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Byzanz ‚Äď Weltreich der Kunst

√úber byzantinische Kunst und Kultur fehlte bislang eine √úberblicksdarstellung, meinten die beiden ausgewiesenen Byzanz-Kenner Neslihan Asutay-Effenberger und Arne Effenberger, und haben es sich mit der vorliegenden Neuerscheinung - nicht wenig ehrgeizig - zur Aufgabe gemacht, diese L√ľcke zu f√ľllen. Die g√§ngige Gliederung byzantinischer Kunst in sp√§tantik-fr√ľhbyzantinisch (3.-8. Jh.), mittel- (8. Jh. - 1204) und letztendlich sp√§tbyzantinisch (1204-1453) vermeiden die beiden Wissenschaftler; ihre Richtschnur ist die Geschichte, daher die Einteilung der Kapitel nach dem historischen Rahmen, beginnend bei den sp√§tantiken Grundlagen √ľber die Zeit des Justinian, der Herrschaft der makedonischen Dynastie, den Epochen der Dukai, Komnenen und Angeloi sowie der Palaiologen und endend 1453 mit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen.

Wie war der Boden, auf dem christliche Kunst entstand? Wie darf man sich die Metropole, die nach der Reichsteilung von 395 die Ost-H√§lfte des R√∂mischen Reiches am Bosporus repr√§sentierte und √ľber den √∂stlichen Mittelmeerraum herrschte, vorstellen? Die sogenannte Notitia urbis Constantinopolitanae aus dem Jahre 425 f√ľhrt uns eine antike Mega-City vor Augen: Nach dem Vorbild Roms in 14 Regionen eingeteilt sind f√ľr jede Region die dort vorhandenen Geb√§ude und Monumente verzeichnet. Darunter finden sich u.a. f√ľnf Pal√§ste, 14 Kirchen, zwei Theater, zwei Sportpl√§tze, acht Thermen, 322 Quartiere, 4388 H√§user, 153 private B√§der, 20 √∂ffentliche B√§ckereien, 120 private B√§ckereien, 117 Brotverteilungsstellen, f√ľnf Lebensmittelm√§rkte und und und. Von √∂ffentlichen Denkm√§lern wie der Konstantinss√§ule aus Porphyr sowie der von innen besteigbaren Theodosios- und Arkadios-S√§ule mal ganz abgesehen!
Hier beginnt der Weg christlich geprägter Kunst: Da der antike Alltag die Notwendigkeit eines persönlichen Siegels (die antike Visitenkarte) erfordert, wenden sich Christen Symbolen zu, die das mosaische Gebot "Du sollst dir kein Bildnis machen ..." nicht beleidigen, aber ihre christliche Gesinnung veranschaulichen. Gegen das ikonographische Erbe der bilderreichen griechisch-römischen Antike galt es sich abzusetzen, es galt aber auch, Erworbenes wie Stil und Know-how in den Dienst der neuen Religion - und den Anforderungen des Alltags - zu stellen.
Daraus entwickelte sich der fr√ľhchristliche Symbolekanon (Fisch, Taube, Schiff, Leier, Anker etc.), wie man ihn auf Siegeln findet; darauf folgte um 260 n. Chr. die Produktion von Sarkophagen mit christlichem Bildprogramm. Die Errichtung gro√üer Kirchenbauten (z.B. Kirche der Theotokos des Katharinenklosters am Sinai) f√ľhrte zu einer Imperialisierung Christi im Sakralraum, was hei√üt: Die Ikonographie seiner g√∂ttlichen Allmacht greift auf bew√§hrte ureigentlich r√∂mische, kaiserliche Darstellungsformen zur√ľck (Nimbus, Purpurmantel, Thronsitz sowie Sonne, Mond und Sterne als Begleiter), im Grunde eine Wechselwirkung, die auf die Heiligkeit des Kaisertums an sich zur√ľckgeht. Das kirchliche Bildprogramm mit Heiligen und W√ľrdentr√§gern verk√∂rpert hierarchisch die g√∂ttliche Weltordnung. Im √∂ffentlichen Raum vertraten nach antikem Vorbild die Bildnisse von Kaisern