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Leo von Klenze – Griechisches und Nichtgriechisches

Es gibt B├╝cher, die nur von einem, von "ihrem" Autor geschrieben werden k├Ânnen, weil die wissenschaftliche Ausdauer einer Generation dazu geh├Ârt, die spezielle Konstellation, die ein solches Werk erfordert zu erf├╝llen. Das vorliegende Werk ist ein solcher Gl├╝cksfall: In ihm verbindet sich die jahrzehntelange Besch├Ąftigung mit dem Architekten mit der geistigen Durchdringung von Bauwerk und Baugedanken. Adrian von Buttlar hat sich seit seiner Assistentenzeit bei Hans Belting und Wolfgang Braunfels mit dem Werk Leo von Klenzes besch├Ąftigt, 1984 ├╝ber ihn habilitiert und auch w├Ąhrend seiner Lehrt├Ątigkeit in Kiel weiter am Thema gearbeitet. 1998/99 entstand die vorliegende kompakte Monographie, die innerhalb der Kunstgeschichte erstaunlicherweise nur zwei Vorg├Ąnger in den zwanziger (Kiener) und sechziger Jahren (Hederder) hatte. Hatte Kieners Klenze-Apologetik den Architekten sp├Ąter als Ahnherrn der NS-Bauten am K├Ânigsplatz in Anspruch genommen, so verharrte Hederer in stilgeschichtlichen und technologischen Fragestellungen. - Erst Buttlars Buch bringt Klenzes Werk und Pers├Ânlichkeit nun auf den Standard international diskutierbarer Klassizismusforschung. (Etwa gleichzeitig mit der M├╝nchner und der etwas knapper best├╝ckten Berliner Klenze-Ausstellung).
Und das, obwohl Klenze zu Lebzeiten durchaus ein europaweit renommierter und von St. Petersburg bis Athen bauender Architekt war. Die Frage warum Leo von Klenze, der Antagonist Schinkels, erst jetzt in den Mittelpunkt des Interesses r├╝ckt, thematisiert der Autor auf mehreren Seiten. Zum einen wurde das Ph├Ąnomen Klenze sehr stark als rein bayerisches wahrgenommen, zum anderen galt der von ihm wie von keinem zweiten repr├Ąsentierte "romantische Klassizismus" den Vertretern eines klassischen Purismus als zweitrangig und zum dritten mag die Pers├Ânlichkeit des Mannes, der autokratisch und intrigant sein Stilideal und wohl nicht nur deswegen auch seine Vorrangstellung bei Ludwig I. durchsetzte und aufrechterhielt, den Blick auf das k├╝nstlerische Potential des Architekten verstellt haben.
Dabei war Klenzes Name immer mit einer ganzen Reihe von innovativen Superlativen verkn├╝pft: So gilt er als Begr├╝nder der Neo-Renaissance in Deutschland (Leuchtenberg-Palais), als gr├Â├čter Architekt seiner Zeit im Museumswesen (Pinakothek, Eremitage, Glyptothek), als Memorialbaumeister des Klassizismus ├╝berhaupt. Sein M├╝nchner K├Ânigsplatz war nicht nur f├╝r Ludwig I., der "K├Ânig der Pl├Ątze". Trotz dieser noch erweiterbaren Bilanz haftete Klenze aber oft unausgesprochen das Odium mangelnder Originalit├Ąt an. Symptomatisch erscheint Paulis Urteil: "Er steht nicht, wie Schinkel, ├╝ber den Stilformen, die er beherrscht, sondern lebt in ihnen, wird von ihnen beherrscht (...)." Zudem erschwerte Klenzes "aristokratisch-konservative Grundhaltung" (S. 331) es, ihn in die Traditionslinie von Ledoux bis Le Corbusier einzubinden. Der Grad an Fortschrittlichkeit, aber auch das retardierende Moment seiner Architektur, offenbart sich - theoretisch - vielleicht am deutlichsten in den Antworten, die er einem Kommit├ęe des britschen Unterhauses 1836 gab. Das Hearing umfa├čte ebenso den Standard des bayrischen (Volks-)Schulwesens in Sachen Zeichenunterricht wie die sozialpolitische Komponente des freien Eintritts und der Abend├Âffnungszeiten der staatlichen Museen in Bayern, "now the classic country of the Arts", wie der abschlie├čende Report des Unterhauses konstatierte. Nur Klenzes Verst├Ąndnis f├╝r das neue funktionelle Bauen blieb scheinbar auf der Strecke, denn Paxtons "Kristallpalast", die ├ťbertragung von Treibhaus- und Wintergartenarchitektur auf ein Ausstellungsgeb├Ąude war ihm suspekt. Dennoch freute es ihn, dass er in Kehlheim als Avantgardist des Eisen-Glas-Baus in Deutschland (S. 414) oder, klassisch gesagt, als "Polym├ęchanos" (Ludwig I.) Anerkennung fand. Die Eisenkonstruktionen der Dachst├╝hle der Walhalla und der Befreiungshalle gelten als Pionierleistungen ihrer Art in Europa.
Dabei ist Klenze unseren heutigen Sehgewohnheiten wahrscheinlich n├Ąher als die Puristen unter seinen Zeitgenossen. Der seinem Werk innewohnende "immanente Historismus" (v. Buttlar) wird in den Innenr├Ąumen am sp├╝rbarsten. Klenzes wand├╝bergreifende Dekorationen von Fresken, Ornamenten, Reliefs und Friesen bieten oft ein optisches ├ťberangebot, eine Opulenz stilistischer, materialer und koloristischer Pluralit├Ąt, die an der Decke durch "krautigen Akanthus" (S. Giedion) bekr├Ânt wird. Oftmals r├Ąumt der Architekt sogar dem Maler das Feld.
Klenze war nicht nur ein widerspr├╝chlicher Baumeister. So betitelt von Buttlar ein zentrales Kapitel seines Buches denn auch "Anpassung und Widerstand". Er war sich dieser Widerspr├╝che auch bewu├čt. So hei├čt denn seine zentrale kunsttheoretische Altersschrift: "Griechisches und Nichtgriechisches". Unter den „Philhellenen" der deutschen Architektur (Schinkel, Haller von Hallerstein) war er am wenigsten der Antike verpflichtet, um wiederum, auch darin zutiefst widerspr├╝chlich, am Ende seines langen Wirkens zum geradezu schon anachronistischen Gralsh├╝ter der Ideen von edler Einfalt und stiller Gr├Â├če zu werden.
Adrian von Buttlar hat nicht nur die erste vollg├╝ltige Monographie ├╝ber Klenze geschrieben. Er hat die Vielgestaltigkeit dieses Oeuvres, das die Stilentwicklung eines halben Jahrhunderts mitbestimmte, in achtzehn Kapiteln komprimiert, die sich, brillant illustriert, als kulturhistorische Lekt├╝re ├╝ber das goldene Zeitalter Isar-Athens ebenso lesen lassen, wie als der Werdegang eines sp├Ąten K├╝nstler-Diplomaten, dem auch die Kunst der Intrige nicht fremd war. Vor allem aber ist dieses Buch eine glanzvolle Darstellung eines in allen Phasen seines Wirkens gl├Ąnzenden Architekten, der die Normen vom Klassizisten oder Historisten, vom Bajuwaren oder Neugriechen, vom Doktrin├Ąr und Vision├Ąr sprengt.
J├Ârg Deuter
Buttlar, Adrian von: Leo von Klenze. Leben - Werk - Vision. 480 S., 440 Abb., dav. 60 fb., HC, DM 128,-;
ISBN 3-406-45315-5   [C. H. Beck]
 
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