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Die Cappella Palatina in Palermo

Die deutsche W√ľrth-Stiftung hat die f√ľnfj√§hrige Sanierung (2004-2008) der 2001 erdbebenbesch√§digten Cappella und die sie begleitenden Forschungsarbeiten entscheidend gef√∂rdert. Ein dar√ľber publizierter opulenter, in ansprechend-gediegenem Layout und dreisprachig gehaltener inhaltsgewichtiger Text- und Bildband d√ľrfte f√ľr √§hnliche Dokumentationen beispielhaft sein.
Der nach 1990 dominierende multiethnische und multireligi√∂s bestimmte kunstgeschichtliche Forschungsfokus trifft hier mit dem um 1130 regional muslimisch und h√∂fisch multiethnisch gepr√§gten Umfeld des christlichen Normannenk√∂nigs Roger II. auf ein ideales Forschungsfeld. In ihm erweist sich die k√∂nigliche Privatkapelle als sakraler und zugleich profaner, demonstrativ-herrscherlicher Ort (des Thrones) mit zwei konstitutiven innenarchitektonischen Elementen: der europ√§isch einzigartigen, islamisch gepr√§gten selbsttragend-bemalten Stalaktiten-Holzdecke (muquarnas) und den opus sectile-Arbeiten der Bodenmosaiken. Mangels Quellen st√ľtzt sich nicht nur deren Ornamentik-Interpretation auf im Konjunktiv gehaltene Arbeitshypothesen mit sich im Indikativ anschlie√üenden Folgerungen und f√ľhrt so zu Forschungsergebnissen, die weniger √ľberzeugen als die einer durchg√§ngig im Konjunktiv gehaltenen Arbeit √ľber den bisher wenig beachteten Cappella-Osterleuchter. Dies mag Rezensenten-Beckmesserei sein, die jedoch nicht dem in gewichtigeren Beitr√§gen deutlich ausgesprochenen Ungen√ľgen an der fortdauernden Diskrepanz zwischen individuell-subjektiver kunsthistorischer Methode und deren Ergebnissen (Stichwort auch: Stilgeschichte) widerspricht. Ein Ungen√ľgen, das selbstkritischeren unter den Kunsthistorikern Movens f√ľr einen ‚Äěanderen Blickwinkel‚Äú auf die Cappella war: der erweist sich zwar letztlich als R√ľckgriff auf Panofskys Ikonographie- und Ikonologieverst√§ndnis von Motivgeschichte als objektivierter, objektivierbarer Methode, doch deren Exemplifizierung an regional variierten Modellen/Vorbildern (hier: L√∂wen) der bemalten Kapellendecke √ľberzeugt.
Da √ľberlieferte Quellenlage und konkrete Arbeit am Objekt den kunsthistorisch genutzten Spiel-Raum f√ľr Hypothesen und theoretisch-spekulative Folgerungen begrenzen, erscheinen die Beitr√§ge zur Cappella-Baugeschichte (Nachweis der separaten Erbauung von Unter- und Oberkirche, Dokumentation ihrer Umbauten) und die gut belegte aktuelle Restaurierung der Wandmosaiken (heute auch auf austauschbaren Tr√§gerteilen) substantieller, ergiebiger. Die hier zu Chor, S√ľdschiff und Mittelapsis vermi√üte historische Mosaiken-Bestandsanalyse mag pers√∂nlichen Pr√§ferenzen geschuldet sein, h√§tte aber auch den aktuellen Forschungsstand gut erg√§nzt (Poeschke 2009; Brunnner/ Voccoli, erscheint 2012). Diesem Desideratum l√§sst sich der medieninstrumental gepr√§gte Forschungsband-Vorschlag hinzuf√ľgen, die Cappella Palatina (auch) als besucherorientiertes ‚Äěvirtuelles Museum‚Äú zu pr√§sentieren. Gemeint ist damit ein optisch-zeitliches Heranzoomen an das Objekt mittels einer computergest√ľtzt-visualisierten Zustands- und Quellenpr√§sentation, erg√§nzt von einer aus Dokumenten, Handschriften, B√ľchern, Abbildungen, Noten usw. gewonnenen Rekonstruktion ver√§nderter (Ambo, Chorschranke) oder verloren gegangener Kunst- und Kultobjekte. Hier an Lampas als Beispielen f√ľr Stoffe demonstriert, √ľberzeugt dieser wegweisende (im abschlie√üenden Beitrag √ľber Forschungsperspektiven unerw√§hnte) Vorschlag durch das damit offerierte breitere Faktenspektrum, das auch methodologisch genutzt werden kann. Die Hoffnung, dass solche Ans√§tze realisiert werden trifft sich hier mit dem Wunsch, der multiethnische Fokus ‚Äěder Kunstgeschichte‚Äú m√∂ge generell nicht so verabsolutiert (praktiziert) werden wie in der geschichtsblinden konzeptionellen Melange f√ľr das ‚ÄěHumboldt-Forum‚Äú in Berlin.

All diese gewichtigen Bemerkungen verblassen angesichts des √ľberw√§ltigenden visuell-emotionalen Eindrucks, den die Cappella bei dem Besucher hinterl√§sst ‚Äď so wie die farbigen Deckenmalereien f√ľr einen ihrer Restauratoren ‚Äěheutzutage nur noch blasse Erinnerung an die Pracht (sind), die den mittelalterlichen Besuchern der Kapelle vor Augen stand ‚Ķ .‚Äú
Die Kapelle: sehenswert. Dieses Buch dazu: im baugeschichtlich-restauratorischen Teil sehr lesenwert.

06.01.2012
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Die Cappella Palatina in Palermo. Geschichte, Kunst, Funktionen Forschungsergebnisse der Restaurierungen. Hrsg.: Dittelbach, Thomas; Stiftung W√ľrth. Dtsch/Ital./Engl. 624 S. 28 x 22 cm. Gb. Swiridoff Verlag, K√ľnzelsau 2011. EUR 98,00. CHF 150,00
ISBN 978-3-89929-170-4   [Swiridoff]
 
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