KunstbuchAnzeiger - Kunst, Architektur, Fotografie, Design Anzeige Verlag Langewiesche Königstein | Blaue BĂŒcher
[Home] [Epochen] [Rezensionen] [Druckansicht]
Themen
Recherche
Service

[zurück]

„Gottes HĂ€user“

Anhand von einigen typischen Beispielen fĂŒhrt Johann Hinrich Claussen junge Leser und interessierte Laien in die Geschichte des Kirchenbaus ein, von den frĂŒhen Hauskirchen ĂŒber die großen Kathedralen des Mittelalters bis zu den modernen Kirchenbauten des 20. Jahrhunderts. Ausgangspunkt ist der Besuch einer Kirche. In der Regel fĂŒhlt sich ein Betrachter zwar in besonderer Weise ergriffen, aber er weiß nicht wirklich, worauf sich dieses GefĂŒhl begrĂŒndet. Sind es kindliche Erfahrungen und Erlebnisse, oder sind es die Architektur, die GrĂ¶ĂŸe, die Bilder oder die Kunstwerke?

Die Entwicklung des Kirchenbaus beginnt Claussen mit der Entstehung frĂŒher Bet- und VersammlungsrĂ€ume, die sich, Ă€hnlich den Synagogen, meist in privaten HĂ€usern befanden, gefolgt von der frĂŒhen Sakralkunst, die auf den Friedhöfen ihren Anfang nahm.

Claussen erlĂ€utert die Entwicklung der noch jungen, im 4. Jahrhundert bereits institutionalisierten Kirche am Beispiel der Grabeskirche zu Jerusalem, die die römische Bauform der Basilika aufgreift. Exemplarisch fĂŒr den byzantinischen Osten folgt ein Kapitel ĂŒber die Hagia Sophia. Hier wird der Zentralbau in seiner Funktion, oder ausgerichtet auf das liturgische Geschehen erlĂ€utert und die Bedeutung der Ikonen sowie der im frĂŒhen Mittelalter einsetzende Bilderstreit.
Als typisch mittelalterlich folgen als die berĂŒhmtesten Beispiele der Romanik und Gotik die Kathedralen von Speyer und Amiens. Ob man aber schon nach 19 Jahren den Speyerer Dom aus "Lust am Neuen" krĂ€ftig aufrĂŒstet, wie Claussen es andeutet, darf bezweifelt werden. Hier spielte vorrangig vermutlich handfeste Kirchenpolitik eine Rolle.

In einem Beispiel zur Renaissance stellt der Autor St. Peter zu Rom mit seinen grandiosen Kunstwerken vor. Es ist „die “ katholische Kirche schlechthin. DarĂŒber hinaus werden neben den theologischen Aspekten der Beichte SĂŒhne und Buße auch die kirchenpolitischen MachtverhĂ€ltnisse erlĂ€utert. Dass die AusĂŒbung kirchlicher Macht nicht immer friedlich war, blendet PrĂ€lat Claussen leider aus.

Den protestantischen Kirchenbau zusammen mit den Geschehnissen der Reformation erlÀutert der Autor am Beispiel der Dresdner Frauenkirche und ihrem Wiederaufbau.
Die Architektur der Dresdener Frauenkirche beschreibt Claussen mit „damenhafter Eleganz“ und geht bewußt auf Distanz zur 1885 nationalgefĂ€rbten Interpretation des Lutherstandbildes als „ein Mann von Stahl und Eisen“. Auch die Bedeutung der Musik ist Thema dieses Kapitels.
Der Kirchenbau des 19. Jahrhunderts findet bei Claussen Ausdruck an der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Hamburger Hauptkirche St. Nikolai. Die Ruine ist heute Mahnmal und Museum. [Seit 2007 ist Johann Hinrich Claussen Hauptpastor an der in den 1960er Jahren neu errichteten Hauptkirche St. Nikolai.]

Am Schluss seiner AusfĂŒhrungen stellt Claussen die Kathedrale von Brasilia vor, 1970 geweiht und erbaut von Oscar Niemeyer. Daran knĂŒpft Claussen AusfĂŒhrungen zu jĂŒngsten Entwicklungen kirchlicher Architekturen in der sich rasant verĂ€ndernden Welt und der einhergehenden Demokratisierung des Gemeindelebens.
Im Anhang wird das Mobiliar einer Kirche beschrieben. Ein Literaturverzeichnis sowie ein Personen- und Ortsregister sind beigefĂŒgt.

AuffĂ€llig oft verwendet Claussen Begriffe wie „schön“ und „bezaubernd“, â€žĂŒberwĂ€ltigend“ oder „atemberaubend“. Hier wird weniger der Kunsthistoriker erkennbar, als vielmehr der leidenschaftlicher „Pastor“.
FĂŒr Kirchenbesucher, religiös oder (noch) nicht, eine fĂŒr den Einstieg empfehlenswerte LektĂŒre, um „Kirche“ zu verstehen.

28.11.2012
Susanne Becker
Claussen, Johann Hinrich. Gottes HĂ€user oder die Kunst, Kirchen zu bauen und zu verstehen. Vom frĂŒhen Christentum bis heute. Gb. C. H. Beck, MĂŒnchen 2010. 288 S., 48 Abb. 24 x 17 cm, Gb. EUR 24,95. CHF 44,90
ISBN 978-3-406-60718-9   [C. H. Beck]
 
© 2003 Verlag Langewiesche [Impressum] [Nutzungsbedingungen]