein | Blaue BĂŒcher
[Home] [Epochen] [Rezensionen] [Druckansicht]
Themen
Recherche
Service

[zurück]

Römische Reiseskizzenbuch

Der Florentiner Maler Giovanni Battista Naldini (1537-91), SchĂŒler von Jacopo Pontormo in Florenz, war auch „ein intensiver und eigenwilliger Zeichner“, doch ĂŒber den Verbleib seiner SkizzenblĂ€tter und Zeichnungen ist bisher wenig bekannt, sein malerisches Werk ist noch nicht systematisch erfaßt und auch zu seiner Biographie gibt es noch viele unbeantwortete Fragen.
Fest steht: im September 1560 brach Naldini auf zu einer Studienreise nach Rom, um dort DenkmĂ€ler der Antike zu zeichnen, was im 16. Jh. noch zum kĂŒnstlerischen Studium gehörte. (Ob er in Rom auch Michelangelo begegnete, kann nur vermutet werden.) Unterwegs und wĂ€hrend seines Aufenthaltes in der Ewigen Stadt bis Mai 1561 fĂŒhrte er ein Reiseskizzenbuch, in das er nicht nur antike Bauten, Skulpturen, Reliefs und Ruinen, sondern auch Renaissancearchitektur, stĂ€dtebauliche Überblicke, Landschaften und Naturansichten zeichnete. Außerdem kopierte er Fresken und GemĂ€lde zeitgenössischer KĂŒnstler, insbesondere die durch WitterungseinflĂŒsse vom Verfall bedrohten Fassadenfresken des Polidoro da Caravaggio oder Kreidezeichnungen des Andrea del Sarto.
Von außerordentlicher Lebendigkeit und Frische in StrichfĂŒhrung und Komposition und aus oft ungewöhnlicher Perspektive aufgenommen hatten diese Zeichnungen wohl weder Musterblattfunktion, noch dienten sie der Dokumentation. Denn die Rezeption der antiken DenkmĂ€ler dieses in der Wahl seiner Motive sehr vielseitigen KĂŒnstlers scheint eher „von persönlichem Interesse am Sujet bestimmt“ gewesen zu sein. Er zeichnete auch nicht fortlaufend ins Skizzenbuch, sondern sprunghaft, selten zusammenhĂ€ngend, beliebig auf Vorder— und RĂŒckseiten der unpaginierten BlĂ€tter. Dieses Skizzenbuch wurde spĂ€ter aufgelöst und „EinzelblĂ€tter gelangten, heute oft unter anderen KĂŒnstlernamen gefĂŒhrt, in viele europĂ€ische Sammlungen.“
Christel Thiem, Spezialistin fĂŒr italienische Graphik und Zeichnung des 16. bis 18. Jhs., hat versucht, das Reiseskizzenbuch des jungen Naldini von 1560/61 in mĂŒhevoller Forschungsarbeit „aufgrund verschiedener Indizien“ zu rekonstruieren. Nachgewiesen hat sie 34 BlĂ€tter mit 60 Zeichnungen auf Vorder- und RĂŒckseiten, die im vorliegenden Band prĂ€sentiert werden: zu Sachgruppen zusammengefaßt, verkleinert wiedergegeben, mit allen wissenschaftsrelevanten Angaben zu Technik, Maßen, Aufbewarhungsort, Provenienz, Literatur etc. und vor allem mit wichtigen, z.T. ausfĂŒhrlichen ErlĂ€uterungen und Informationen zu Entstehungsgeschichte, Recherchen, Auffindung, Zuschreibung u.a.
Damit liegt ein fĂŒr weitere Forschungen grundlegender Beitrag zur Wiederentdeckung eines zu Unrecht vergessenen KĂŒnstlers des Cinquecento vor, ein gediegen aufgemachter Band, der auch bei Liebhabern Roms und Freunden der Zeichenkunst auf Interesse stoßen könnte.

Christa Chatrath
Theim, Christel: Das römische Reiseskizzenbuch des Florentiners Giovanni Battista Naldini 1560/61. 2002. 184 S., 140 Abb., dav. 10 fb. 28 cm, Ln, EUR 49,80
ISBN 3-422-06395-1
 
© 2003 Verlag Langewiesche [Impressum] [Nutzungsbedingungen]