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ArchitekturfĂŒhrer Venedig. Bauten und Projekte nach 1950

Offeriert werden acht StadtrundgĂ€nge zur Architektur der venezianischen Moderne nach 1950. Kaum bekannt, Resultat unserer selektiven Wahrnehmung nur des historischen Teiles der Stadt. Und doch kommen wir alle schon seit geraumer Zeit in diesem modernen Venedig an: Auf dem Flughafen (2002), an Schiffs-Passagierterminals (2002, 2011), im Bahnhof Santa Lucia (1952). Und sind vielleicht von dort ĂŒber die zweite, neue Calatrava-BrĂŒcke (2008) gegangen. Fischskelettförmig zum Busbahnhof Piazzale Roma hin gewölbtes architektonisches Highlight, den Touristenstrom dorthin nun vervielfachend. Gelungene architektonische Moderne und zugleich verkehrsplanerisch-stĂ€dtebaulicher Mißgriff. Diesen verhinderten bisher vehemente Proteste gegen den Umbau (Rem Koolhaas, seit 2008) der Fondaco dei Tedesci (erbaut um 1230), dem frĂŒheren Handelshaus der Deutschen am Rialto zum investorbestimmten (Benetton Group) Touristen-Konsumtempel. Zwei von vielen Beispielen nicht nur venezianischer Interessenkonflikte. Und unbenanntes zweites Hauptthema dieses Buches.

Ein architektonisch weniger umstrittenes Venedig findet sich am Canal Grande mit der Galleria dell`Academia (1960) und geglĂŒckten Umbauten durch finanzkrĂ€ftige Kunstsammler zu Museen/AusstellungsrĂ€umen moderner Kunst (Palazzi Ca` Pesaro 2002, Guggenheim 2012, Grassi 2006, die ehemalige Zollstation Punta della Dogana 2009). In Architektur geformte, prestigetrĂ€chtige Selbstdarstellungen eines zeitenĂŒbergreifenden venezianischen MĂ€zenatentums, auch von Stiftungen wie der der Cini (S. Giorgio Maggiore, seit 1951). Garant fĂŒr Venedig als Tummelplatz der internationalen Architekturelite: Pier Luigi Nervi, Rem Koolhaas, Tadao Ando, David Chipperfield, Renzo Piano, Aldo Rossi, Frank Lloyd Wright bauten hier. Aber nicht alle genehmigten und begonnenen ArchitektentrĂ€ume erfĂŒllten sich, der Palast der Filmfestspiele (2005/2008) und das Filmfestspielhaus auf dem Lido (2004) wurden nie gebaut. Auch von praxisfernen EntwĂŒrfen ist zu lesen (Pierre Cardins Festland-SolitĂ€r „Palais Lumiere“, 2012, 300 Meter hoch) und die Praxistauglichkeit des hier ausfĂŒhrlich dokumentierten Milliardenprojektes der „MOSE“-Lagunen-Hochwassersperren (im Bau seit 2003) muß sich noch erweisen. Fest stehen bisher die ökologischen und finanziellen Folgewirkungen: Unkalkulierbar.

Auf dem Weg zu den Nachkriegs-Pavillons der Kunstbiennale (Architekturbiennale seit 1980) finden sich die öffentlich kaum zugĂ€nglichen Um- und Neubauten des Arsenale (BĂŒros, Labore, Konferenz- und AusstellungsrĂ€ume, 1997 – 2013). Mit ihnen zeigt sich das ganze Spektrum der hier dokumentierten venezianischen architektonischen Moderne: KrankenhĂ€user, Seniorenwohnheime, Erweiterungsbauten auf der Friedhofsinsel, Verwaltungs-, BĂŒro- und UniversitĂ€tsgebĂ€ude, neue (Bauer-GrĂŒnwald, 1949) und „alte“ Hotels (wie das umgebaute Industriedenkmal Molino Stucky, 1895/2007). Auf Industriebrachen entstandene, teils Alt- und Neubauten verbindende gelungene (Cannaregio, 2002; Wohnquartier IACP, 1986) und weniger gelungene Wohnbauten (Giudecca, 1994-2006) geraten ins Blickfeld. Versuche, die anhaltende Stadtflucht einzudĂ€mmen.
Und, wenig erwartet, finden sich auf dem Lido Kehrseiten dieser Moderne. Mit der eleganten, unvollendet vor sich hinrostenden Strandanlage „Blue Moon“ (1998) und dem unweiten, neoklassizistischen Grand Hotel des Bains (1895), Ort von Thomas Manns „Tonio Kröger“. Seit 2010 leer, bauzaunumhĂŒllt, Lofts sollen hier eingebaut werden.
So prĂ€sentiert sich hier, im Überblick und Detail, die venezianische Moderne in all ihren positiven und negativen Schattierungen. Gelungen. Faktenfundiert-sachlich, kritisch-realistisch, in allgemeinverstĂ€ndlicher Sprache. Damit ein Angebot fĂŒr Architekten, Stadtplaner (die Literaturhinweise vermissen werden), aber auch fĂŒr Architekturinteressierte und Venedig-Fans. Ein Angebot, das sie nicht ausschlagen sollten.

15.10.2014
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
ArchitekturfĂŒhrer Venedig. Bauten und Projekte nach 1950. Kusch, Clemens F.; Gelhaar, Anabel. 280 S. 400 Abb. 25 x 13 cm. Pb. DOM, Berlin 2014. EUR 38,00. CHF 50,90
ISBN 978-3-86922-327-8
 
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