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Hinter den Fassaden von Versailles

Der Blick auf den Schutzumschlag des hier anzuzeigenden Buches stellt uns zunĂ€chst vor verschlossene TĂŒren. Der etwas reißerische deutsche Untertitel suggeriert jedoch, dass sich hinter der prĂ€chtigen, mit vergoldeter Rokokoornamentik ĂŒberzogenen FlĂŒgeltĂŒr eine Welt der »MĂ€tressen, Flöhe und Intrigen am Hof des Sonnenkönigs« eröffnen wird. Bei der LektĂŒre des Bandes lernen wir indes ein völlig anderes Versailles kennen. Der amerikanische Historiker William Ritchey Newton fĂŒhrt uns nicht in ein von unerhörtem Glanz, Luxus und absolutistischer MachtreprĂ€sentation geprĂ€gtes Versailles Ludwigs XIV., wie es schon in zahlreichen Publikationen vorgestellt wurde und alljĂ€hrlich von Millionen Besuchern in den prachtvollen SchlossgebĂ€uden und Gartenanlagen tendenziös imaginiert wird. Vielmehr richtet der Versailles-Spezialist das Hauptaugenmerk erstmals auf das bislang kaum bekannte Alltagsleben des riesigen Hofstaates wĂ€hrend der drei Regierungszeiten von Ludwig XIV., XV. und XVI. Die reprĂ€sentativen Kulissen des absolutistischen Machtapparats sind zum Großteil noch erhalten, doch die alltĂ€gliche Lebenswelt der Akteure, die diesen zentralisierten Kosmos, gleich einer bis ins Detail durchorganisierten und inszenierten TheaterauffĂŒhrung, ausfĂŒllten, ist lĂ€ngst verschwunden. Aus verschiedenen Lebenserinnerungen und umfangreichen ArchivbestĂ€nden, besonders der Korrespondenz und der Berichte des Generaldirektors der Königlichen Bauten und des Schlossgouverneurs, versucht Newton, das Alltagsleben am Hof zu rekonstruieren. In sieben Hauptkapiteln widmet er sich den Aspekten »Wohnen«, »Essen«, »Wasser«, »Heizung«, »Beleuchtung«, »Großreinemachen« und »WĂ€sche«, die er mit einem ResĂŒmee zum »Leben bei Hofe« und einem kleinen Exkurs zur »Livre« abschließt. Hinzu kommen ein Quellenverzeichnis, ein knapper Anmerkungsapparat, ein Personenregister sowie 32 Abbildungen.

Wie die KapitelĂŒberschriften bereits andeuten, werden die ganz essentiellen, mitunter auch unappetitlichen Facetten des Alltagslebens thematisiert. Dabei werden, der Hierarchie des Hofstaates entsprechend, die alltĂ€glichen LebensumstĂ€nde der königlichen Familie und der höchsten Hofchargen ebenso beleuchtet wie die der unteren Bediensteten, der Parkettbohner und Abortgrubenfeger. Hinter dem schönen Schein von Versailles verbarg sich nicht nur der tĂ€gliche Kampf der Höflinge um Gunst, Rang und Privilegien, sondern auch der damit verbundene Kampf der zustĂ€ndigen Behörden, dem tĂ€glichen Wahnsinn hofstaatlicher Ver- und Entsorgung Herr zu werden. Die diesbezĂŒglichen Schriftquellen zeichnen ein zuweilen katastrophal anmutendes Bild. Sie berichten von finsteren, teils ĂŒberfĂŒllten Wohnquartieren, die entweder zugig oder völlig verqualmt waren, von regelmĂ€ĂŸigen Streitigkeiten um ausreichend Kerzen und Spiegel zur Beleuchtung, von stĂ€ndig drohender Feuergefahr durch schlechte Kamine und provisorische Öfen, deren Ruß die Gartenfassade wie nach einem Schlossbrand erscheinen ließ, oder von den hungrigen BemĂŒhungen um einen Platz an einer exklusiven Tafel, dem stets knappem Frischwasser und den desolaten SanitĂ€reinrichtungen, deren AbwĂ€sser in die Appartements, KĂŒchen, Gartenparterres und Schlosshöfe sickerten und dabei die Luft verpesteten. Der fundierte Blick hinter die Fassaden von Versailles ist lehrreich, amĂŒsant, voyeuristisch und in jedem Fall desillusionierend.

Newton hat sich mit seinem beeindruckend material- und kenntnisreichen Buch zweifellos einem seit langem bestehenden Desiderat gewidmet, das wĂŒnschenswerterweise auch noch fĂŒr andere Königs- und FĂŒrstenhöfe, nicht zuletzt in den heterogenen deutschen Territorialstaaten, untersucht werden mĂŒsste. In Anbetracht der detaillierten Darstellung wĂ€ren jedoch einige grundlegende Angaben, beispielsweise zum Aufbau und zur personellen GrĂ¶ĂŸe des Versailler Hofstaates, sowie einige Orientierungshilfen, etwa in Form von aussagekrĂ€ftigen Grundrissen, der besseren Einordnung der akribisch ausgebreiteten Fakten dienlich gewesen. Außerdem lĂ€sst das Buch insgesamt einen ĂŒbergreifenden, argumentativen Fluchtpunkt vermissen, der den Leser entlang eines ErzĂ€hlstrangs durch das ĂŒberreiche Quellenmaterial leitet. Dementsprechend fehlt es den zahlreichen Zitaten und anschaulichen Beispielen, die von Kapitel zu Kapitel dokumentarisch aneinander gereiht werden, an einer Synthese der daraus abzuleitenden Erkenntnisse, die auch im ResĂŒmee nicht vollzogen wird. FĂŒr das fortschreitende 18. Jahrhundert wird zwar wiederholt ein zunehmender Niedergang in allen angesprochen Lebensbereichen konstatiert, der nicht zuletzt auch im allmĂ€hlichen Verfall der SchlossgebĂ€ude nach außen hin augenscheinlich wurde, doch wird diese Beobachtung kaum weiter historisiert, etwa in der naheliegenden Perspektive der sich auflösenden höfischen Strukturen und der sich damit ĂŒberholenden absolutistischen Monarchie. Dann wĂ€re auch die am Ende gebrachte EinschĂ€tzung des schottischen Romanciers Tobias Smollet aus dem Jahr 1763 durchaus ernst zu nehmen: „Versailles wirkt trotz der verschwenderischen Dekoration trist. Appartements sind dĂŒster, schlecht möbliert, schmutzig und eines FĂŒrsten wenig wĂŒrdig. Das Schloss, die Kapelle, der Garten, all dies bildet zusammen eine absonderliche Mischung aus Pracht und SchĂ€bigkeit, aus gutem Geschmack und SĂŒffisance.“

08.09.2011
Sascha Winter
Newton, William Ritchey. Hinter den Fassaden von Versailles. MÀtressen, Flöhe und Intrigen am Hof des Sonnenkönigs. 224 S., 16 Abb., Gb. PropylÀen, Berlin 2010. EUR 22,99 CHF 39,90
ISBN 978-3-549-07362-9
 
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