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Kunst und Architektur im neuzeitlichen Europa

Ein Aufsatzband von Erik Forssman versammelt entlegen Publiziertes zu dessen Themenschwerpunkten Architekturtheorie in Renaissance und Manierismus, namentlich zu Wertigkeit und Bedeutung der SÀule, zu Goethe als Biograph Cellinis, Winckelmanns und Hackerts, zu Schinkel und der Entstehung des modernen Museums, zur Theorie des modernen Bauens, aber auch zu den Randthemen Hans Thomas Kunsttheorie und zu Edvard Munchs EinschÀtzung durch die gegenwÀrtige Kunstwissenschaft.
Zu grundlegenden Fragestellungen stĂ¶ĂŸt Forssman in den AufsĂ€tzen „Über Ursache und Wirkung der Kunstgeschichte“ und „Architekturtheorie im Zeitalter Elias Holls“ vor. Etwas aus dem Rahmen fĂ€llt seine Darstellung „Versuch ĂŒber die deutsche Goldschmiedekunst“. Die von Hermann Reidel gesammelten BeitrĂ€ge wurden zwischen 1972 und 1996 zuerst publiziert und zum 90. Geburtstag des großen alten Mannes deutsch-schwedischer Kunstgeschichte wieder ediert. In diesen Wochen ist Erik Forssman, der bis zuletzt forschte und schrieb, mit 96 Jahren in Freiburg gestorben.
ZunĂ€chst reflektiert der Autor in der Einleitung ĂŒber die Aufweichung der Gattungsbegriffe Malerei, Bildhauerkunst und Architektur, die in seiner Freiburger Antrittsvorlesung eine damals von ihm erklĂ€rtermaßen noch nicht in ihrer vollen Breite erfaßte Rolle spielten. Und er beruft Goethe als den eigentlichen BegrĂŒnder der Kunstgeschichtsschreibung (nicht Winckelmann!), dessen Leben Cellinis erstmals ĂŒberhaupt Quellenforschung und Kunsttheorie in eine Form goß. Goethes drei kunsthistorische Hauptwerke, die Biographien Cellinis, Winckelmanns und Hackert, referiert er in einem eigenen Aufsatz, wobei er sie auch als VorĂŒbungen zu „Dichtung und Wahrheit“ begreift, zugleich aber so etwas wie einen Kanon dreier von Goethe exemplarisch gemeinter KĂŒnstlerviten darin sieht.

Es folgt eben jene Antrittsvorlesung „Über Ursache und Wirkung in der Kunstgeschichte“, in der Forssman Fragen kĂŒnstlerischer Determination aufwirft: Warum ist eine bestimmte Epoche fĂŒr einen bestimmten KĂŒnstler reif, wie wĂ€re diese Phase ohne sein Erscheinen verlaufen, wurden am Ende gar kĂŒnstlerische Begabungen, die kontrĂ€r zum Geist und Geschmack ihrer Epoche standen, existenziell ĂŒbergangen? Fragen, die er stellt, um sie sogleich zu verwerfen. Er beschreibt die verschiedenen ErklĂ€rungsweisen kĂŒnstlerischer Eigenart als Theorie vom Genie oder als Anpassung an schon vorhandene Vorbilder oder eben auch als Zufall, wobei er fĂŒr alle drei FĂ€lle paradigmatisch Sedlmayrs Fischer-von-Erlach-Monographie heranzieht. Der Leser spĂŒrt: Die „Ursachenketten, die zum Entstehen von Kunstwerken gefĂŒhrt haben“, sind fĂŒr ihn ein Kernpunkt zum Gewinnung methodischer Urteile, aber auch Fehlurteile: Heißen sie nun Auftraggeber, Meisterschaft oder kĂŒnstlerische IndividualitĂ€t. Alle diese Kettenglieder sind fĂŒr die Entstehung des Kunstwerks wichtig, aber keines erklĂ€rt oder begrĂŒndet die Entstehung einer kĂŒnstlerischen Höchstleistung.

Mit dem Aufsatz „Andrea Palladio. Leben und Werk“ betritt Forsman sein ureigenstes Gebiet, nĂ€mlich die Genesis der Hochrenaissance, das VerhĂ€ltnis von SĂ€ule und Wand, von Innenraum und Außenbau, von Vorder- und RĂŒckfront. Die Idee, Palladio zu zitieren, seine EntwĂŒrfe als Modelle „mißzuverstehen“ schien dem Architekturhistoriker 1981 völlig außerhalb des Vorstellbaren zu liegen. SpĂ€ter dĂŒrfte er sich zur Mode-Erscheinung, Palladio bauend zu zitieren auch noch publizierend gestellt haben. War es doch Forssman in seiner FrĂŒhschrift „Palladios LehrgebĂ€ude“ schon gelungen, die PhĂ€nomene seines Bauens als ganzheitliches Denken erklĂ€rbar zu machen.

