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Denkmalpflege statt Attrappenkult

Das von hoher Sachkenntnis getragene Buch gilt der Frage, ob es denkmalpflegerisch legitim ist, GebĂ€ude, die durch Abriss oder Kriegszerstörung vollstĂ€ndig vernichtet worden sind wiederaufzubauen. Damit schneidet das Buch einen Fragenkomplex an, der in Deutschland besonders seit der Wende wieder virulent ist: Sollte man Jahrzehnte nach deren Zerstörung SolitĂ€rbauten und Stadtensembles vermeintlich authentisch rekonstruieren? Die Dresdener Frauenkirche ist das Paradebeispiel einer solchen abgeschlossenen Maßnahme, die von den Autoren kontrovers beurteilt wird, weil hier der Grad an IdentitĂ€tsstiftung und die ĂŒberkommenen Reste des Bauwerks Faktoren sind, die den (Wieder-)Aufbau rechtfertigen könnten (so Johannes Habich S. 10). Anders ist die generelle Meinung den noch ausstehenden Projekten gegenĂŒber, die sich paradigmatisch immer wieder am Berliner StadtSchloss festmacht. Hier scheinen alle versammelten Denkmalpflege-Experten eine Rekonstruktion abzulehnen. Wie denn ĂŒberhaupt das Buch insgesamt eine generelle Absage an jede Form vermeintlich exakter Bau-Rekonstruktionen darstellt.

Ulrich Conrads gibt dem Band ein essayistisches Vorwort mit auf den Weg, in dem er den emotionalen, den seelischen Wert des Originals heraufbeschwört, den die Kopie keinesfalls besitzt.

Das einleitende Kapitel „Worum es geht“ von Johannes Habich umreißt die Geschichte der Rekonstruktion und wirft auch den Blick zurĂŒck auf die beginnenden BĂŒrgerinitiativen der 60er und frĂŒhen 70er Jahre, wo es in Erkenntnis der „Unwirtlichkeit unserer StĂ€dte“ auch um die von ihm genannten SpielrĂ€ume fĂŒrs Leben und die BildqualitĂ€t der AltstĂ€dte ging, vor allem aber doch, und das hĂ€tte deutlicher herauszustellen sich gelohnt, um grassierende FlĂ€chensanierung, also den Abbruch ganzer jahrhundertelang gewachsener Innenstadtquartiere zugunsten von Banken und KaufhĂ€usern, Großgaragen und Straßenschneisen, die heute das Bild so gut wieder jeder westdeutschen Großstadt bestimmen. Daß der Unmut so bloß „nostalgisch“ nicht war und getragen oft von beachtlicher Sachkenntnis, daß hier der Wunsch nach einer progressiven, weil historisch gewachsenen UrbanitĂ€t nichts mit sinnloser RĂŒckwĂ€rtswendung zu tun hat, sondern geradezu zum Auslöser wurde eines Umdenkens, das den Restschwund an Altstadt eben noch verhindern konnte, hat der Verfasser als junger Mann miterlebt. Diese „Denkmalpflege von unten“ und die mit ihr einhergehende Besinnung auf das jeweilige Wohnumfeld wĂ€ren eine eigene Darstellung wert. Sicherlich sind auch sie ein „Fundament der Bauwelt“?

Georg Mörsch benennt die ethischen Grundwerte der GrĂŒndervĂ€ter der Denkmalpflege und beschreibt anhand vor allem literarischer Texte die Faktoren, die das Denkmal ausmachen, daß er hierzu auch Börries von MĂŒnchhausens Ballade „Lederhosen-Saga“ heranzieht, bleibt, bei allem Humor, ein Beleg fĂŒr die Fixierung derartiger Konstituenten und Werte nicht nur in der Architektur, sondern in jeder Art generationsĂŒbergreifender Überlieferung.

