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Das Leben des Michelangelo

Volker Reinhardt, Professor f√ľr Geschichte der Neuzeit an der Universit√§t Fribourg, ist ein Kenner Italiens, insbesondere der italienischen Renaissance. In seiner neuesten Arbeit befasst er sich mit einer der gr√∂√üten Pers√∂nlichkeiten dieser Epoche, dem Bildhauer, Maler und Architekten Michelangelo (6. M√§rz 1475 - 18. Februar 1564), der von seinen Zeitgenossen sowohl g√∂ttlich als auch schrecklich genannt wurde.

Bei seiner nun vorliegenden Biographie des Meisters der Sixtinischen Kapelle handelt es sich jedoch nicht um eine reine K√ľnstler-Biographie, sondern mehr um eine Arbeit, bei der der famili√§re Hintergrund des K√ľnstlers, die Abfolge und Begleitumst√§nde der an ihn erteilten Auftr√§ge sowie die Auftraggeber selbst und die politisch-historischen Ereignisse das Thema bilden. Michelangelos Lebensdaten und Person bilden dabei das Ger√ľst. Auf Fragestellungen nach Vorbildern, Einfl√ľssen sowie Zuweisung, auf Vergleiche mit Kollegen (Raffael, Leonardo da Vinci etc.), auf die Geschichte und die Herkunft von Motiven, Komposition und Stil etc. verzichtet der Autor. Dass im Januar 1506 die Laokoon-Gruppe in einem Weinberg aufgefunden und geborgen wurde - eine Riesensensation, bei der auch Michelangelo anwesend war! -, erw√§hnt Reinhardt zwar und nennt den Preis von sage und schreibe 600 Dukaten, die der Fund dem Grundst√ľcksbesitzer einbrachte, aber ob und wo die gewaltige Dramatik des Laokoon in Michelangelos Werken ihren Niederschlag findet, bleibt offen.

Ein "frischer, √ľberraschender Blick auf Michelangelos Leben" stellt das Buch Reinhardts dennoch dar, da ihm ein gr√ľndliches Studium der Korrespondenz Michelangelos mit Familie und Auftraggebern zugrunde liegt. Die Briefe geben einen tiefen Einblick in das Denken und F√ľhlen Michelangelos, und Reinhardt zeigt sich als deren profunder Interpret. Als Mitglied einer verarmten und hinsichtlich Broterwerbs eher unf√§higen florentinischen Adelsfamilie zu den "Benachteiligten" geh√∂rend, versuchte Michelangelo seine Herkunft mit allen Mitteln zu kompensieren. Sein Ziel war, mit seinem Talent und seinem Gesch√§ftssinn den Status der Familie - er selbst war nie verheiratet - wiederherzustellen. Dabei habe er nicht genug kriegen k√∂nnen: Er nahm weitaus mehr Auftr√§ge an, als er bew√§ltigen konnte, hielt seine Auftraggeber (Papst Julius II., die Medici u.a.) hin, lie√ü Auftr√§ge unvollendet etc. Dass er sich so abrackerte, lie√ü er die Familie sp√ľren - fast k√∂nnte man meinen, mit Genuss: "Michelangelo der Ern√§hrer, der Rest der Sippe die Verzehrer." Er, der demonstrativ bescheiden, ja fast √§rmlich lebte, betonte wiederholt, wie viel er f√ľr die Seinen opferte. Und als es darum ging, seinem Neffen Lionardo bei seiner Verheiratung zu raten, zeigte sich der Vierundsiebzigj√§hrige als gewiefter Taktiker, dem es vor allem um den Zugewinn an Status ging.

Vor dem Hintergrund des David, der Pietà, des auferstandenen Christus etc. tritt uns ein leicht kränkbares Genie, ein griesgrämiger Patriarch und kleinlicher Geschäftsmann entgegen, der sich aufs Feilschen verstand und den vor allem interessiert zu haben schien, viel Geld zu verdienen und es gewinnbringend in Immobilien anzulegen. Ein Gegensatz, der durch die farbintensiven Detailabbildungen der Sixtina und die hervorragend reproduzierten Zeichnungen des Buches umso frappierender wird: Michelangelo - göttlich und schrecklich zugleich.

17. 5. 2010
Daniela Maria Ziegler
Reinhardt, Volker: Der G√∂ttliche. Das Leben des Michelangelo. 381 S., 81 Abb., dav. 38 fb. Ln. C.H. Beck, M√ľnchen 2010. EUR 24,95
ISBN 978-3-406-59784-8   [C. H. Beck]
 
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