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DIE NEUE HEIMAT (1950 - 1982) – Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten

Eine wunderbare Idee, die das Architekturmuseum München da hatte: einmal nicht von der Planerseite auf die Bautätigkeit zu schauen, sondern den „eigentlichen“ Akteur in den Mittelpunkt zu stellen: den Bauträger. Und wie wunderbar aktuell noch dazu, fehlen doch in deutschen Landen all überall die Wohnungen. „Die Neue Heimat“, 1950 in der Bundesrepublik gegründetes gewerkschaftseigenes Bauunternehmen, war über drei Dekaden hinweg der Inbegriff des sozialen Massenwohnungsbaus. Man experimentierte mit Wohnkonzepten, mit Bautechnik (Plattenbau des Westens!), mit dem Städtebau, der sozialen Mischung, integrierte Versorgungs- und Betreuungseinrichtungen in die neuen Siedlungen, kollaborierte mit Privatarchitekten und mauserte sich schließlich zur Immobilienkrake, die riesige kommunale Bauprojekte querfinanzierte und als Generalübernehmer bis zur Schlüsselübergabe abwickelte (darunter legendäre Millardengräber wie das Westberliner ICC, aber auch das Hamburger Congreß Center, die Bauausstellung documenta urbana, diverse Shoppingcenter und Krankenhäuser in Berlin und Aachen – das Uniklinikum).
Aber was war das besondere an der „Neuen Heimat“? Wie unterschied sie sich vom Wohnungsbau der Kommunen (als des Staates), wie von dem der privaten Wirtschaft, gar von der Wohnungsbaupolitik in anderen Ländern, wie England (New Towns), Frankreich (Banlieus), Amerika (privatfinanziertes social housing)? Woher kam das Baukapital – von gewerkschaftseigenen Banken und Geldgebern oder den üblichen Privatbanken? Von Risikokapitalgebern? Wie war es in diesem Zusammenhang um die Verwaltungsstruktur der „Neuen Heimat“ bestellt: Wer entschied was in welcher Höhe finanziert wird? Wer kassierte die Renditen? Das alles – und das wäre doch bei dem Thema erst einmal die Basis gewesen – erfährt man nicht. Man erfährt auch nicht, wie denn die Menschen gewohnt haben, die nicht in „Neue-Heimat“-Siedlungen unterkamen – aber das wäre doch die Folie gewesen, vor der die Leistungen der „Neuen Heimat“ überhaupt abschätzbar werden (mit bloßen Zahlen über die NH kann ich nichts anfangen: es braucht dann schon Vergleichszahlen). Dann die Frage der Vorläufer: Auch in den 20er Jahren hatte es gewerkschaftsfinanzierten Wohnungs- und Verwaltungsbau gegeben (das Werk der Brüder Taut etwa findet hier einen Dreh- und Angelpunkt). Da schließt sich die nächste Frage an: Wie unterstützte die BRD den Gewerkschaftsbau: Anders als die Weimarer Republik mit ihrem alles entscheidenden Instrument der Hauszinssteuer? Und die Systemkonkurrenz? Die DDR?
Schweigen im Walde – Thema vergeigt. Der Katalog schwimmt auf den Oberflächen von Städtebau und Wohnungen, hier und da wird ein bisschen was von Sozialkonzepten erzählt, ohne Struktur, ohne Tiefgang (übrigens ist das Layout durchaus gelungen). Drei Jahre wollen die Architekturmuseumsleute am Thema „Neue Heimat“ geforscht haben, heißt es in den Marginalien des Buchs. Sie haben im Trüben gefischt, wo – was bereits das legendäre Ende der „Neuen Heimat“ abverlangt hätte – Klarheit zwingend erforderlich gewesen wäre.

17.04.2019
Christian Welzbacher
DIE NEUE HEIMAT (1950 - 1982). Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten. Hrsg,; Lepik, Andres; Stobl, Hilde. 236 S. 235 Abb. 27 x 20 cm. Gb. Detail Business Information GmbH Verlag, München 2019. EUR 29,90. CHF 46,13
ISBN 978-3-95553-476-9
 
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