Mit Achim Hubels wohl faktenreichstem Beitrag dieses mit Tatsachen sowieso reich versehenen Bandes geht es auf eine Tour dÂŽhorizon der Geschichte der Denkmalpflege und ihren Umgang mit dem PhĂ€nomen Rekonstruktion. Diese reicht von hypothetischen RĂŒckgriffen auf spekulative GebĂ€udezustĂ€nde bei deren Wiederherstellung (so bei St. Michael in Hildesheim oder der inzwischen wieder „neo-romanisierten“ Fassade des WĂŒrzburger Domes, die nach 1945 im vermeintlichen Urzustand wiederaufgebaut worden war), bis hin zum Wunsch nach dem Wiedererstehen von heimeligen BĂŒrgerhauszeilen in Frankfurt oder Hildesheim.

Zu der von Gabi Dolf-BonekĂ€mper aufgestellten These, dass es eine Art von sekundĂ€r vermittelter untergegangener „Sehnsuchts-Architektur“ gibt (Sie zieht dafĂŒr die Reihe „Deutsche Lande. Deutsche Kunst“ des Deutschen Kunstverlags heran.), könnte der Rezensent als lebender Beweis dienen. Ihn haben die BĂ€nde in die Vergangenheit jener StĂ€dte „zurĂŒckversetzt“, in denen er gerade lebte: MĂŒnster z.B. oder Heilbronn, und er muß zugeben, daß die Ă€sthetische Suggestiv-Kraft derartiger verlorener Stadt-Ikonen ihn stĂ€rker fasziniert hat, als die oft biedere und blasse NeubaurealitĂ€t der fĂŒnfziger und sechziger Jahre dies zu tun vermochte, auch da, wo sie Historisches „anklingen“ zu lassen bemĂŒht war, wie etwa beim MĂŒnsteraner Prinzipalmarkt.

Michael S. Falser beschreibt das TheorieverstĂ€ndnis der Denkmalpflege in den 1960er bis 1980er Jahren, also der Zeit, als simulierte Erlebniswelten noch nicht Teil unserer „kulturellen“ Rundumversorgung waren und als der wieder erweckte Bewusstseinsstand und wachsender Wohlstand zur Fundierung eines hohen Niveaus und eines gleichfalls hohen Anspruchs der und an die Denkmalpflege fĂŒhrten.
Dabei differenziert er die graduelle Abstufung, die von der direkten Baukopie bis hin zum nur noch zeichenhaft gemeinten Umriss verlorener Architektur reicht, akribisch, wobei die schrittweise fortschreitende, möglichst weitgehende Loslösung vom Urbild zum QualitĂ€tsmerkmal wird: Ob diese Klassifizierung tragfĂ€hig ist, sei dahingestellt. Jedenfalls vermochte die bloße Verortung der Bastille auf dem Straßenpflaster einst beim Rezensenten nichts als die bloße Erkenntnis „Ach, hier war das“ auszulösen. Das Weltbewegende des Ereignisses, des Sturms auf die Bastille also, vermag jeder historische Kupferstich ergreifender zu vermitteln, als der in diesem Fall geschichtsbedingt verlorene genius loci.
Gern hĂ€tte man ĂŒbrigens den Wortlaut der Potsdamer ErklĂ€rung zur Denkmalpflege von 1991, mit der sich die Zunft aus ihrer Verantwortung zur Ablehnung von puren Rekonstruktionen verabschiedet hat. Er klingt in einem vom Michael S. Falser gemachten Zitat an und durchzieht leitmotivisch das mit (Selbst-)Kritik an einer den Rekonstruktionen allzu willig zustimmenden Denkmalpflege nicht sparende Buch. Eine Kernaussage lautet. Die Denkmalpfleger Deutschlands „bekunden VerstĂ€ndnis fĂŒr den Wunsch, zerstörte Werke der Baukunst durch Neubau wiederzugewinnen. Doch mĂŒssen sie mit Nachdruck daran erinnern, daß dieser Wunsch nicht wirklich erfĂŒllbar ist. Die Bedeutung der Baudenkmale als Zeugnisse großer Leistungen der Vergangenheit liegt nicht allein in den kĂŒnstlerischen Ideen, die diese verkörperten, sondern wesentlich in ihrer zeitbedingten, materiellen und kĂŒnstlerischen Gestalt mit allen Schicksalsspuren. Diese materielle Gestalt ist als Geschichtszeugnis unwiederholbar wie die Geschichte selbst,“ heißt es in der Potsdamer ErklĂ€rung.

