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Die HalberstÀdter Chorschranken

Warum die Uta im Westchor des Naumburger Doms zu einer der berĂŒhmtesten Skulpturen des 13. Jahrhunderts geworden ist und nicht die Marienfigur der HalberstĂ€dter Chorschranke, vermag man kaum zu sagen: Gleichermaßen ĂŒberragend in der kĂŒnstlerischen QualitĂ€t bewahren zwar beide noch weitgehend ihre originale Farbigkeit, die Fassung, die integraler Bestandteil des Kunstwerks ist und doch sich so hĂ€ufig nicht mehr erhalten hat. Im Unterschied zu Naumburg ist aber die Maria dem Betrachter nicht durch hohe Anbringung entzogen, er schaut ihr vielmehr direkt ins Gesicht, das mit seiner gesunden Farbe, dem Rouge auf den Wangen, den tiefroten Lippen und vor allem den langen blonden Zöpfen eine erstaunliche PrĂ€senz zeigt. Es ist das vielleicht schönste Gesicht der mittelalterlichen Skulptur und doch hat die Figur nicht annĂ€hernd den Stellenwert im allgemeinen BildgedĂ€chtnis wie die Naumburger Uta oder die anderen Stifterfiguren.
Die Maria von Halberstadt bildet das Zentrum der sĂŒdlichen Chorabschrankung der romanischen Liebfrauenkirche, ihr beigegeben sind sechs Apostel. Auf der Nordseite prĂ€sidiert Christus, auch ihn begleiten Apostel. Monographisch hat sich bis heute noch niemand mit den aus Stuck modellierten Reliefskulpturen auseinandergesetzt, auch wenn sie natĂŒrlich immer wieder Gegenstand der Forschung waren. Und dies bereits von Beginn an der noch jungen Geschichte der BeschĂ€ftigung mit deutscher mittelalterlicher Skulptur. Erst jetzt widmet ihnen Susanne Beatrix Hohmann die Aufmerksamkeit, die sie eigentlich verdienen. In der glĂ€nzend ausgestatteten Druckfassung ihrer Dissertation resĂŒmiert sie zunĂ€chst den Stand der Forschung, beschreibt die Figuren und hier vor allem ihre Farbigkeit, um dann ihren Stil und ihre Ikonographie zu bestimmen. Dies sind die klassischen Methoden der Kunstgeschichte, mit der man die dargestellten Inhalte und die Zeitstellung der Kunstwerke erschließen kann. Gerade um letzteres kreiste lange Zeit die wissenschaftliche BeschĂ€ftigung mit den HalberstĂ€dter Chorschranken, sind sie doch wie so hĂ€ufig durch zeitgenössische Schriftzeugnisse nicht sicher zu datieren. Lediglich von einem großen Brand im Jahre 1179 weiß man, als Heinrich der Löwe die Stadt zerstört hatte. Die Chorschranken wurden kurz danach gearbeitet, Susanne Hohmann kann sie zudem durch weitausgreifende Vergleiche in den Kontext der Kunst um die Jahre um 1200 einordnen. Alle Vergleiche scheinen gut begrĂŒndet, sie sind in der Regel darĂŒber hinaus auch abgebildet. Man weiß nun, in welch starkem Umfang sich die Werkstatt an Vorbildern orientiert hat, diese umfaßten offenbar auch Ă€ltere Bildvorgaben. So erscheint die Zusammenstellung von Maria, Christus und den Aposteln theologisch zwar vollkommen einleuchtend, sie ist aber in der Kunst der Zeit um 1200 so gut wie ĂŒberhaupt nicht vertreten. Bis in das sechste Jahrhundert muß man zurĂŒckgehen, um die Vorbilder fĂŒr diese klassisch wirkende Zusammenstellung zu finden. FĂŒr die ausfĂŒhrende Werkstatt waren sie allesamt greifbar und so löst sich die wissenschaftliche Diskussion, ob man byzantinische, französische oder rheinische Vorbilder, sei es in Buchmalerei oder der sogenannten “Kleinkunst”, also etwa TragaltĂ€ren und Reliquienschreinen suchen muß, wie das RĂ€tsel um den “Mord im Orient-Express” von Agatha Christie: Nahezu alle VerdĂ€chtigen waren beteiligt. Diese saloppe EinschĂ€tzung soll nicht darĂŒber hinwegtĂ€uschen, wie viel Scharfsinn fĂŒr das AufspĂŒren dieser Vorbilder aufzuwenden ist. Der Leser folgt Hohmann darin gerne und wird die HalberstĂ€dter Chorschranken danach mit neuen Augen sehen. Beides kann mehr als empfohlen werden.
Alexander Markschies
Susanne Beatrix Hohmann: Die HalberstÀdter Chorschranken. Ein Hauptwerk der niedersÀchischen Kunst um 1200. 183 S.; 159 Abb., dav. 19 fb.; 30 cm; HC; 2000, EUR 86,-
ISBN 3-87157-181-4
 
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