KunstbuchAnzeiger - Kunst, Architektur, Fotografie, Design Anzeige Verlag Langewiesche K√∂nigstein | Blaue B√ľcher
[Home] [Architektur] [Rezensionen] [Druckansicht]
Themen
Recherche
Service

[zurŁck]

Dream City. Zur Zukunft der Stadträume

Als Europäer lassen sich die immer rasanter wachsenden urbanen Zentren Asiens, Lateinamerikas oder Afrikas kaum begreifen, sich zurechtzufinden ist ganz unmöglich. Immerhin: Der Fotograf Claudio Hils hat es versucht. Das Ergebnis ist das Katalogbuch "Dream City. Zur Zukunft der Stadträume" - nach "Der Kunst-Garten" und "Die Inszenierung der Freizeit" der dritte Teil der außergewöhnlichen Projektreihe "Architektur und Umwelt" des Stadthauses Ulm.
Im Zentrum des Photoessay von Hils stehen allerdings nicht die Stadtzentren, die zusehends zur pittoresk inszenierten Kulisse geworden sind. Hils hat sich aufgemacht, die Ränder der Städte fotografisch auszuleuchten, die Zwischenräume des Urbanen, wo die Zeit bisweilen stillzustehen scheint im Grenzbereich zwischen Traum und Realität.
Der immense Bev√∂lkerungszuwachs in den neuen Mega-St√§dten ist zum dr√§ngenden Problem geworden: Schon heute k√∂nnen viele St√§dte ihrer Bev√∂lkerung nicht mehr ausreichend Energie und Wasser zur Verf√ľgung stellen - und an ihren R√§ndern entstehen riesige Abfallberge. Und doch scheint die Stadt die einzige Siedlungsform des Menschen zu sein, die ein √úberleben sichert. Von der hohen "√∂kologischen Effizienz" der St√§dte ist in einem Buchtext die Rede - der gemeinsamen Nutzung von Infrastruktur.
So richtet sich der Fokus des deutschen Fotografen Claudio Hils auch nicht einseitig auf die Problematik des Neuen Bauens, nicht die "Unwirtlichkeit" dieser Städte ist sein singuläres Thema. Stattdessen macht Hils Unterschiedlichkeiten von Stadtbildern (am Beispiel von Las Vegas, LosAngeles, Sao Paulo, Bangkok und Tokio) und ihren Strukturen sichtbar. Eine ganze Reihe von Arbeiten zeigen die bereits angedeutete Kulissenhaftigkeit des urbanen Raums, die in Architekturtypen wie der Shopping Mall auf die Spitze getrieben wird.
Man wird sich - auch das ist eine These von Claudio Hils' Photoessay und den Textbeitr√§gen von Max Stemshorn, Sabine Presuhn, Klaus T√∂pfer, Sebastian Redecke, Ulrich Schneider und Manfred Schmalriede - in Zukunft von der europ√§ischen Idee kompakter und zentraler Innenst√§dte verabschieden m√ľssen. Riesige Baugruben, ein undurchdringliches Geflecht von Kabeln, Strommasten, Stra√üen und Kan√§len deuten dies bereits heute an. Die gezeigten Vorst√§dte ersch√ľttern in ihrer Banalit√§t - und wenn im Katalog zu lesen ist, diese Entwicklung w√ľrde in vielen F√§llen von den Bewohnern akzeptiert, so sprechen einige der Fotografien eine andere Sprache. Man macht aus der Not eine Tugend, richtet sich in Nischen ein, seien es Bretterverschl√§ge oder nur eine Stra√üenecke, die zum Treffpunkt der Menschen geworden ist.
Neben der Kulissenhaftigkeit von Zoos, Einkaufszentren und Parks sucht der Blick des Fotografen vor allem jene urbanen Felder, deren Nutzung noch nicht endg√ľltig definiert scheint: Brachfl√§chen, M√ľllhalden und Baustellen, die √ľberall auf der Welt durch Bretterz√§une und Maschendraht von anderen Stadtgebieten separiert werden. Dass selbst diese Z√§une wiederum zur Illusion von Urbanit√§t genutzt werden, ist auff√§llig. Kaum ein Bauzaun, der nicht auch Werbefl√§che ist - oder als Kulisse imaginierter Einkaufsparadiese dient.
Sich im "urban jungle" zurechtzufinden ist schwierig, doch bietet der Fotograf freundlicherweise Hilfe an. In gewisser Hinsicht macht er sich, wie Manfred Schmalriede in seinem Buchtext aufzeigt, seine eigene Fremdheit zunutze: "Zwischen sich und seine Umgebung schiebt er die Kamera als vermittelnde Instanz, um √ľber die Distanzierung N√§he zu erzeugen."
Hils' fotografischer Ansatz ist auch in diesem Widerspruch zu verstehen: Distanz schafft der Fotograf etwa, indem er aus der Vogelperspektive einen Blick auf die urbane Welt zu erhaschen sucht: H√§ufig fotografiert er seine Bilder von erh√∂htem Standpunkt und meistens mit einer beinahe wissenschaftlich anmutenden Tiefensch√§rfe. Doch sind es vor allem die Kompositionen, welche den distanzierten Kamerablick immer wieder hintergehen. So r√ľckt Hils etwa den √§rmlichen Bretterverschlag einer Familie aus Sao Paulo ganz nah an den Betrachter. Dar√ľber laufen Stromleitungen aus dem Bild, welche die Endlosigkeit (auch Ausweglosigkeit) der gezeigten Wohn- und Lebenssituation vor Augen f√ľhren.
Dass Hils' Arbeiten das Chaos heutiger St√§dte in Bilder fassen, die auseinanderstrebende Linien, Raster und Strukturen zu eindringlichen Fotografien verdichten, machen sie zu etwas Besonderem - vor allem, weil ihr Sujet genau das nicht mehr leisten kann: Aus den historischen St√§dten mit ihren einpr√§gsamen, origin√§ren Zentren sind auseinanderlaufende, oft austauschbare, grenzenlose Monster geworden, deren un√ľbersichtliches "All-over" (Schmalriede) gleicherma√üen Alarmsignal und Faszinosum ist.
Claudio Hils gibt diesen Orten eine neue Ordnung.
Marc Peschke
Dream City. Zur Zukunft der Stadträume. Dt. /Engl.. Texte v. Stemshorn, Max u.a. 2001. 144 S., 97 Abb., dav. 64 fb. 30 cm. Gb EUR[D] 34,77
ISBN 3-7757-1061-2
 
© 2003 Verlag Langewiesche [Impressum] [Nutzungsbedingungen]