Wenn man den Band durcharbeitet, glaubt man Georg Dehios Satz: „Das bedrohte Heidelberg[er][Schloss] ist ĂŒberall,“ geradezu anhand des so reichen herangezogenen Materials in unsere Alltagswirklichkeit ĂŒberfĂŒhrt zu sehen, - zum Greifen plastisch werden das Berliner und das Potsdamer StadtSchloss, die Bauakademie in Berlin und die Garnisonkirche in Potsdam, die Dresdener Frauenkirche, die Semper-Oper, das sterbende Hotel de Saxe in Dresden, das keiner Restaurierung wĂŒrdig war und deshalb lieber neu errichtet wurde, wĂ€hrend das Original verfĂ€llt, und das beinahe doppelt errichtete Palais Ephraim in Berlin (Version Ost und West) zu einem Reigen reanimierter oder auf Wiederbelebung noch wartender Aspiranten historischer Erinnerungskultur, die es – nach Meinung sĂ€mtlicher Autoren des Bandes – so eigentlich nicht wieder geben sollte. Denkmalpflegerisch ist das nachzuvollziehen, weil ein vollstĂ€ndig neu errichteter Bau eben kein Denkmal mehr ist, sondern eine Neuschöpfung mit den ZĂŒgen jenes verblichenen Denkmals. Aber IdentitĂ€t-stiftend sind sie eben doch, und wem wollte man das Recht auf Geschichte absprechen, das der Kunsthistoriker Jörg TrĂ€ger einst fĂŒr diese Art von Erinnerungskultur in Anspruch genommen hat?

Die Baukopie, nennen wir sie einmal wertfrei so, wird sich aus dem Feld zeitgenössischer und wohl auch zeitgemĂ€ĂŸer Stadt-Rekonstruktion nicht mehr weg eskamotieren lassen. Ist die Zeit der „Wundenpflege“ in deutschen InnenstĂ€dten doch leider noch lĂ€ngst nicht vorbei. Es gibt zu viele Schwerverletzte. Dass diese Baukopien nichts mit „Denkmalpflege“ zu tun haben und daß sie auch die Aura des Originals nicht wieder einholen können, ist unbestritten und leider unabĂ€nderlich. Aber, so könnten die BefĂŒrworter argumentieren, eine solide Kopie ruft immerhin die QualitĂ€ten des Originals auch fĂŒr diejenigen in Erinnerung, die sich sonst nicht erinnern wĂŒrden und die nicht die spezifische QualitĂ€t des Originals nicht nachprĂŒfen können.

Es kreuzen sich zwei QualitĂ€ten im Raum: neo-historistisches Rekonstruieren zugunsten von IdentitĂ€t und zugunsten eines nicht gering zu schĂ€tzenden „genius loci“ und die viel höher zu stellende Besorgnis der Denkmalpflege um das GespĂŒr fĂŒr den Wert des Originals und dessen WertschĂ€tzung! Jedes aus handgestrichenen Ziegeln bestehende Dach und jede original durchfensterte BĂŒrgerhausfassade besitzt natĂŒrlich etwas, was Schloss- und Bauakademie- und Garnisonkirchen-Kopien nie besitzen werden, den Wert des gealterten, authentischen, in dieser Form einmaligen, oft noch vorindustriellen und wenn auch nur einen bescheidenen Grad kĂŒnstlerischer QualitĂ€t vermittelnden Relikts einer untergegangenen Handwerkskultur. Die möglichste Begrenzung eines „Schwunds der Originale“, der unvermindert fortschreitet, bleibt die eigentliche, oft wohl deprimierende Aufgabe der Denkmalpflege. Vor dem Hintergrund dieser Sisyphos-Arbeit muss die erklĂ€rte Gegnerschaft gegen monumentale Wieder-Aufbauten, die eigentlich historistische Neubauten sind, gesehen werden.

