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Der Bielefelder Marienaltar. Das Retabel in der Neust├Ądter Marienkirche

Das Hochaltarretabel der Bielefelder Marienkirche gilt in der Fachwelt als H├Âhepunkt westf├Ąlischer Malerei des Mittelalters: Um das eindrucksvolle zentrale Bildfeld einer thronenden Muttergottes sind ├╝ber zwei Dutzend kleinformatige Tafeln angeordnet, die Szenen aus dem Alten und Neuen Testament verbildlichen. Alles ist in der Art der sogenannten "Internationalen Gotik" gemalt, die sich vor allem durch eine besonders exquisite Form der Wirklichkeitsaneignung auszeichnet. Nach einer - heute allerdings verlorenen - Inschrift ist die Tafel im Jahre 1400 entstanden, als Maler gilt seit langem der sogenannte "Meister des Berswordt-Altares", ein wahrscheinlich ├Ąlterer Zeitgenosse des Conrad von Soest. Sensationell konnte 1998 die Kirchengemeinde drei zum Altar zugeh├Ârige Tafeln aus dem Kunsthandel erwerben, der Pfarrer hatte sie in einem Auktionskatalog entdeckt. Mit Ausnahme dreier Szenen darf die Innenseite des wandelbaren Retabels nun als vollst├Ąndig gelten, was sich einmal auf den Au├čenseiten befunden hat, davon wei├č man allerdings gar nichts. Einige der Bilder befinden sich in Privathand oder sind in Museumsbesitz gelangt, so etwa jene hinrei├čende Szene der "Darbringung im Tempel", die die Berliner Museen ihr eigen nennen d├╝rfen.
Alle diese Tafeln finden sich jetzt, in stupender Qualit├Ąt reproduziert, in einem gediegen gestalteten Buch vereinigt, das einzig dem Altar gewidmet ist. Eine herausnehmbare Klapptafel stellt zudem die Einzelbilder ├╝bersichtlich zusammen. Die Textbeitr├Ąge untersuchen den theologischen Sinngehalt der Tafeln, beleuchten die Geschichte des Bielefelder Kollegiatsstifts St. Marien, in dessen Kirche das Retabel aufgestellt ist, und nehmen das Kunstwerk selbst in den Blick. Eigens hervorgehoben werden d├╝rfen die intensiven Einzelbetrachtungen, die den Tafeln gewidmet sind. Auch buchgestalterisch ├╝berzeugend sind hier Text und Bild nebeneinandergestellt, sodass sich Lekt├╝re und Betrachtung gegenseitig erg├Ąnzen. Dabei erf├Ąhrt man etwa, wie ├╝berlegt in manchen Szenen vom zugrunde liegenden Bibeltext abgewichen worden ist, um der Darstellung einen eigenen Sinngehalt zu geben. K├╝nstlerische Vollendung bedeutet demnach auch eine intellektuelle Leistung. Die Texte wurden von verschiedenen Autoren verfasst, einem Historiker, einem Theologen und einem Kunstwissenschaftler. Ein solcherart intensives Buch kann man heutzutage nurmehr durch die B├╝ndelung unterschiedlicher Kompetenzen zuwege bringen. Widerspr├╝che bleiben dabei nicht aus, besonders interessant ist hier die Annahme von unterschiedlichen Auftraggebern des Altares. Heinrich R├╝thing postuliert den zur damaligen Zeit hochber├╝hmten Stiftskanonikus Hermann Crusing als Patron, w├Ąhrend G├Âtz Pfeiffer Herzog Wilhelm I. von Berg den Vorzug gibt. Beide Autoren argumentieren historisch, w├Ąhrend der Kunsthistoriker dar├╝ber hinaus noch einen anschaulichen Beleg beibringen kann: Das Mittelfeld des Bielefelder Altars gleicht in Form und Konzeption auffallend einer anderen Stiftung Wilhelms, dem gro├čen Westfenster der Abteikirche Altenberg. Vielleicht ist demnach der optische Befund entscheidender Beleg, wenn der schl├╝ssige Beweis, etwa durch das Fehlen einer Stiftungsurkunde, nicht m├Âglich ist. Hier wird die Forschung sicherlich durch die Publikation angeregt, sind weitere Argumente zu erwarten.
Hans Belting hat neulich gesagt, dass B├╝cher und der Buchhandel wie alles kostbare momentan in der Krise stecken. Das sch├Âne Buch ├╝ber den Bielefelder Marienaltar erweist, wie diese Aussage lediglich auf die Branche insgesamt zu beziehen ist, nicht aber auf herausragende Einzelbeispiele.



Alexander Markschies
Der Bielefelder Marienaltar. Das Retabel in der Neust├Ądter Marienkirche. Hrsg. v. Menzel, Alfred. 160 S., 15 sw. u. 64 fb. Abb., 1 Klapptafel 32 x 24 cm. Gb. (Rel. in d. Gesch. 8) Verlag f├╝r Regionalgeschichte, G├╝tersloh 2001. EUR 34,-
ISBN 3-89534-325-0
 
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