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al-Andalus – Geschichte des islamischen Spanien

Andalusien gehört immer noch zu den zentralen Zielen des Kulturtourismus, die Alhambra ist eines der meistbesuchten Monumente weltweit und wer sie bestaunen will ist gut beraten, schon Monate vorher ein Onlineticket zu bestellen. Überblicksdarstellungen zur Geschichte des islamischen Spanien gibt es einige – jetzt hat der amerikanische Religionswissenschaftler Brian A. Catlos eine neue vorgelegt: sie ist schmissig geschrieben, gut gegliedert, routiniert übersetzt, solide aufgemacht und gibt für die kulturhistorischen Besucher von Al-Anadalus in der Tat eine „moderne“ Einführung ab, zumal Catlos es versteht, die vielen verschiedenen Akteure in der mehr als 500-jährigen Geschichte anschaulich einzuführen, ihr Wirken und Streben spannend, ja packend zu erzählen. Fraglos: Wer dieses Buch liest ist nicht nur gut unterhalten, sondern für eine Reise nach Südspanien gewappnet.
Im Hinblick auf das soziale Gefüge seines Gegenstandes brilliert Catlos besonders. In mitreißenden Porträts und dramatischen Darstellungen von (regelmäßig wiederkehrenden) Intrigengeflechten, die zum Sturz einzelner Herrscher und Fürsten führten, zeigt er, wie sich unterhalb des Gesamtgefüges von al-Andalus die Machtkonstellationen stetig verschoben. Catlos verdeutlicht dem Leser die gesellschaftlichen Komplexitäten einer Hochkultur, die in seiner Darstellung weit mehr ist als die sattsam bekannte Ko-habitation von Moslems, Christen und Juden. Innerislamische Konflikte, durch verschiedene Rechtsschulen und theologische Auffassungen (die an die verschiedenen, in al-Andalus aktiven Volksgruppen, Stämme und Völker gebunden waren und jeweils der eigenen Legitimierung dienten) waren Catlos` Auffassung nach für den inneren Frieden weit bedrohlicher als die in der Königserzählung der spanischen Geschichte so zentrale Rivalität zwischen Moslems und Christen. Das allmähliche Vordringen christlicher Könige ins moslemische Herrschaftsgebiet nach 1000 sei weit eher erst eine Folge innermuslimischer Verwerfungen – was zum Ende der Ummayyadenherrschaft von Cordoba und der Zersplitterung von Andalusien in verwundbare Kleinfürstentümer führte, die sich im Abwehrkampf an die berberischen Almoraviden wandten, was wiederum die Erosion bis hin zur Vollendung der „Reconquista“ 1492 nur beschleunigte.
Das alles erscheint schlüssig – und dennoch fällt im Verlauf der Lektüre auf, dass der Darstellung eine wesentliche Basis fehlt. Um die Wellen kriegerischer Bewegungen, die die Geschichte von al-Andalus prägten, zu verstehen, wäre der Blick auf den Wirtschaftsraum zentral gewesen. Wie war er organisiert, was produzierte man selbst, was mußte man importieren (und somit Meer und Land über Stützpunkte, Handelswege und Diplomatie sichern), wie wurde es verteilt und welche gesellschaftlichen Gruppen waren hier jeweils Akteure und Nutznießer? Solche Zusammenhänge werden – ebenso wie das reiche Kulturleben und die noch heute erlebbaren baulichen Reste – zwar angedeutet. Aber in ihrer fundamentalen Bedeutung für das Verständnis des politischen Gesamtgefüges werden sie nicht erfaßt. Dass die Darstellung damit der soliden Grundlage entbehrt, Catlos mithin versäumt, die Prämissen für eine Analyse des gesamten hier aufgerollten Zusammenhänge zu schaffen, ist ein eklatantes Problem. Hätte er geschafft, seine Darstellung vom Kopf auf die Füße zu stellen: er hätte ein wichtiges Grundlagenwerk geliefert. In der vorliegenden Form bleibt das Buch eine süffige Einführung, die einzelne historische Zusammenhänge im Lichte religiöser Zusammenhänge neu bewertet. Im Ganzen aber schwimmt Catlos an der Oberfläche.

04.02.2020
04.02.2020
Christian Welzbacher
al-Andalus. Geschichte des islamischen Spanien. Catlos, Brian A. Übersetzt von Seuß, Rita. 491 S. 21 Abb. 22 x 14 cm. Gb. C.H. Beck Verlag, München 2019. EUR 29,95.
ISBN 978-3-406-74233-0   [C. H. Beck]
 
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