So sieht denn Adrian von Buttlar in den Kopien folgerichtig kein Thema der Denkmalpflege, sondern eine freilich eklektische Spielart zeitgenössischer Architektur. Er selbst plĂ€diert fĂŒr die Form des „erinnernden Zitierens“ der dahingegangenen Bauten, wie sie nach dem Krieg von MĂŒnster bis Helgoland und von Rostock bis zum Berliner Nikolaiviertel beim Wiederaufbau landauf landab praktiziert worden ist.
Von Buttlars Rekonstruktionsliste in aufsteigender Linie reicht von der „stumpfen Reproduktion“ (von Buttlar) der Baudetails der Berliner Kommandantur (2004), ĂŒber das vereinfacht, vergröbert und mit Auslassungen wieder aufzubauende Potsdamer Stadtschloss (Baubeginn 2010); ĂŒber die Kopie einer Kopie oder, frei nach Lichtenberg, die Kopie zweiten Grades am Potsdamer Neuen Markt 5 (eine Palladio-Reprise gesehen von einem Potsdamer Palladianisten, als GerĂŒst wiedererrichtet 1999/2000), bis hin zum von Gerkans/Marg und Partnern geplanten Berliner Schloss als „Janusschloss“ (2000), in deren digitalisiert auf Glas dargestellter Simulation unter Einblendung erhaltener Baufragmente von Buttlar eine „kritische Rekonstruktion“ sieht, und bis hin zum bloßen Umriss der Potsdamer Heiliggeistkirche als Stahlkonstruktion (1997/98).
Von Buttlar ist es auch, der den Begriff der „kritischen Rekonstruktion“ (H.-W. HĂ€mer) in die Debatte wirft, so wie sie bei ErgĂ€nzungen etwa am SaarbrĂŒcker Schloss oder am Neuen Museum in Berlin praktiziert worden ist.

Sollte man den BefĂŒrwortern von Baukopien freie Hand lassen?
Nein, denn was bedenklich stimmt, nein alarmiert, sind auch die Summen, die fĂŒr derartige Kopien aufgewandt werden sollen. Allein der Berliner Schlossaufbau wĂŒrde etwa genau so viel kosten, wie die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in den letzten 25 Jahren als Zuschuss fĂŒr denkmalgeschĂŒtzte Bauen verausgabt hat! Diese oft gigantischen Summen entgehen dem wirklichen Schutz und der Pflege der authentisch ĂŒberlieferten Bauten, fĂŒhren folglich zu deren VernachlĂ€ssigung oder gar ihrem Verlust! Leider wird sich wohl keine Zwangsabgabe bei Nachbau historischer Vorbilder zugunsten der Erhaltung historischer Bausubstanz einfĂŒhren lassen, da SchlĂŒter und Schinkel inzwischen urheberrechtlich frei und „Allgemeingut“ sind.
Insgesamt entsteht der Ausblick auf ein trauriges Artensterben zugunsten einiger nicht historischer Großbau- und Prestigeobjekte.

8. 4. 2011
Jörg Deuter
Denkmalpflege statt Attrappenkult. Gegen die Rekonstruktion von BaudenkmÀlern - eine Anthologie. Bauwelt Fundamente 146. Texte: Buttlar, Adrian von, Dolff-BonekÀmper, Gabi, Falser, Michael S., Mörsch, Georg, Hubel, Achim. 224 S. 19 x 14 cm. Pb. BirkhÀuser Verlag, Basel 2010. EUR 24,90
ISBN 978-3-0346-0705-6
 
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