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Bernt Notke - Unternehmer, Meister, oder beides?

Bernt Notke ist f├╝r die Liebhaber sp├Ątgotischer Kunst kein Unbekannter. Seine Werke, darunter prominent der L├╝becker Totentanz aus den Jahren 1463 bis 1466, die monumentale Georgsgruppe aus der Storkyran zu Stockholm, die 1489 geweiht worden ist, und schlie├člich die beiden Alt├Ąre f├╝r den Dom von ├ůrhus und die Heiliggeistkirche in Reval/Tallinn belegen bereits eine hohe zeitgen├Âssische Wertsch├Ątzung, auch weit ├╝ber L├Ąndergrenzen hinweg. Neben den Kunstwerken selbst k├Ânnen als Grundlage einer Biographie Notkes schriftliche Quellen dienen, die sich etwa im Archiv der Hansestadt L├╝beck oder als Inschriften an den Kunstwerken selbst erhalten haben. Diese hat bereits Walter Paatz in einer grundlegenden, 1939 publizierten Monographie zusammengestellt. Paatz konnte aber von einer der wichtigsten Neuentdeckungen nichts wissen, die erst durch eine Restaurierung eines der Hauptwerke Notkes m├Âglich wurde: Triumphkreuzgruppe im L├╝becker Dom. Anfang der siebziger Jahre wurden hier im Inneren zweier Holzfiguren Inschriften gefunden. Die ausf├╝hrlichere der beiden besagt, dass "im Jahre 1472 Meister Bernt Notke dieses Werk mit Hilfe seiner Gesellen gemacht habe, namentlich zun├Ąchst der Schnitzer Eggert Swarte, die Bereiter Lucas Meier, Bernt Scharpeselle und Illies sowie der Maler Hartwich Stender. Betet vor Gott um ihr Seelenheil." Das Sensationelle am Fund lag weniger darin begr├╝ndet, dass hier ein schriftlicher Beleg f├╝r die schon immer vermutete Autorschaft Notkes an der Triumphkreuzgruppe gegeben war, einer Ged├Ąchtnisstiftung des L├╝becker Bischofs Albert Krummedyck ├╝ber dessen Grab. Von zentraler Bedeutung waren vielmehr die Fragen, die der Pergamentstreifen aufgab: Wenn Notke als "Meister" bezeichnet wird, der ├╝ber eine Werkstatt mit vielen Gesellen verf├╝gt, wie kann dann sein pers├Ânlicher Anteil an dem Kunstwerk bestimmt werden und wie vertragen sich Zusammensetzung und Gr├Â├če der Werkstatt mit den L├╝becker Zunftregeln? Diesen Fragen geht die Wissenschaft seit l├Ąngerer Zeit nach, zu nennen sind vor allem einige Aufs├Ątze des ehemaligen L├╝becker Museumskustoden Max Hasse. Unabh├Ąngig davon hat Gerhard Eimer eine noch immer lesenswerte Monographie ├╝ber den K├╝nstler vorgelegt, die vor allem die inhaltlichen Dimensionen seines Werkes in den Blick nimmt (K├Âln 1985). Zuletzt hat der bereits an der Restaurierung der Triumphkreuzgruppe beteiligte Restaurator Eike Oellermann in einem richtungweisenden, bislang leider unpublizierten Vortrag gefragt, ob Notke nicht lediglich ein Unternehmer gewesen sei, der vor allem in der Organisation der Werkstatt t├Ątig war. Dies pr├Ązisiert die alte Beobachtung von Walter Paatz erheblich, "Notkes Name bedeutet, wenn er urkundlich mit Werken verbunden wird, nicht Ausf├╝hrung durch den Meister selbst, sondern nur Ausf├╝hrung durch die Arbeitsgemeinschaft seiner Werkstatt."
Nach der Lesart Oellermanns h├Ątte Notke aber auch ├Ąsthetische Entscheidungen getroffen, denn gerade in der Technik sind die Skulpturen im eigentlichen Sinne unvergleichlich: Bei den L├╝becker Werken erfolgte ├╝ber einer abstrahierend mit dem Schnitzmesser durchgebildeten Grundform mit Hilfe der Kreidegrundierung und darin eingebetteten Fremdmaterialien (Applikationen von Leder zur Bezeichnung von Adern oder gedrehten Korden als Bortenschmuck) eine weitere, naturnah und realit├Ątsgetreu wirkende plastische Ausformung bis zur Bemalung. Und in der Stockholmer Georgsgruppe findet man ebenfalls zur illusionistischen Wirkung eingesetzte Fremdmaterialien: Am Drachen sind Elchschaufeln angebracht, um ihm in seinem stacheligen Aussehen Naturn├Ąhe zu verleihen.
Vor allem auf den Forschungen Oellermanns fu├čt die j├╝ngste Monographie ├╝ber Bernt Notke, die Druckfassung der Kieler Dissertation von Kerstin Petermann. Doch auch ansonsten erweist sich die Autorin als au├čerordentlich belesen ÔÇô kaum eine Forschungsmeinung bleibt unerw├Ąhnt. Von der Lekt├╝re des Buches kann der Leser viel lernen ├╝ber einen modernen Umgang mit sp├Ątgotischer Kunst, der vor allem technologische Untersuchungsergebnisse ernst nimmt und das Kunstwerk als Produkt vieler H├Ąnde, darunter eben auch des Auftraggebers, betrachtet. Kennt man den Text Oellermanns oder andere fr├╝here Arbeiten ├╝ber Bernt Notke, vermittelt sich allerdings nichts grunds├Ątzlich Neues ├╝ber den K├╝nstler.
Alexander Markschies
Petermann, Kerstin: Bernt Notke. Arbeitsweise und Werkstattorganisation im sp├Ąten Mittelalter. 2000. 430 S., 196 z. T. fb. Abb., 24 cm. HC; EUR 64,-
ISBN 3-496-01217-X
 
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