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Der Deutschen liebstes Denkmal

Burgen sind ein beliebtes Thema, verbunden mit der unstillbaren Sehnsucht, eine archaisch heile Welt wiederzufinden. Eine solche Burgenromantik ist gef√§hrlich, wenn Phantasie-Objekte fern aller Realit√§ten entstehen. In dem j√ľngst erschienenen Handbuch "Burgen in Mitteleuropa" verk√ľndet der Umschlagtext, dass es ‚Äěneusten Forschungsstand" darstelle. Angesichts von 29 Autoren, zum Teil "ber√ľhmte" Burgenfachleute, darf man auch nichts anderes erwarten. Es sind auch "Sch√§tze" darunter wie z. B. Holst zum Baumaterial Backstein oder Kempke zu slawischen Burgen u.a. Dass manche Aufs√§tze, insbesondere solche "ber√ľhmter" Autoren entt√§uschen, l√§√üt sich bei einem Sammelwerk kaum vermeiden.
Trotz des √ľppigen Umfangs zuz√ľglich 32 Seiten Literaturangaben, die allzuknapp ausfielen, und 26 Seiten Burgen-Namen als Register, die nahezu nutzlos sind, ist es peinlich zu sehen, wie die meisten Beitr√§ge regelrechte "K√ľrzungs-Ringe" zeigen, Gedankenstr√§nge abbrechen oder Allgemeins√§tze ganze Textpassagen vertreten m√ľssen und damit die Aussagen verw√§ssern.
Ausnahme ist Joachim Zeune, der Text zu allen Kernbereichen, ohne besagte K√ľrzungs-Ringe verfa√üt hat. Er √ľbernahm aber auch die besch√∂nigend bevorwortete "Schlu√üredaktion", die radikalen K√ľrzungen (au√üer bei sich selbst!) und steht f√ľr den auff√§lligen Mangel an inhaltlicher Koordination, beispielsweise durch Auswahl differenzierterer Themen und der "zugeh√∂rigen" Autoren. So wurde "das" Handbuch als ein erweiterter "Zeune" vorgelegt, jenes Burgenbuches von Joachim Zeune: Burgen " Symbole der Macht, Regensburg 1996. Dieses ist indes jedem zu empfehlen.
Aber Handb√ľcher beweisen sich in konkreter Nutzung, so testen wir also: In der Umgebung der Redaktionsstuben des "Kunstbuchanzeigers" pr√§sentieren sich gleich mehrere Burgen: Eppstein, Falkenstein, K√∂nigstein mit Vorg√§ngerin einer alamannischen H√∂hensiedlung, Kronberg mit Vorg√§ngerin Eschborn. Eine "Burgenlandschaft"? Kontinuit√§t oder Diskontinuit√§t? Gr√ľndung oder Zerst√∂rung wann?
N√ľrings (10./11. Jh.) fehlt ganz, Falkenstein ist nur einer Namenserw√§hnung wert, da es eine sanit√§re Entsorgung des Gef√§ngnisses gibt" oder ist es nicht gar das Klo f√ľr den Bergfried? Dann geh√∂rte es aber in eine andere Burgengruppe. Kronberg findet nicht allein wegen des Bergfriedaufsatzes Erw√§hnung, sondern es wird √ľber die entscheidende Burgenverlegung von Eschborn vor dem Taunus auf die Taunush√∂he berichtet, also √ľber ein grunds√§tzliches strukturelles Problem. Burg Eppstein steht f√ľr eine Gattung von Schriftquellen und f√ľr Fu√üb√∂den aus ornamentierten Bodenfliesen, ohne die inzwischen gut greifbaren Datierungen anzugeben (Bd. I. S. 283)
Gleiches gilt f√ľr K√∂nigstein, f√ľr welches die Baustufen ebenfalls offen sind und die Fliesendatierungen geholfen h√§tten, umzudatieren. Die m√∂gliche Kontinuit√§t zur alamannischen, befestigten H√∂hensiedlung, ein Grundproblem der fr√ľhen Burgenkunde(!), bleibt g√§nzlich unerw√§hnt, obwohl konstituierend. Dazu w√§re auch die allzu blau√§ugige Datierung von K√∂nigstein in die Regierungszeit Barbarossas zu hinterfragen gewesen.
Und die Weiterentwicklung des sp√§tmittelalterlichen Gesch√ľtzturmes zur fr√ľhneuzeitlichen Bastion wird mit dem randlichen Turm auf K√∂nigstein als zu sp√§t belegt: Die (II S. 156) gemeinte Bastion datiert allemal vor 1527. Und es ist eben nicht die Burg Tannenberg im Odenwald, die als angeblich erste 1399 durch schweres Gesch√ľtz gebrochen wurde, sondern schon K√∂nigstein (1365).
Und: Die √§ltesten aufrecht stehenden Mauern von Burg K√∂nigstein zeigen in voller H√∂he als Steinverband √Ąhrenwerk ("opus spicatum"). Das ist etwas anderes als die Fischgr√§tverb√§nde im Kern von Gu√ümauerwerk (Bd. I, S. 202, Schock-Werner) wie in Eppsteins √§lterem Bergfried (fr√ľhes 12. Jh.?) oder Altenstein/Markt Maroldsweisach, Unterfr. Bergfried (1. V. 13. Jh.), beide zur Bautechnik einer spannungsarmen Mauerfestigkeit im Handbuch nicht genannt. Das ist ebenso etwas anderes als vereinzelte Doppel-Wechsellagen in der umgebenden Baulandschaft im 3. Viertel des 12. Jhs. (Frankfurter Saalhof; Pfalz Gelnhausen, Fundament u.a.)! Also Anwendung des Handbuches: Fehlanzeige (auch bei Antonow 1993, S. 345, nur knappe Bemerkung), den Forschungsstand fa√üt man bei August von Cohausen (1898) und vor allem bei Otto Piper in dessen "Burgenkunde" (1895-1912), jedenfalls nicht im vorliegenden Handbuch "auf dem heutigen Stand der Forschung". F√ľr K√∂nigstein wird man bez√ľglich des "opus spicatum" auf die Kirche in Dreifelden (Westerwaldkreis) zur√ľckgreifen und spekulieren m√ľssen, ob Burg K√∂nigstein wie jene um 1100 zu datieren ist und nicht eben doch eine Kontinuit√§t zur alamannischen, fr√§nkisch weiterbenutzten, befestigten H√∂hensiedlung vorliegt. Was nutzt ein Handbuch, wenn keine substantiellen Probleme gel√∂st oder wenigstens weitergehende, grunds√§tzliche Fragen gestellt werden?
Wolfgang Erdmann
Burgen in Mitteleuropa. Ein Handbuch. Band 1: Bauformen und Entwicklung. Band 2: Geschichte und Burgenlandschaften. Von Albrecht, U; Badst√ľbner, E, Billig, G.; Bitterli-Waldvogel, T u.a. Je Bd 368 S., 200 Abb., dav. 16 fb HC, 1999. DM 198,-
ISBN 3-8062-1355-0
 
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