KunstbuchAnzeiger - Kunst, Architektur, Fotografie, Design Anzeige Verlag Langewiesche Königstein | Blaue BĂŒcher
[Home] [Epochen] [Rezensionen] [Druckansicht]
Themen
Recherche
Service

[zurück]

Die Villen des Andrea Palladio

Der Fokus in diesem Buch liegt nicht auf den BrĂŒcken, Palazzi und Kirchen, sondern jenen vierzig Villen/HerrenhĂ€usern (24 davon erhalten, einige zugĂ€nglich), die Andrea Palladio (1508-1580) entworfen, (mit) ausgefĂŒhrt hat oder die ihm zugeschrieben werden. So kann die Entwicklung zur Villenarchitektur des Palladianismus deutlich werden, die noch unser Jahrhundert beeinflußt. Und deren literarische (Petrarca um 1300) und architekturtheoretische Genese (besonders Vitruv und Albert, beide um 1485 auch gedruckt) aus der Rezeption einer zunehmend idealisierten römischen Antike und ihrer Bauten hier ausfĂŒhrlich dokumentiert ist. Mit dem Ergebnis, daß villa rustica (Villa mit Landwirtschaft), mehr noch aber die villa urbana (ohne Landwirtschaft; Stadtvilla) nach 1550 zum festen Ort der villeggiatura werden, des von kulturellen Interessen geprĂ€gten Landlebens meist stĂ€dtisch-adeliger Eliten. Über den Umweg Florenz, Rom und das Venedig der casa venetiana erreichen Renaissanceformen solcher Villenarchitektur erst um 1530 mit der Terraferma auch das lange gotisch geprĂ€gte Veneto Palladios.

Dessen hier nachgezeichneter Weg fĂŒhrt ihn nach 1524 vom detailgenauen Vincentiner Steinmetzen zum praxisorientierten Architekturtheoretiker, der 1570 dem Publikum die Essenz seiner Erfahrungen und Studien an Beispielen, auch zum Villenbau, mit den „Quattri Libri“ vorlegt. Hier erstmals mit Interpretationsgrundlage, wird anschaulich, wie schon zeitgenössisch stilbildende Fassadenkonzeptionen Palladios schließlich in einer Art Prototyp gipfeln: Der einem Zentralbau vorgelegten Freitreppe mit vortretend-ĂŒbergiebeltem Mittelportikus und KolossalsĂ€ulen. Wir kennen dieses Merkzeichen des Palladianismus von vielen Kulturbauten spĂ€terer Jahrhunderte. Eine solche Fassade, dem Zentralbau der Villa Rotonda/Villa Capra um 1570 jedoch gleich vierseitig-vierfach vorgesetzt, lĂ€ĂŸt sich freilich auch als Relativierung architektonisch-baulicher Funktionen durch architektonisch-Ă€stehtische Formen verstehen. Dies auch innen, wo, Vorbild ist auch hier das römische Pantheon, im Villenboden ein gitterförmiges Faunsgesicht das aus dem dachoffenen Rauchfang (opaion) einfallende Regenwaser ableitete. Deshalb fĂŒr lĂ€ngeres Wohnen ungeeignet wird die Villa, auch durch malerisch entgrenzende InnenrĂ€ume immer BĂŒhne in einer immer auch als BĂŒhne verstandenen Landschaft, nun zum funktional relativierten Ort des Verspielten, Schauplatz theatralischer Inszenierungen. Assoziationen zum zeitgenössischen Manierismus stellen sich ein, nicht jedoch in diesem Buch.

Es ist dann auch nicht diese Extremfassade, sondern deren idealisiertes VerstĂ€ndnis als „römisch-republikanisch“, das Palladios Villen und Fassaden im 17. Jahrhundert in England, den Niederlanden und Frankreich zum architektonischen Vorbild werden lĂ€ĂŸt; im 18. Jahrhundert folgen ganz Europa und die USA (Weißes Haus, um 1800). Doch auch diese Rezeptionsgeschichte ist von der nachvollziehbaren methodisch-konzeptionellen EinstrĂ€ngigkeit bestimmt, den Palladianismus primĂ€r als zeitenĂŒbergreifend auszuweisen. Eine stilĂŒbergreifende architekturhistorische Differenzierung, nun die zwischen Palladianismus und Klassizismus, stellt sich so nicht ein.
Marginale Kritik an einem gelungenen Alterswerk, einem klar strukturierten schwer- gewichtigen ReisefĂŒhrer zu Palladios Villen, fĂŒr Architekturhistoriker ein nĂŒtzliches Kompendium auf dem neuesten Forschungsstand. Und Fixpunkt in der ĂŒberbordenden Literatur zu Palladio.

23.01.2014
.
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Plagemann, Volker. Die Villen des Andrea Palladio. 496 S. 150 Abb. 26 x 18 cm. Gb. Ellert & Richter, Hamburg 2012. EUR 24,95. CHF 37,90
ISBN 978-3-8319-0462-4
 
© 2003 Verlag Langewiesche [Impressum] [Nutzungsbedingungen]