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Zwischen Antike, Klassizismus und Romantik. Die K√ľnstlerfamilie Riepenhausen

Von Lichtenbergs "Hogarth" zum Leitstern Raffael. Als die Universit√§t G√∂ttingen 1837 ihr hundertj√§hriges Jubil√§um feierte, war der alte Universit√§tskupferstecher Ernst Ludwig Riepenhausen (1765-1840) einer der letzten, die sich noch des f√ľnfzig Jahre zur√ľckliegenden ersten Jubil√§ums und des Professors Lichtenberg und des M√ľnchhausen √ľbersetzenden Dichters Gottfried August B√ľrger erinnern konnten. So jedenfalls berichtet es uns Arno Schmidt in einem seiner literarischen Features und so wird es denn wohl auch gewesen sein, denn Riepenhausen d. √Ą. war bis zuletzt gesellig, ein kleines M√§nnchen mit gelber Per√ľcke, das Sommers wie Winters jeden Abend den Stammtisch seiner Freunde besuchte und gern erz√§hlte. Der Name des Kupferstechers ist bis heute mit der Hogarth-Rezeption verbunden, schuf Riepenhausen doch die Kopien jener Kupfer, die Lichtenbergs "Erkl√§rung der Hogartschen Kupferstiche" begleiten. In dieser Rolle, als "einsichtsvoller Gr√ľbler" (Lichtenberg) ist der √§ltere Riepenhausen zum freilich dienenden Geist einer gro√übritannisch-g√∂ttingischen Gro√ütat geworden. Dass er wohl mehr und eigenes zu leisten im Stande war, belegen verschiedene Studienbl√§tter, die der Stendaler Band erstmals publiziert (z.B. S. 10).
Hervorgebracht hat er auch ein Sohnespaar, Franz (1786-1831) und Johannes (1787-1860), das in der Kunstgeschichte etwas vage in den Umkreis der "Nazarener" platziert wird und ohne allzu feste Konturen pers√∂nlicher wie auch individueller stilistischer Natur dem deutschen K√ľnstlerkreis in Rom angeh√∂rt. Diese fehlenden Konturen liefert nun der Katalog-Band der Winckelmann-Gesellschaft. Und sie sind in der Tat denkbar vielf√§ltig: Graphische Dokumentation der heute verstreuten Sammlung Ludovisi in Rom, Entwurf und Druck einer leider unvollst√§ndig gebliebenen "Geschichte der Mahlerei in Italien" ("Vita di affaele da Urbino") steht, klassizistische Reminiszenzen und eine Hinwendung zur Literatur bis hin zu derjenigen der Romantik, die die Sch√∂pfung von Illustrationen zu Goethe und zu dem befreundeten Tieck einschlie√üt. Die beiden 15- und 16j√§hrigen K√ľnstler waren von der Rekonstruktion eines antiken Wandgem√§ldes in Delphi ausgegangen, das nur ein einer Beschreibung des Pausanias √ľberliefert ist. Auch wenn sie sp√§ter der Tischbein-Haxmanschen Umri√ülinie in der Illustration antiker Themen ade sagten, so blieb das Literarische, das hier bereits vorgegeben ist, ein wesentliches Motiv ihres Gestaltens. Darin sind sie echte Kinder der Goethezeit, auch wenn sie sich der Romantik sp√§ter deutlicher ann√§herten, als dies dem ihnen fr√ľh Beifall spendenden Goethe Recht gewesen sein kann.
Der Katalog und Aufsatzband zeigt einmal mehr, dass die Grenzen zwischen Klassizismus und Romantik flie√üend sind. Am Anfang steht das Vorbild Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, dessen "Sieben Heldenk√∂pfe" die Gebr√ľder Riepenhausen als Reihe von Renaissance-K√ľnstlern paraphrasieren. (Dass der ber√ľhmteste Reproduktionstechniker Italiens, Raffaelo Marghen, Anteil an den Homer-Illustrationen Tischbeins hatte, wie der Band (S. 5!) es annimmt, ist nicht sicher. Als Stecher belegt ist nur der an der Neapolitaner Kunstakademie unter Tischbein t√§tige Gugliehno Morghan). Am Ende steht die Wandlung des Kunstmarkts, der in seinen hohen technischen Anspr√ľchen aber auch in seiner sterilen Einengung auf die exakte Kopie keinen Spielraum mehr lie√ü f√ľr die gestaltende Phantasie des Reproduktionsstechers.
Die Verlagsverhandlungen mit dem Verleger deutscher Klassiker, Cotta, belegen, dass mit der Geschichte der italienischen Malerei kein Gesch√§ft zu machen war, wohl aber mit den Illustrationen zum "Taschenbuch f√ľr Damen". Dass die deutsch-r√∂mische K√ľnstlerschaft, trotz der politischen Misere der napoleonischen Zeit, eine heute geradezu legend√§re Geselligkeit und Festfreude entfaltete, wird gleichfalls detailliert nachvollziehbar.
Jörg Deuter
Zwischen Antike, Klassizismus und Romantik - Die K√ľnstlerfamilie Riepenhausen. Hrsg. Kunze, Max. 2001. 246 S., 188 sw. Abb., 11 fb. Taf. 30 cm. Gb EUR 39,90
ISBN 3-8053-2811-7
 
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