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Die großen Schrecken des Krieges

1924 erschien "Der Krieg", Otto Dix` Graphikmappe zum 1. Weltkrieg, sein 1929 begonnenes Tryptichon "Der Krieg" beendete er 1932. 1633, dreihundert Jahre zuvor, erschienen Jacques Callots (1592-1635) 18 Bl√§tter √ľber "Die gro√üen Schrecken des Krieges". In Paris, mit dem Privileg des franz√∂sischen K√∂nigs und urspr√ľnglich "Soldatenleben" betitelt. Die jeweils sechs kurzen Verse unter jedem Stich f√ľgte der Abt de Marolles (1600-1681) erst sp√§ter hinzu. So kennen wir jene 18 Radierungen Callots, die uns in diesem Buch samt dessen Radiertechnik erkl√§rt und einpr√§gsam in ihre Zeit eingebunden vorgestellt werden. Antikriegsbilder also?

Kriegsgr√§uel des 17. Jahrhunderts sind weit zahlreicher in Prosa als in bildlichen Darstellungen √ľberliefert. Hans Ulrich Francks 25 schw√§bische Radierungen (1643; 1655/56) "Schrecken des Drei√üigj√§hrigen Krieges" geh√∂ren dazu, einige wenige andere. Zusammen mit Franciso Goyas "Desastres de la Guerra" (1810-16, doch erst 1863 publiziert) bilden sie jenen schmalen historischen √úberlieferungsstrang von Kriegs-Ansichten, die sich als antipodisch zu gedruckten oder steinernen Abbildern milit√§rischer Siege verstehen lassen und auf denen sich die Opfer von Kriegen nur selten finden.

Und die zeigt uns Callot. Erlebt er doch als lothringer Adeliger den Einmarsch der Truppen des franz√∂sischen K√∂nigs in das bis dahin unabh√§ngige Herzogtum. Es ist ein kurzer Krieg, ohne Namen, anders als der gleichzeitige, 1618 begonnene drei√üigj√§hrige deutsche. Soldatenanwerbung, Schlacht, Pl√ľnderungen, Gr√§ueltaten in einem Herrenhaus, Brandschatzung, ein √úberfall gelangen ins Bild - doch dann kommt die Wende: Soldaten werden gefangen genommen, sterben am Wippgalgen und (auf dem wohl bekanntesten Stich) Galgenbaum, werden verbrannt, erschossen, auf das Rad geflochten und von sich r√§chenden Bauern erschlagen, enden als Kr√ľppel im Spital, sterben am Stra√üenrand. Dann der letzte Stich. In Parallele zu zeitgen√∂ssischer Literatur und Theater, etwa eines Moliere, zeigt dann auch Callot den guten K√∂nig als deus ex machina, der hier gerechte Offiziere mit Orden belohnt. Eine Parodie? Weit gefehlt. Hier wird niemand verantwortlich gemacht, individualisierte Schuldzuweisungen fehlen. Denn was sollte sich in Callots Jahrhundert und seinen Stichen anderes zeigen als eine Weltvorstellung der, trotz allem Leid, schlie√ülich doch g√∂ttlich-monarchisch gerechten Ordnung? Und zeigt diese Struktur der Stichabfolge, "Gr√§uel" und "Bestrafung", nicht das bildgewordene lateinisch-literarische Exemplum von, um Wiederholungen zu vermeiden, bestraften Missetaten?

Kein Antikriegsbuch also in unserem nachaufkl√§rerischen, immer auf das Individuum und seine Verantwortung bezogenen Sinn. Und doch ist es gerade Callot, der hier stecknadelklein und manchmal auf nur einem Blatt faszinierend-unglaubliche hunderte, ja tausende von K√∂rpern, Gesichtern, Haltungen individuell formt, als Individuen versteht. Mit der Portr√§tmalerei der Renaissance entdeckt, popularisiert er damit ein Menschenbild, mit dem das Individuum, nicht ein K√∂nig, ein Gott, f√ľr Krieg und Leid verantwortlich werden.
Jacques Callot, Otto Dix oder die Nachhaltigkeit von Kriegen. Dies Buch erinnert daran.

07.01.2017
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Die großen Schrecken des Krieges. Zeichnungen von Callot, Jacques. 2016. 48 S. 18 Abb. nach den Radierungen von Jacques Callot. 16 x 24 cm. Gb. Limbus Verlag, Innsbruck 2016. EUR 20,00. CHF 30,00
ISBN 978-3-99039-094-8
 
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