und hohen Beamten die hochgestellte Person, im privaten und kl√∂sterlichen Bereich entwickelte sich die Buchmalerei als Kunstform. Die Verbildlichung Jesu Christi und der Gottesmutter (Theotokos = Gottesgeb√§rerin) fand schlie√ülich ihren spirituellen und k√ľnstlerischen H√∂hepunkt in den Ikonen, die zwischen dem 5. und 15. Jahrhundert f√ľr die Ostkirche ma√ügebende Objekte der frommen Hinwendung darstellten. (F√ľr die konsequente Tradierung der Ikonenmalerei zeugt zum Beispiel "El Greco", eigentlich Dominikos Theotok√≥poulos, der 1541 in Candia/Kreta geboren und dort zum Ikonenmaler ausgebildet wurde.) Von Konstantinopel aus nahm die Christianisierung Osteuropas ihren Weg, vor allem Bulgaren, Serben und Russen √ľbernahmen mit dem orthodoxen Christentum pr√§gende Elemente byzantinischer Kunst und Kultur.
Dass es von kunsthistorischer Seite bis Beginn des 20. Jahrhunderts Vorbehalte gegen byzantinische Kunst und Kultur gab, ist f√ľr uns heute unverst√§ndlich. Wissenschaftliche Einlassungen auf byzantinische Kunstwerke in mitteleurop√§ischen Museen trugen meist einen "negativen Grundtenor": Im Wesentlichen hielt man byzantinische Kunst wegen ihres "orientalischen Charakters" f√ľr dekadent, √ľberladen und eigentlich wertlos, Klischees, in denen die √úberheblichkeit eurozentrischer Sichtweise zum Tragen kommt. Ganz ablehnend stand der einflussreiche Georg W.F. Hegel der Kunst des ostr√∂mischen Reiches gegen√ľber: "Das Christentum war zu Byzanz in die H√§nde des Abschaums und ungeb√§ndigten P√∂bels gelegt." Zwischen dem Kunstsammler Sulpiz Boisser√©e und Goethe entspann sich ein Briefwechsel √ľber byzantinische Kunst, die immerhin dazu f√ľhrte, dass der zuerst desinteressierte Goethe sich mit Ikonenmalerei zu besch√§ftigen begann. Die letztendliche √úberwindung des Vorurteils fand in M√ľnchen und Berlin statt: In M√ľnchen schuf Karl Krumbacher (1856-1909) das Fach Byzantinistik als akademische Disziplin und gr√ľndete die "Byzantinische Zeitschrift" als Instrument und Plattform der Forschung; in Berlin ist es das Museum der Byzantinischen Kunst, das die Werke der 1875/76 aufgel√∂sten K√∂niglichen Kunstkammer zu seinem Bestand christlicher Kunst hinzugenommen hatte; heute ist die Sammlung Byzantinische Kunst eigenst√§ndig und hat gro√üe Bedeutung erlangt.
Die Geschichtsauffassung der angeblichen kulturellen √úberlegenheit des Abendlandes ist nachdr√ľcklich in Frage gestellt, und es gilt: Byzanz war die f√ľhrende Hochkultur des Mittelalters, die ihren Mittelpunkt in Konstantinopel hatte und das Erbe der Antike hegte, erhielt und weitergab sowie eine eigene und ma√ügebliche Ikonographie der christlichen Bildsprache schuf, in Form von Ikonen, Buchmalerei und der Ausschm√ľckung von Sakralr√§umen.
Das Buch von Neslihan Asutay-Effenberger und Arne Effenberger richtet sich bewusst sowohl an Nichtwissenschaftler wie Wissenschaftler, ein umfangreiches Anmerkungs- und Literaturverzeichnis f√ľhrt Interessierte weiter zu Einzelph√§nomenen und Quellen.

08.11.2017
Daniela Maria Ziegler
Byzanz. Weltreich der Kunst. Effenberger, Arne; Asutay-Effenberger, Neslihan. Byzantinische Kunst. Kunst und Kultur. 2016. 400 S. 130 meist fb. Abb. 24 x 17 cm. Ln. EUR 49,95.
ISBN 978-3-406-58702-3   [C. H. Beck]
 
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