Ins regionale Detail gehen die beiden AufsĂ€tze „Die Bedeutung Vitruvs fĂŒr die Architekturtheorie und die Baukunst der Weserrenaissance“ und „Schwedische Baukunst in der frĂŒhen Neuzeit und im DreißigjĂ€hrigen Krieg.“ Hier nĂ€hert sich Forssman von den RĂ€ndern her der Hochkunst und er tut dies mit seiner These, daß sich Vitruvianismus und Palladianismus in die gewohnten Stilbegriffe nicht einbinden lassen, sondern epochenĂŒbergreifend agieren. Er erkennt die nicht immer regelrechte Umsetzung von SĂ€ule und Kapitell, er rechnet die stilistische VerspĂ€tung ein, setzt zeitlich die Akzente: Erste regelkonforme Renaissancefassade in Norddeutschland 1557 am Trompetergang des Schlosses in Detmold, ionisches Meisterwerk des Kulturraums ist das Rathausportal in Hannoversch MĂŒnden von 1605. Phasen der FrĂŒh-, Hoch und SpĂ€trenaissance ĂŒberlagern sich je nach Kenntnisstand der SĂ€ulen- und ArchitekturbĂŒcher. „Als Dietterlins ÀrchitecturaÂŽvon 1598 gegen Ende der Renaissance ihre Wirkung in BĂŒckeburg entfaltete, hatten Serlios `RegoleÂŽ, die inzwischen sechzig Jahre alt waren, ihre Bedeutung als Manuale noch nicht verloren.“ (S. 109) Die Gleichzeitigkeit des eigentlich Ungleichzeitigen beschĂ€ftigte den frĂŒh RezeptionsphĂ€nomen Nachforschenden offenbar bis ins höchste Alter.

Das Regulative der Baukunst beschĂ€ftigt Forssman auch bei neueren Bauaufgaben wie etwa dem Museumsbau, wobei er Schinkel bestĂ€tigt, daß in dessen Altem Museum bereits alle Kriterien, die bis heute Museumsarchitektur bestimmen, erfolgreich realisiert worden seien. Aber er sieht auch dessen besondere Bindung an den Ort seiner Entstehung: „Es könnte ohne den Bezug auf Dom und Schloß in Berlin nicht noch einmal irgendwo erbaut werden.“ Die drei deutschen Museumsbauten der Jahre 1816 bis 26 in Berlin und MĂŒnchen entlocken Forssman sogar einmal ein abwertendes Wort ĂŒber Klenzes Alte Pinakothek. („An Klenzes Bau ist eigentlich nichts vollkommen, neu und originell.“) .Sogleich bewundert er aber dessen stadtplanerische Leistung und seine Durchbildung der Fassaden der Glyptothek. Hier sieht er sogar ein Weiterwirken Klenze eigener Gestaltungsmittel in Alexander von Brancas Neuer Pinakothek (1981).

Interessante Erkenntnisse bietet auch der Aufsatz „Zur Theorie des neuen Bauens in Deutschland“, der von Burckhardt und Wölfflin ausgeht und belegt, mit welch hohem Abstraktionsgrad architekturtheoretische Diskussionen um 1900 gefĂŒhrt wurden. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg schien dies allerdings obsolet: Große Baumonographien traten an die Stelle von stilpsychologischen und wissenschaftstheoretischen Grundsatzdebatten. Forssman behĂ€lt auch hier souverĂ€n den Überblick ĂŒber die schreibenden Architekten und Architekturtheoretiker der Moderne, und er weckt Interesse fĂŒr so manches vergessene Werk, wie es ĂŒberhaupt die ruhige und gelassene Darstellungsweise oft verwickelter Themen ist, die sein Schreiben auszeichnet.

Geradezu brisant wird Forssmans Argumentation auch immer dort, wo er von der herrschenden Meinung abweicht, so etwa, wenn er den heute kaum mehr hoch im Kurs stehenden Hans Thoma rehabilitiert, ihn gar als einen Verteidiger des jungen Futuristen auffĂŒhren kann!

In Auffassung und Diktion sind die AufsĂ€tze Zeugnisse eines umfassenden Denkens und einer sehr ruhigen, aber trotzdem Engagement nicht verhehlenden Kunstgeschichtsschreibung. Die genaue Kenntnis des Sujets ist Voraussetzung, niemals aber Anlaß zur Inszenierung des eigenen Schreibens. Mit Erik Forssman hat die Architekturgeschichte einen Ikonologen verloren, die deutsch-skandinavischen Verflechtungen haben ihn zudem zum Vermittler zweier so nicht oft zusammen gesehener KulturrĂ€ume gemacht.

17.01.2012
Jörg Deuter
Forssman, Erik: Kunst und Architektur im neuzeitlichen Europa. AusgewÀhlte BeitrÀge. Hrsg. v. Reidel, Hermann. 360 S., 50 Abb.. (Stud. z. Kunstgesch. 162) Gb., Olms Verlag, Hildesheim 2004. EUR 88,00
ISBN 978-3-487-12804-7   [Olms]
 
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